"Nicht jeder kleine Kredit ist auch ein guter Kredit"

11. Juni 2010, 19:19
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Wie die Vergabe von Mikrokrediten verantwortungsvoller gestaltet werden kann, war Thema bei der Jahrestagung des European Fund for Southeast Europe

Mikrokredite als Element für die Entwicklungshilfe haben sich etabliert. Wie die Kreditvergabe verantwortungsvoller gestaltet werden kann, war Thema bei der Jahrestagung des European Fund for Southeast Europe (EFSE).

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Dimce Stojoski steht in seiner Werkstatt. Es riecht nach Holz und Lack. Bretter verschiedener Farbe stehen fein sortiert an den Wänden, Mitarbeiter sägen. Von außen sieht das Gebäude aus wie ein großes Einfamilienhaus. Drinnen verbirgt sich eine der bekanntesten Tischlereien Mazedoniens. Stojoski zeigt stolz auf eine Säge - eine von drei Maschinen, die er mit einem Mikrokredit finanziert hat, als er den Betrieb im Jahr 2000 von seinem Vater übernommen und zur Expansion angesetzt hat. 43.000 Euro hat er für sein Vorhaben von ProCredit bekommen, einer Bank, die auf die Vergabe von Kleinkrediten spezialisiert ist.

Dass so ein hoher Betrag als Mikrokredit läuft, überrascht. "Die Höhe von Kleinstkrediten variiert von Land zu Land und hängt vom Entwicklungsstand ab" , erklärt Kristin Duchâteau von der Oesterreichischen Entwicklungsbank. In Afrika etwa gelten 100 Dollar und weniger als Mikrokredite, in Zentral- und Osteuropa starten diese oft erst ab 10.000 Euro.

Für Stojoski, der Architektur studiert hat, hat die Mikrofinanzierung die Entwicklung des Unternehmens ermöglicht. Heute hat er 20 Angestellte und ist einer der größten Möbelhersteller des Landes. Aber nicht immer verläuft der Prozess so glatt. In einigen Ländern, etwa Bosnien, häufen sich Fälle, in denen Mikrokredite zur Überschuldung von Personen geführt haben - unter anderem auch, weil mit dem Geld Konsumgüter finanziert werden.

Anbieter locken mit Geld

Die Crux: Die Idee, mit Mikrokrediten Entwicklungshilfe zu leisten, hat sich etabliert. Daher floss zuletzt viel Geld in entsprechende Fonds. Geld, das auch in Finanzierungen veranlagt werden muss, damit eine Rendite zurückfließt. Weil immer mehr Mikrokreditanbieter in den Markt drängen und mit hohen Kreditsummen auf Kundenfang gehen, "muss dafür gesorgt werden, dass Kredite verantwortungsvoller vergeben werden, damit die ursprüngliche Idee der Mikrofinanzierung nicht leidet" , sagt Duchâteau.

Die Verantwortung bei der Mikrokreditvergabe war auch zentrales Thema bei der Jahrestagung von EFSE (European Fund for Southeast Europe) im mazedonischen Ohrid. Der 2005 gegründete Fonds ist mit einem Investitionsportfolio von rund 580 Mio. Euro der weltgrößte Mikrofinanz-Fonds und stellt Finanzdienstleistern im Osten Mittel für die Kreditvergabe zur Verfügung.

Investieren in Finanzbildung

Für eine verantwortungsvollere Kreditvergabe müsse auch in Finanzbildung investiert werden, sagte Ardian Fullani, Notenbank-Chef von Albanien. Es sei wichtig, dass Kreditnehmer die Produkte verstünden und zur Haushaltsdisziplin erzogen würden. Auch der Ausbau von Systemen zur Registrierung der Kredite einer Person würden helfen, damit sich Einzelne nicht überschulden.

"Nicht jeder kleine Kredit ist auch ein guter Kredit", fasste Eva Terberger, Leiterin der Evaluierungsabteilung der KfW Entwicklungsbank und Professorin für Entwicklungsfinanzierung, bei der Konferenz zusammen. Aber trotz Problemen im Mikrofinanz-Markt dürfe man nicht aufhören, an die Wirkung dieser Finanzierung zu glauben.

Für den Möbelhersteller Stojoski war der Mikrokredit jedenfalls ein Erfolg. Jetzt will er um einen neuen Kredit ansuchen, um die Produktion zu vergrößern. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.6.2010)

  • In der Tischlerei von Dimce Stojoski wird eifrig gewerkt. Ein Mikrokredit hat die Expansion ermöglicht.
    foto: standard/pfluger

    In der Tischlerei von Dimce Stojoski wird eifrig gewerkt. Ein Mikrokredit hat die Expansion ermöglicht.

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