Transkulturelle Anthropologie

19. April 2003, 18:00
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Spannung zwischen lokalen Identitäten und globalen Einflüssen

Das Spannungsfeld wurde oft diskutiert: Obwohl die globale Vernetzung fortschreitet und die Welt vorgeblich kleiner wird, nehmen die Menschen selbst ihre unmittelbare lokale Umgebung immer wichtiger. Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen globalen Einflüssen und regionalen Entwicklungen, dem der vom Ethnologen Andre Gingrich an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eingerichtete Forschungsschwerpunkt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse" nachgeht. 1,5 Millionen Euro, das vom Wissenschaftsfonds jährlich an Spitzenforscher vergebene Wittgenstein-Preisgeld, die 2001 an Gingrich verliehen wurden, stehen bis 2006 einem interdisziplinären Team zur Verfügung.

Das Ziel des Schwerpunktes sei es, "einen kritischen Beitrag in einer Diskussion zu liefern, die gerne in polarisierenden Verkürzungen abläuft", erklärt die stellvertretende Leiterin Johanna Riegler. Als Beispiel nennt sie die These vom "Kampf der Kulturen", nach der es quasi "natürlich" zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Kultursystemen wie etwa dem "westlichen und dem islamischen kommen" müsse.

Stattdessen werden in zwei regionalen Schwerpunkten lokale Entwicklungen mit globalen Strukturen in Zusammenhang gebracht: In der Region des Nahen Ostens beschäftigt sich etwa Gudrun Kroner mit weiblichen Flüchtlingsschicksalen in der arabisch-islamischen Welt. Sie vergleicht Biografien von Somali-Frauen in Ägypten und Palästinenserinnen im Gazastreifen und arbeitet heraus, welche kulturellen Werte die Frauen bei ihren Überlebensstrategien prägen und wie ihre Einstellungen mit jenen des Aufnahmelandes interagieren.

Im Schwerpunkt zu Europa widmet sich die Ethnologin Susanne Binder dem interkulturellen Lernen, "eine Reaktion auf die durch zunehmende Mobilität veränderte Situation in österreichischen Schulen". Da gebe es Hürden und Konfliktpotenzial genauso wie Raum für Kreativität, sich mit fremden Kulturen auseinander zu setzen. Die Klassensituation wird für Binder zum "anthropologischen Forschungsfeld", von dem sie sich Rückschlüsse darauf erhofft, wie sich Migration konkret auf den Umgang der Schüler unter einander und die Konstruktion von Identitäten auswirkt. "In allen Teilprojekten werden lokale Kulturprozesse mit überlokalen Einflüssen wie religiösen Hegemonieformen, Migrationsbewegungen oder Nationalstaatbildung in Beziehung gesetzt und damit transkulturelle Vergleichsebenen erarbeitet", erklärt Johanna Riegler.

Die Ergebnisse sollen zum Ende des Forschungsschwerpunktes wieder zusammenfließen und als Grundlagenforschung auf Parallelen, aber auch wesentliche Unterschiede in globalen, transnationalen und lokalen Kulturprozessen hinweisen. (ez/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. - 21. 4. 2003)

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