Von den Cultural Studies zur Kulturanalyse

21. April 2003, 14:00
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Mieke Bals Aufsatzband "Kulturanalyse"

Seit rund einem Jahrzehnt kreist die Debatte in den Literatur- und Geisteswissenschaften um eine kulturelle Wende. Wie es für derlei Debatten charakteristisch ist, sind diese vom Eifer der Entdecker und von der reservierten Reaktion der traditionellen akademischen Platzhirsche bestimmt, die wie etwa in Deutschland die Auseinandersetzung praktisch zugunsten des Festhaltens am Altbewährten - an Kanon und am traditionellen philologisch bestimmten Literaturunterricht - entschieden haben, auch wenn dieses Insistieren die Gefahr der Marginalisierung und Musealisierung von Philologie und Geschichtswissenschaft nach sich zieht.

Grob gesprochen konnten die Protagonisten einer kulturwissenschaftlichen Transformation der Humanwissenschaften auf die dramatischen Veränderungen in der nachmodernen Kultur verweisen, in der Literatur und Schrift nicht länger eine Monopolstellung besitzt und kulturelle Konflikte zwischen Kulturen und im Binnenbereich von Nationalkulturen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Umgekehrt konnten die "konservativen" Vertreter nicht grundlos auf die methodische Unzulänglichkeit und Unbestimmtheit des kulturwissenschaftlichen Projektes verweisen.

Vor diesem Hintergrund ist die deutschsprachige Publikation der Aufsatzsammlung Kulturanalyse der international renommierten Kulturtheoretikerin und Begründerin der ambitionierten Amsterdamer Schule für Kulturanalyse Mieke Bal zu begrüßen. Bereits in der Einleitung des Aufsatzbandes versucht sich Bal abseits geläufiger Oppositionen zu positionieren, jenseits einer deutschen Kulturwissenschaft, die zu altmodisch, und jenseits der Cultural Studies, die nicht nur zu modisch, sondern auch ganz offenkundig methodisch unbefriedigend sind. Bal veranschaulicht die Unzulänglichkeit dieser so schicken wie erfolgreichen englisch-amerikanischen Nischenkultur auf dreifache Weise: Die englischen (wie die deutschen) Kulturwissenschaften haben keine wissenschaftlich stringente Methode hervorgebracht und können ihren spezifischen Gegenstandsbereich nicht wirklich bestimmen. In ihnen ist - so resümiert Bal - das Konzept von Interdisziplinarität ungenügend ausgearbeitet. Ihr Hang zum Modischen verstärkt zudem die Kluft zwischen Altem und Modernen.

Andererseits begrüßt Bal ausdrücklich die gesellschaftspolitische Ausrichtung der Cultural Studies. Sie plädiert für eine Öffnung des geisteswissenschaftlichen Fächerkanons, die Durchbrechung methodologischer Dogmen und kritisiert die diversen Politiken der Ausschließung. Statt schwammiger Begriffe wie Kulturwissenschaften und Cultural Studies schlägt Bal den Begriff der Kulturanalyse vor, eine Form von Theorie, die mit einer begrifflich reflektierten Terminologie operiert und die ihren Gegenstand, die Kulturobjekte in einem prozessualen Sinn auffasst. Die Kulturanalyse verfährt - Bal zufolge - auch gegenüber ihrem Gegenstand "intersubjektiv", das heißt dialogisch: sie setzt nicht - wie der Strukturalismus - eine theoretische Maschinerie gegen die Phänomene in Gang, sie spricht nicht über die Objekte, sondern mit ihnen. Hierzulande erinnert der Begriff der Intersubjektivität all zu sehr an die rationalistischen Missverständnisse der Habermas-Schule im Umgang mit dem Anderen, aber was Bal offenkundig vorschwebt, ist eine Art von Phänomenologie der kulturellen Objekte, eine kritische Hermeneutik mit semiotischer Ausrichtung.

Bal exemplifiziert ihre Vorgangsweise am Beispiel eines Kultobjektes des urbanen Lebens, eines überaus raffinierten und paradoxen Graffitos: BRIEFCHEN ICH HABE DICH LIEB ICH HABE DICH NICHT ERDACHT Begriffe wie "Exposition" und "Deixis" (Vorführung, Zeigen) dienen Bal dazu, die nicht-sprachlichen Momente der Kultur vor Augen zu führen. Der Gestus dieses Graffitos impliziert unvermeidlich "eine ,erste Person'", "die spricht oder verführt", sie umfasst eine Vorführung, in der eigensinnig eine Meinung bekundet wird. Der Akt des Erzählens stellt so von vornherein einen Akt der Selbstinszenierung dar. Das Narrative ist keine Gattung (so wenig wie die Metapher nur eine rhetorische Figur ist) sondern ein Modus, eine "kulturelle Kraft", die nicht auf die Sprachlichkeit beschränkt ist. An einer Stelle mutmaßt Bal, dass die ausschließliche Verbindung des Narrativen mit der Sprache kurzschlüssig sein könnte. Bilder erzählen Geschichten; umgekehrt besteht zwischen dem Akt des Sammelns und dem des Erzählens eine spannende strukturelle Gemeinsamkeit: irgendwann gibt es eine Entscheidung, etwas zu beginnen, dass einer eigentümlichen seriellen Logik folgt. Eine zeitgemäße Kulturanalyse kommt - so Bal - an einer anspruchsvollen Semiotik nicht vorbei, die im Gefolge von Peirce zwischen verschiedenen Grundtypen von Zeichen wie Ikon, Index und Symbol unterscheidet. Wenn Bal darauf insistiert, dass das Narrative auch im visuellen Bereich anwesend ist, so ist sie zugleich darauf bedacht, die Differenz zwischen visuellen, literarischen und auditiven Phänomenen nicht einzuebnen. "Das Subjekt des Sehens ist das Objekt des visuellen Akteurs, von dem es zum Sehen genötigt wird."

Ob es sich um Familienfotos oder um die Kunst Berninis handelt, Kulturanalyse bedeutet stets, die sprachliche Dimension zu überschreiten und die pragmatischen und visuellen Aspekte im symbolischen Feld in Rechnung zu stellen.

Das große Verdienst von Mieke Bal ist, dass sie den Humanwissenschaften im Gefolge des cultural turn einen ernst zu nehmenden methodischen Vorschlag unterbreitet. Dass ihr Buch trotz der vielen Anregungen spröde und sperrig erscheinen lässt, verdankt sich nicht nur der Akribie der Autorin, sondern einer sachfremden und über weite Strecken sprachlich verfehlten Übersetzung. Für die Übersetzung von Bals Hauptwerk, eine Narratologie, möchte man sich eine Übersetzung wünschen, die im doppelten Sinn kompetent ist: souverän in der Sprache und vertraut mit jenen theoretischen Konzepten, aus denen Bal ihre eigensinnige intellektuelle Kraft schöpft. (Wolfgang Müller-Funk/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. - 21. 4. 2003)

Mieke Bal: "Kulturanalyse". Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Fechner-Smarsly und Sonja Neef, € 37,-/371 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt 2002.

Wolfgang Müller-Funk, Kulturphilosoph und Essayist, ist derzeit Gastprofessor für Kulturwissenschaften an der Universität Wien.
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