Krugmans Krieg

12. Juni 2010, 16:03
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Der Kampf des US-Nobelpreisträgers gegen Sparpakete steht im Zen­trum der spannendsten Debatte der Gegenwart

 

Soll irgendjemand noch behaupten, dass Ökonomie nicht aufregend ist. Die derzeit laufende Debatte, ob die großen Industriestaaten ihre Ausgaben erhöhen oder zurückfahren sollen, ist nicht nur intellektuell anspruchsvoll und selbst für Laien relativ leicht nachvollziehbar. Sie ist auch unglaublich wichtig: Wenn heute falsche Entscheidungen getroffen werden, dann wird das Weltwirtschaft auf Jahre hinaus schwächen und das Leben von Milliarden von Menschen belasten.

Als die Regierungen und Notenbanken in den dreißiger Jahren nicht genügend unternahmen, um die Konjunktur anzukurbeln, machten sie aus einer Rezession eine große Depression und stürzten die ganze Welt ins Verderben. Als sie in den siebziger Jahren im Geiste des Keynesianismus Schulden und Inflation zuließen, schufen sie neue Probleme.

Aber wo sind wir heute? Ist es 1930 oder 1975?

 Auf einer Seite der Debatte stehen zahlreiche Ökonomen, Politiker und Anleger, die den rasanten Anstieg der Staatsschulden mit Sorge beobachten und eine dringende Korrektur – also Sparprogramme - fordern. Für sie ist die Griechenlandkrise, die inzwischen den ganzen Euro-Süden erfasst hat, kein Einzelfall, sondern ein erstes Alarmzeichen für alle hoch verschuldeten Industriestaaten.

Der Neo-Keynesianismus ist demnach bereits nach kurzer Zeit an seine Grenzen gestoßen: Wer mit Haushaltsdefiziten das Wachstum beschleunigen will, muss scheitern, sobald die Finanzmärkte nicht mehr bereit sind, diese Defizite zu finanzieren.

Auf der anderen Seite steht Paul Krugman. Er ist nicht allein, aber keine andere Stimme tritt so laut und entschlossen für eine Fortführung und Ausweitung staatlicher Konjunkturprogramme ein und bezeichnet den neuen Sparkurs in Europa als Form des kollektiven Selbstmords.

Laut Krugman ist Griechenlands Hauptproblem nicht der Schuldenberg, sondern der Verzicht auf eine eigene Währung und Geldpolitik durch den Eurobeitritt. Mit einer Abwertung könnte Griechenland aus der Krise herauskommen und auch seine Schulden wieder finanzierbar machen. Für andere Staaten wie die USA, Großbritannien und vor allem Deutschland aber gebe es gar keinen Grund zu sparen, solange das Wachstum so schwach bleibt.

Zwischen den Fronten stehen moderate Stimmen wie der Economist oder FT-Kolumnist Martin Wolf, die davor warnen, die Staatsausgaben zu früh zurückzufahren, aber einen langfristigen Fahrplan für eine strukturelle Budgetkonsolidierung einfordern. Auch Jeffrey Sachs, der in einer FT-Kolumne Deficit-Spending als erfolglos bezeichnet und den Post-Keynesianismus beschwört, ist nicht gegen Staatsausgaben, sondern für kluge Ausgaben: also weniger kurzfristige Ankurbelung und mehr Zukunftsinvestitionen.

 Die Position der meisten Teilnehmer an dieser Debatte ist ideologisch bestimmt. Linke sind für Mehrausgaben, Konservative fürs Sparen. Aber das ist unsinnig. Denn hier geht es einerseits um empirische Fragen, die sich allerdings erst dann eindeutig beantworten lassen, wenn alles vorbei und es daher zu spät ist. Aber es geht auch um die Schlüssigkeit der Argumente: Wer hat die ökonomische Logik auf seiner Seite?

Ich selbst, muss ich zugeben, fühle mich hin- und hergerissen. Krugman geht bei aller Plausibilität seiner Meinungen etwas zu leichtfertig mit den Folgen hoher Staatsverschuldung um. Und wenn er darauf hinweist, dass die langfristigen Zinsen in den USA oder Deutschland nicht gestiegen sind, dann tut er genau das, was er seinen Gegnern vorwirft: Er macht die kurzfristig denkenden Finanzmärkte zum Schiedsrichter über langfristige Prozesse.

Aber auf der anderen Seite werden wiederum mit Argumenten gearbeitet, die zu sehr von Binsenweisheiten geprägt sind. Dass Sparen eine Tugend ist, gilt für den einzelnen Haushalt, aber nicht für eine gesamte Volkswirtschaft. Staaten, die durch Sparen versuchen, das Haushaltsdefizit zu senken, bewirken manchmal das Gegenteil: Wenn die Konjunktur zusammenbricht, dann sinken die Staatseinnahmen und machen das Loch im Budget noch größer.

Sparen erst später, dann aber richtig, scheint die beste Lösung aus diesem Dilemma zu sein. Aber wann ist der Zeitpunkt für die Kehrtwende gekommen? Die Antwort darauf muss sich jeder selber suchen.

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