Stadtgärtchen in der Sonne

18. April 2003, 19:56
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Ambitionierter Wohnbau am Leberberg von Kinayeh und Markus Geiswinkler

Wenn die Bedürfnisse der Bewohner an erster Stelle gründlicher Überlegungen stehen, kann kaum etwas schiefgehen: Eine ambitionierte Siedlung von Kinayeh und Markus Geiswinkler in Wien.


Wieder einmal dürfen wir bemerken, dass der Wohnbau, zumal der geförderte, eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Aufgabengebiete der Architektur ist: Die Mittel sind immer äußerst knapp, die zur Verfügung stehenden Grundstücke selten optimal, die Planungen entsprechend aufwändig und kompliziert - wenn die beteiligten Architekten ihren späteren Kunden, den Bewohnern, gute Dienste leisten wollen.

Die beiden jungen Wiener Architekten Kinayeh und Markus Geiswinkler haben am Leberberg in Wien gerade eine kleine Siedlung bestehend aus 65 Wohnungen in vier Bauteilen fertiggestellt, mit der sie große Hingabe an die Leute bewiesen, die dort einziehen werden.

Jede einzelne Wohneinheit verfügt über mindestens einen kleinen Garten in Form vollständig begrünter Terrassen oder ebenerdiger Grünflächen, denn, so die Überlegung der Planer: An die Stadtperipherie ziehen vor allem Leute mit Kindern, oder Menschen, die von Zuhause aus arbeiten können. Und die wollen gelegentlich Freiluft schnappen. Außerdem verfügt der Komplex über erdgeschoßige Behindertenwohnungen, denen ebenfalls kleine Gärten vorgelagert sind.

Der Luxus eines eigenen kleinen Grünflecks ist eine begehrte Wohnbau-Ware, die Kooperation mit der Wohnbaugenossenschaft Neues Leben scheint hier optimal gewesen zu sein: Die eigentlich vorgegebene extrem hohe Dichte der Grundstücksbebauung konnte ein wenig aufgelockert werden. Verantwortungsvoll zeigten sich also auch die Auftraggeber.

Die Geiswinklers beobachteten erst einmal, wie hier die Sonne zieht, in welchen Einfallswinkeln sie auch noch die unteren Geschoße durchleuchtet, und wo die Fenster in den einzelnen Wohnungen zu sitzen haben, um ihr überhaupt Einlass gewähren zu können. Apropos Fenster: Mit Glasflächen, Glasschiebetüren und raffinierten Lichtschlitzen wurde hier geradezu verschwenderisch Umgang getrieben, was die Siedlung von manch anderem sozialen Wohnbau wohltuend abhebt.

Die äußere Form der einzelnen Bauteile treppt sich also, den Sonnenstrahlen folgend, ab. Brüstungen sind so gestaltet, dass sich möglichst wenig Einblicke von oben in die privaten Freiflächen ergeben.

Auch konstruktiv ist das neue kleine Dorf mit Plätzchen und gemeinschaftlichen Freiflächen interessant, es handelt sich um den ersten teils in Holz ausgeführten vier bis fünfgeschoßigen Wohnbau Wiens (Bauklasse 3). Viele Wohnungen sind mit zwei separaten Eingängen so angelegt, dass sich nach Mieterwunsch Büros, kleine Werkstätten oder eigene Wohneinheiten für die erwachsen werdende Jugend ergeben können.

Auffällig auch die Fassadengestaltung: Die wurde mit silbrig schimmernden MAX-Exterior-Platten ausgeführt, einem mit Aluminiumpapier beschichteten Werkstoff aus Papier und synthetischen Harzen.

Fazit: Eine engagierte Arbeit von Leuten, denen am Wohlergehen anderer gelegen ist. Eine gekonnte Verschachtelung schöner Wohnräume, in denen das Licht eine Hauptrolle spielt. Ein vorbildliches Engagement eines Wohnbauunternehmens, das offenbar nicht auf Masse, sondern Qualität setzt. (uwo, DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

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