Kommentar: "Wir alle sind ärmer geworden"

19. April 2003, 15:10
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Die Zerstörung des Museums in Bagdad - ein Verlust für die Menschheit

Man stelle sich vor, ein Mob stürmt den Pariser Louvre, die Vatikanischen Museen oder das Britische Museum in London und raubt oder zerstört die ganze Sammlung - einschließlich von Kunstwerken wie der Mona Lisa oder den Skulpturen vom Parthenon. Ein Aufschrei ginge um die Welt.

Der Verlust an Kulturgütern, der bei der Plünderung des irakischen Nationalmuseums in Bagdad Ende vergangener Woche entstanden ist, bewegt sich mindestens in denselben Größenordnungen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist nichts Vergleichbares geschehen.

Das Museum beherbergte eine weltweit einzigartige Sammlung von Zeugnissen und Relikten aus vier Jahrtausenden altmesopotamischer Kultur - der ersten urbanen Kultur der Menschheit, die Schrift und Bürokratie, Astronomie und Astrologie erfunden hat, der wir die ältesten Werke der Weltliteratur wie zum Beispiel das Gilgamesch-Epos mit der im Alten Testament wieder aufgenommenen Fluterzählung ebenso verdanken wie letztendlich die Einteilung des Tages in 24 Stunden und der Stunde in 60 Minuten und den frühesten Beleg für Lehrerbestechung; spektakulärer assyrischer Goldschmuck und Wandreliefs ebenso wie Statuen, Rollsiegel und Keramik, alles oder fast alles ist verloren, geraubt oder zerstört.

Am bittersten ist vielleicht der Verlust von Zehntausenden großteils noch ungelesenen Keilschrifttafeln - Texte, durch die die alten Mesopotamier direkt zu uns sprechen, die die Jahrtausende oft fast unbeschädigt überstanden haben und jetzt durch eine fatale Koinzidenz von Wut, Gier, Dummheit, Ignoranz und Desinteresse zerstört worden sind.

Die Museumskuratoren, die hilflose Zeugen der Plünderung sein mussten, berichten übereinstimmend, dass zum Teil gezielt und nach Plan geraubt wurde.

Insofern ist die Zerstörung des Nationalmuseums nur der Höhepunkt einer Entwicklung, die 1991 begonnen hat: Nach dem ersten Golfkrieg erschienen die ersten irakischen Antiquitäten auf dem Kunstmarkt (auch in Wien) - ein illegaler, mit westlichem Geld finanzierter Handel, der auf Raubgrabungen beruhte, deren die irakische Antikenverwaltung mangels ausreichender Mittel nie Herr werden konnte. Wenigstens das Museum war in jenen Jahren allerdings sicher.

Man will sich im Übrigen nicht ausmalen, welches Ausmaß die zerstörerischen Aktivitäten der Raubgräber auf dem freien Land bei der derzeit herrschenden Anarchie angenommen haben müssen.

Wir wissen, dass die Katastrophe in Bagdad hätte verhindert werden können. Amerikanische Archäologen haben das Pentagon nachweislich noch vor Kriegsausbruch auf die Bedeutung des Museums hingewiesen. Die ihnen gemachten Versprechungen wurden nicht gehalten; wie man hört, war die Sicherung des Ölministeriums vordringlicher.

UNO und Unesco sind jetzt mit dieser Angelegenheit befasst worden, unter anderem durch Petitionen der internationalen Forschergemeinschaft (mit angeregt durch amerikanische Kollegen), aber mehr als minimale Schadensbegrenzung kann man davon - ebenso wie von den mittlerweile (eine Woche nach den großen Plünderungen!) vor dem Museum postier- ten US-Soldaten - nicht erwarten.

Wer den Irak oder Irakis kennt, weiß um die politische Dimension des Verlusts. Das historische und archäologische Erbe dieses Landes war mindestens für die gebildete Mittelschicht - die jetzt durch Armut, Krieg und Diktatur weit gehend zerstört ist - wesentlich für das nationale Selbstverständnis, und zwar unabhängig von Religion, Herkunft oder Stammeszugehörigkeit. Das Bewusstsein einer solchen nicht religiösen und ethnischen, dafür aber kulturellen Kontinuität, die bis zu der Wiege der nahöstlichen (und damit auch unserer westlichen) Zivilisation hinabreicht, hätte ein entscheidender Kristallisationspunkt für einen demokratischen, konsensualen und friedlichen Wiederaufbau der irakischen Zivilgesellschaft sein können. Die Objekte, an denen sich diese kulturelle Kontinuität materiell hätte festmachen lassen, sind nun verloren.

Der Verlust trifft freilich nicht nur die Irakis. Unsere eigene westliche, jüdisch-christlich geprägte Kultur steht in so vielen Aspekten in der Schuld Mesopotamiens, dass man ihre Anfänge ohne die Kenntnis des Alten Orients nicht verstehen kann. Unsere Möglichkeiten, die erste Hälfte der Geschichte - auch unserer eigenen Geschichte - besser zu begreifen, sind enorm verringert worden, das kulturelle Gedächtnis der Menschheit als Ganzes hat eine nicht wieder gutzumachende Schädigung erfahren. Wir alle sind vergangene Woche ärmer geworden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

Von
Michael Jursa

Der Autor ist Assyriologe an der Universität Wien und arbeitet derzeit in der Babylonian Collection der Yale University, New Haven

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    Militärische Offensive zur kulturellen Schadensbegrenzung in Bagdad: US-Soldaten bewachen die Restbestände des Nationalmuseums - eine Woche nach der Devastierung

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