Griechenland von allen guten Göttern verlassen?

11. Juni 2010 19:26

Das "Urlaubsparadies" steckt auch in einer ökologischen und moralischen Krise - Von Robert Hofrichter

Das "Urlaubsparadies" an der Ägäis steckt nicht nur in einer ökonomischen, sondern auch in einer ökologischen und moralischen Krise. - Aufzeichnungen von einer Forschungsreise. 

***

Vor kurzem bin ich von Filmaufnahmen aus Griechenland zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem WDR drehten wir zwei Wochen lang an einer Folge für die Fernsehserie Bedrohte Paradiese. Die Impressionen, die ich mitgebracht habe, sind leider ausgesprochen düster.

Nun bin ich zwar einerseits strikt dagegen, in den Chor der Boulevard-Journalisten einzustimmen und "die Griechen" pauschal zu verteufeln. Denn die rund zwei Millionen Menschen, die dort unter der Armutsgrenze leben müssen, sind mit ziemlicher Sicherheit nicht die Verursacher des griechischen Finanzdesasters.

Fakt ist aber andererseits, dass die Defizite der griechischen Gesellschaft für den unvoreingenommenen Betrachter so augenfällig sind, dass es fast weh tut: Korruption und Bestechung sind in weiten Teilen des Landes Bestandteil der alltäglichen Normalität. Viele Menschen zahlen keine Steuer, leben weit über ihren Verhältnissen und scheinen nur an das eigene Wohl, nicht aber an die Gesellschaft, an den Staat oder gar an die Natur zu denken. Die meisten von ihnen haben ihr Geld schon lange vor der Krise im Ausland deponiert.

Als Biologe hat mich natürlich der schlechte Zustand der Natur am meisten betroffen gemacht. Hunderte, wenn nicht tausende illegale Mülldeponien verteilen sich über das ganze Land. Selbst an Wasserquellen und karstigen Höhlensystemen, sodass das Wasser mit Arsen, Asbest und Schwermetallen verseucht ist. Sogar neben der Kornkammer Kretas liegt so eine Deponie.

Illegale Bauten sind ein weiteres Problem. Selbst in Regionen, die theoretisch als Nationalpark geschützt sind, entstehen ganze Dörfer. Die als Kernzone (A-Zone) geschützten Küsten werden quasi zubetoniert, ohne dass sich irgendeine Behörde darum kümmert. Journalisten, die illegale Bauten im Nationalpark filmen wollten, wurden verprügelt, in manchen Fällen wurde sogar auf sie geschossen.

Die Schießwütigkeit, die sich im Land verbreitet hat, ist besorgniserregend. So besitzen die 600.000 Menschen auf der Insel Kreta nicht weniger als 1,8 Millionen Waffen. Es soll Fischer geben, die eine Waffe bei sich tragen und sogar auf Mönchsrobben - eine der seltensten Tierarten der Erde - schießen. Außerdem wird immer noch mit Dynamit gefischt.

Wertvolle Lebensräume und Feuchtgebiete werden kontinuierlich "zugemüllt", wie man das in der EU nicht für möglich halten würde. Die Mächtigen vom Bürgermeister aufwärts schauen weg, weil sie davon in der Regel profitieren.

Weitere Beispiele: Es gibt Meeresbereiche, wo man überhaupt kein Leben mehr sieht, dafür werden auf den Fischmärkten zentimetergroße Fische verkauft: Die Fischer verwenden 8-mm-Netze, wo 4 cm vorgeschrieben sind. An den wertvollsten Schildkrötenstränden des Landes liegt seit Monaten Öl, das keiner entfernt. Das Wrack des 2007 versunkenen Kreuzfahrtschiffs "Sea Diamond" in der Caldera von Santorin wurde bis heute nicht geborgen, obwohl es täglich Öl verliert. In keinem Naturschutzgebiet gibt es eine Aufsicht, auch Informationstafeln, Verbots- oder Hinweisschilder sowie die Beschilderung von Naturdenkmälern sucht man vergeblich.

Dafür werden mit EU-Geldern Straßen bis in die letzten Gipfelregionen gebaut und damit die sensibelsten Ökosysteme der Ausbeutung preisgegeben. Meist reicht aber das Geld nicht aus, um die Projekte auch abzuschließen. Stattdessen entstehen aus dem Nichts Zufahrten zu Privathäusern - das funktioniert wie geschmiert. Und diese Aufzählung ließe sich auch noch lange fortführen. All das ist Realität in Griechenland - und wer seinen Augen nicht trauen mag, der höre, was die Menschen in den Dörfern zu erzählen haben.

Dass es in anderen Ländern genauso schlimm zugeht, wie oft behauptet wird, halte ich für ein Gerücht: Ich kenne kein anderes Land, das in einem so schlechten Zustand wäre - jedenfalls nicht in Europa, und schon gar nicht innerhalb der Europäischen Union. Richtig ist, dass es Korruption, Bestechung und andere Rechtsverletzungen - auch und gerade im Bereich des Umweltschutzes - überall gibt, aber nirgendwo sonst in dieser Dimension und Unverblümtheit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.6.2010)

Zur Person

Robert Hofrichter, gebürtiger Tscheche, 1981 nach Österreich emigriert, ist Meeresbiologe und Zoologe, hat zahlreiche Fachbücher publiziert und lebt in Salzburg.

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cosmo polytics
17.06.2010 02:35
Jenes Land...

...welches seine Bilanzen nicht getürkt hat, werfe den ersten Stein.

Volksbefreiungsfront Alt-Ottakring
 
05.06.2011 13:01

Wollen Sie einen Steinhagel provozieren? Von kreativer Buchhaltung einmal abgesehen, die allerdings bei genauerem Hinsehen leicht erkenntlich ist, entsprechen die Budgetzahlen zivilisierter Staaten in aller Regel der finanziellen Wirklichkeit. Dafür sorgt in diesen Ländern allein schon der kritische Blick der Opposition.

In Afrika, Vorderasien, Südamerika und in Südosteuropa wird die Sache wohl anders gelagert sein, aber ich spreche auch von geordneten Staatswesen.

cosmo polytics
17.06.2010 02:32
...jajaja...

wer Müll sucht wird ihn auch bei uns finden...

Aber es gibt sicher mehrere Länder die noch viel desolater sind als Griechenland

1116er
14.06.2010 09:44
sorry, hr. hofrichter

mit diesen beobachtungen sind sie aber um ca 30 jahre (vielleicht noch mehr, seit dieser zeit fahre ich jedenfalls regelmäßig nach GR) zu spät dran!

vorname nachname1
13.06.2010 16:10
Vergebene Chancen

die eu haette die besten karten in der hand gehabt die griechen sanft zu veraenderung zwingen zu koennen um ihnen einen eu zutritt zu erlauben. aber was hat bruessel gemacht? weggeschaut als statistiken getuerkt und defiziete missachten wurden. anscheinend haben diese holzkoepfe gedacht die griechen wuerden sich auf wundersame weise von alleine bekehren... jetzt ist es also soweit gekommen das die eu auch dieses schlechte benehmen auch noch belohnt in dem fuer die schulden der griechen gradgestanden wird! ja in was fuer einer verkehrten welt sind wir dennn jetzt?

Gerhard1967
13.06.2010 15:22
Ich fordere hiermit ...

... die Bewertung von Artikeln einzuführen. Dieser hier hat sich ein MEGA-Brilliant verdient.

Danke dafür und liebe Grüße

Valentina Stein
13.06.2010 13:49
ENDLICH jemand, der die Wahrheit unverblümt sagt.

Danke, Herr Dr.Hofrichter!!

"Erst, wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen...."

Homo non sapiens non sapiens - schlicht eine lebensunwerte Spezies.

Student der Magie
13.06.2010 16:48
ich glaube, ihr letzter Satz ist ein Denkfehler: Auch wenn es viele Menschen geben sollte,

auf die ihre Bahauptung "lebensunwerte Spezies" zutrifft, so gibt es doch auch viele Menschen, die sich entwickeln, und die durchwegs positiv wirken.

Meiner Meinung nach ist eher das Problem, dass sich in unserem System das Kranke, Ungesunde durchsetzt und eben bestimmt, was, wie, wann, wo passiert. Es wird sich also erst etwas zum Besseren entwickeln, wenn die Mehrzahl an Menschen in sich gesundet und nicht mehr akzeptiert von Machtgeilheit, Gier und Korruption ausgeraubt und regiert zu werden...

Eine ganze Spezies, die noch dazu so viele Möglichkeiten und Potenziale in sich trägt, als lebensunwert zu bezeichnen schießt für mich ein wenig übers Ziel hinaus, damit sprechen sie nämlich sich selbst die Lebensberechtigung ab;)

Valentina Stein
13.06.2010 22:10
>damit sprechen sie nämlich sich selbst die Lebensberechtigung ab;)

Das ist mir natürlich bewußt!
Und ich steh auch dazu, dass ich Teil der umfassenden Zerstörung bin.
Ich kämpfe, wo immer ich kann. Im Tierschutz, im Pflanzenschutz, verzweifel aber regelmäßig an der Ignoranz der Masse, die nach wie vor ausschließlich Gier- und Dummheit getrieben ist.

Plabutsch
13.06.2010 12:55
Müllentsorgung in Griechenland

Müll in Plastiksackerl ins Boot laden - aufs mehr hinausfahren - Sackerl ins Meer werfen - schauen, dass man schneller mit dem Boot wieder zurück ist, als Meer und Wind die Sackerl an die Küste zurücktreiben ):-

1116er
14.06.2010 09:42
das läuft ganz sicher nicht so!

zumindest kenne ich keinen griechen, der sich derart viel mühe mit der müllentsorgung machen würde.

denn: in den straßengraben schmeissen verursacht viel, viel weniger aufwand!

global_citizen
13.06.2010 12:01
Auswirkung eines jahrzehntelangen Brain-Drains

Hochbegabte verlassen seit Jahrzehnten das Land in
Richtung USA, Deutschland, Schweiz und zurück bleibt
der Pöbel vielleicht noch aufgemischt mit "Aussteigern"
ebenso fragwürdiger moralisch-intellektueller Integrität.

HLAB27
13.06.2010 11:13

ich bin bisher jedes jahr zumindest 1 x nach griechenland auf urlaub gefahren. neben weiteren ereignissen bestärkt mich ihr artikel es heuer nicht zu tun. lg.

man of constant sorrow
13.06.2010 10:55

Das, was Sie da schildern, habe ich in Griechenland schon 1978 ausgemacht. Es ist ihnen einfach wurscht.
Einen Oktopussfischer, über dreißig Jahre im Beruf, habe ich mal gefragt, wie sich die Tiere, die er jagt, eigentlich vermehren. Er wusste es nicht.

Hochwurzen
13.06.2010 10:19
Die Griechen werden den Chinesen, Kreta über kurz und lang verkaufen.

An der Südküste bauen die Chinesen einen Mega Containerhafen um ein Bein in der Eu zu haben.
Und das auf Kreta die Umweltvernichtung schon
seit vielen Jahren Volkssport ist, hat mich dazugebracht nicht mehr hinzufahren.
Schade um die Insel !

sans soleil
 
13.06.2010 09:55
Die PIIGS als Müllklub méditerranné

Laut einer Mitteilung der EU-Kommission aus 2002 führten die PIIGS-Staaten Griechenland, Irland, Spanien und Italien die Liste der Vertragsverletzungsverahren wegen Verstössen gegen die EU-Vorschriften über Abfalldeponien deutlich an. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen Haushaltsdefiziten und einem Unwillen, mit der Natur hauszuhalten.

schafmeister
13.06.2010 07:13
Tragödie

Griechenland ist wie eine antike Tragödie. Besser wäre ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

flotter denker
13.06.2010 06:28
Ja, es wird Zeit, dass der Rest der EU aufhört, den Griechen

diesen Blödsinn auch noch zu finanzieren.

pretty1
13.06.2010 11:13
Es wird endlich Zeit, daß die EU aufwacht und GR als das behandelt, was es ist: eine von Gaun.rn geführe Nation !!

....und endlich Aus mit den Euro-Milliarden - wer im Sumpf baut, braucht sich nicht zu wundern, wenn er langsam untergeht !

black jack
13.06.2010 12:58
GHF

Greek Help Force;

Die Nato besetzt das Land. Das NATO-Mitglied Türkei übernimmt die Führung der Truppe.

Araquin
13.06.2010 01:44
Das ist aber absolut nichts Neues!

So ist es in Griechenland immer schon gewesen, und die Welt schaute entzückt zu, Moussaka mampfend und die anarchistischen Züge der Griechen preisend.

Reichlich spät kommt sie, in EU-Gremien und sonstwo, diese Erkenntnis! Denen hätte man schon längst die Rute ins Fenster stellen müssen. Denn so benehmen sie sich seit ihren EU-Beitritt 1981.

sans soleil
 
13.06.2010 00:48
Müllklub méditerranné vulgo PIGS

Guter Artikel mal jenseits momentan schon manischer BIP-Fixiertheit. Gibt's - aus mangelndem Gemeinsinn etwa - womöglich einen Zusammenhang zwischen offenkundiger fiskalischer und ökologischer Verantwortungslosigkeit? Aus einem Spiegel-Artikel 1997: "Von Griechenland über Südfrankreich bis Spanien und Portugal kenne man "die nordische Sakralisierung der Natur" nicht." Einige heute als PIGS bekannt, fiskalische Schweinderl sozusagen. "Einig sind sich die Umweltsünder im Süden Europas, wenn es darum geht, die Geldquellen in Brüssel zu aktivieren. Wenn Europa Umweltschutz wolle, so die vorherrschende Meinung im Müllklub méditerranné, dann solle es auch die dafür nötigen Milliarden, zum Beispiel für Müllverbrennungsanlagen, ausspucken."

Rudi Lölein
13.06.2010 00:36

nur mit dem letzten absatz bin ich nicht einverstanden. wenn man sich ansieht wie österreich mit seinen bergregionen (schladming, tirol) oder gletschern (karnevalisierung des dachstein) umgeht, scheint mir der unterschied nicht so krass.

Nirvanacharly
 
13.06.2010 08:59
oder die zerstörten berge, wo

skipisten sind sieht im sommer die natur wie niedergetrampelt aus, ein pothässlicher zustand, und die seelen der fremdenverkehrswirte auf ötziniveau verstümmelt, ein stern, sternhagel voll...nicht nur in griechenland geht die kultur den bach hinunter auch hier in ösireich, und die griechen sind sicher nicht schuld sondern die die ihnen das geld gegeben haben, die werden doch nicht glauben das sie es zurück bekommen, wie dumm sind die denn diese bankster-geldgeber?

daemeth
13.06.2010 11:18

muß man immer den vergleich ziehen? kann man nicht einfach mal sagen, ja das stimmt? sind manche so fixiert darauf das man sich selber immer anpatzen muß?

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