Unheilbare Krankheit mit vielen Gesichtern

19. April 2003, 12:00
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Die Identifizierung von vier Varianten Multipler Sklerose könnte die Treffsicherheit von Therapien erhöhen

Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste Nervenkrankheit von jungen Menschen in der westlich-industrialisierten Welt. Sie trifft circa jeden Tausendsten und tritt meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zum ersten Mal auf. Wiener Hirnforschern ist es nun gelungen, vier MS-Formen zu unterscheiden und damit Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf und die Wirksamkeit von Therapien zu ziehen.

Bei Multipler Sklerose werden die Markhüllen der Nervenfasern durch Entzündungsherde langsam zerstört. Zu Beginn passiert das bei 85 Prozent der Patienten durch heftige Schübe, nach denen sich die Kranken aber meist gut erholen. Nach etwa zehn Jahren bleiben die Schübe aus, die Krankheit schreitet dann schleichend voran. Bei nur 15 Prozent der Patienten fehlen die Schübe überhaupt, und die Krankheit entwickelt sich von Beginn an schleichend.

"Vergleichbar mit einem Stromkabel, bei dem man die Isolationsschicht entfernt, tritt auch aus den Nervenfortsätzen Strom aus, der die Fasern selbst und das umliegende Gewebe schädigt", erklärt Hans Lassmann, Neuropathologe an der Universität Wien und Leiter des vom Wissenschaftsministerium geförderten Forschungsprojektes. Während sich die Markscheiden selbst wieder regenerieren können, bleiben die Nervenfasern beeinträchtigt. Die irreparablen Schäden breiten sich immer weiter aus und führen bei den meisten Patienten nach zehn bis zwanzig Jahren zu einer neurologischen Behinderung.

Der Grund, warum der Körper plötzlich beginnt, seine eigenen Nervenfasern anzugreifen, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. "Es gibt zwar eine genetische Komponente: Wenn ein eineiiger Zwilling an MS erkrankt, ist das Risiko des anderen Zwillings, ebenfalls MS zu bekommen, 300-mal höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Tatsächlich erkrankt dann aber nur jeder dritte Zwilling", erklärt Mediziner Lassmann. "Es muss also einen zweiten, äußerlichen Faktor geben, der die Autoimmunerkrankung auslöst. Eine Infektion beispielsweise durch einen Virus könnte das Immunsystem fehlprogrammieren. Plötzlich sieht es das Nervengewerbe als Fremdkörper an, den es bekämpfen muss." Man weiß aber bis heute nicht, welche Viren einzeln oder vielleicht auch in einer Kombination die Fehlfunktion bewirken.

Noch etwas zeichnet Multiple Sklerose aus: Sie hat viele Gesichter. Die Krankheitsverläufe können sehr unterschiedliche Formen annehmen, weshalb sie auch schwer zu therapieren ist: "Manche Patienten sprechen auf einzelne Medikamente gut an, andere überhaupt nicht. Unsere Überlegung war, dass die Mechanismen, die zur Zerstörung des Nervengewebes führen, bei jedem Menschen anders sind", beschreibt Hans Lassmann. Beteiligt an dem krankhaften Prozess sind immer dieselben drei körpereigenen Stoffe: T-Lymphozyten, die für die Immunsteuerung verantwortlich sind und Gewebe angreifen können, B-Lymphozyten, deren Eiweißmoleküle als Antikörper Keime attackieren und binden, und Makrophagen, die Fresszellen, die durch T-Lymphozyten aktiviert werden und ohne genaue Zielrichtung Gewebe zerstören. Diese drei Elemente treten normalerweise gemeinsam in Aktion.

Durch die Untersuchung von mehr als 130 Gehirnen von verstorbenen MS-Patienten konnten die Forscher aber feststellen, dass je nach genetischer Veranlagung des Menschen bei manchen Patienten hauptsächlich die T-Lymphozyten aktiv sind. Bei anderen werden vor allem Rückenmark und Augen von MS in Mitleidenschaft gezogen - schuld sind hauptsächlich B-Lymphozyten in Kombination mit Antikörpern. In einer dritten Gruppe ist das Gehirngewerbe genetisch anders beschaffen, sodass es sich leichter entzündet und die Krankheit wesentlich schwerer und aggressiver voranschreitet. Eine vierte Variante von MS war vor dem Forschungsprojekt der Wiener Pathologen überhaupt unbekannt: Bei dieser Form werden die Blutgefäße im Gehirn geschädigt, wodurch ein Sauerstoffmangel im Gewebe entsteht.

Mit der Unterscheidung dieser Muster kann man auch erklären, warum MS-Therapien nie bei allen Patienten gleich wirksam sind: Schaltet nämlich eine Behandlung etwa die Antikörper aus, dann wirkt sie nur bei jenen Kranken, bei denen ebendiese Antikörper die Krankheit vorantreiben. Um für jeden Patienten die richtige Therapie zu finden, entwickelten die Hirnforscher in Zusammenarbeit mit der neurologischen Abteilung der Innsbrucker Uni-Klinik neue Diagnose- und Testverfahren: "Durch Kernspintomografie-Bilder der Schädigungen des Gehirns kann beispielsweise die T-Zellen-Variante von jener, an der Antikörper maßgeblich beteiligt sind, unterschieden werden. Eine andere Möglichkeit ist die Untersuchung von Blut und Gehirnflüssigkeit auf Antikörper oder ein von uns entdecktes Protein, das bei Sauerstoffmangel entsteht", erklärt Neuropathologe Hans Lassmann. Diese Tests werden in Innsbruck bereits an einzelnen Patienten angewendet.

Laut Lassmann müssen die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt nun für die breite Masse der MS-Erkrankten erprobt werden: "Wir wissen sehr viel über Patienten mit aggressiven Krankheitsverläufen, weil bei ihnen die Immunreaktionen besonders massiv ausfallen und dadurch leicht nachzuweisen sind. Glücklichweise ist diese Gruppe aber in der Gesamtheit der MS-Patienten die kleinste. Nun müssen wir herausfinden, ob sich unsere Annahmen auch bei Patienten mit milderen Verläufen bestätigen." Die Ergebnisse beziehen sich auch nur auf jene Phase von Multipler Sklerose, in der die Patienten noch unter Krankheitsschüben leiden. Sobald die Erkrankung nur mehr schleichend fortschreitet, werden Untersuchung und damit auch Therapie schwieriger.

Scheinbar koppelt sich die Immunreaktion im Gehirn vom restlichen Immunsystem des Körpers ab. Therapien, die vor allem auf die Immunabwehr des Gesamtorganismus abzielen, wirken dann kaum mehr: "Man könnte die Immunreaktion eines Menschen komplett ausschalten, trotzdem würde die Schädigung des Gehirns langsam weitergehen. Aber da stehen die Untersuchungen am Anfang. Es ist schwierig abzuschätzen, ob und wann eine Therapieform gefunden wird."

Multiple Sklerose ist zwar nach wie vor nicht heilbar, trotz der vielen Unbekannten kann sie aber heute wirksam behandelt werden. Hans Lassmann: "MS-Patienten haben durchschnittlich keine kürzere Lebenserwartung mehr als der Rest der Bevölkerung, was in erster Linie vielfältigen Begleitmaßnahmen wie Physiotherapie oder der gezielten symptomatischen Behandlung von Beschwerden zu verdanken ist. Die Krankheit hat glücklicherweise einiges von ihrem Schrecken verloren." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. - 21. 4. 2003)

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