In der Heimat warten die Häscher des Regimes

11. Juni 2010, 18:45
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Tausende iranische Regimegegner sind in die Türkei geflohen - Sie hoffen auf einen Neuanfang im Exil

Sie spricht leise, schaut auf den Tisch, hebt nur gelegentlich den Blick. Auch im Kreis von Bekannten wirkt sie verloren, sitzt stumm auf einem Sofa. Erzählen will Nülifer* nur allein, mit einer Dolmetscherin ihres Vertrauens. Auch Monate nach den Vorfällen, über die sie dann spricht, fällt es ihr schwer, das Erlebte zu schildern.

Nülifer kommt aus Teheran, seit vier Monaten ist sie in der Türkei. Sie ist eine erklärte Gegnerin des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad und des ganzen Systems. Aber sie ist auch eine zurückhaltende Frau mittleren Alters, niemand, der sich gerne öffentlich profiliert. Trotzdem, nach der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr ist auch sie auf die Straße gegangen. Sie hat demonstriert und die Slogans der "grünen Bewegung" gerufen. Dabei wurde sie fotografiert - und die Fotos wurden ihr zum Verhängnis.

Nach einer Demonstration Anfang des Jahres wurden sie und ihr 16-jähriger Sohn von zwei Männern in Zivil in ein Auto gezerrt, in eine Wohnung verschleppt. Man zeigte ihr die Fotos: Wenn du nicht tust, was wir von dir wollen, liefern wir dich im Gefängnis ab.

Bedroht und vergewaltigt

Eine Woche wurde sie festgehalten, immer wieder vergewaltigt. Ihr Sohn musste Drogen schlucken. Dann ließ man sie gehen, mit der Drohung, sie wieder holen zu können. Die Männer waren Geheimdienstler, glaubt sie. Ob sie auf eigene Rechnung oder im Auftrag handelten, ist unklar.

Freunde brachten sie und ihren Sohn in eine Stadt nahe der türkischen Grenze. Iraner können ohne Visum als Touristen in die Türkei reisen. Sie hatte Glück: Ihr Name stand noch nicht auf der Fahndungsliste, die Grenzsoldaten ließen sie passieren.

Jetzt ist Nülifer in Kayseri, einer Millionenstadt in Zentralanatolien, gut fünf Autostunden östlich von Ankara. Ausgerechnet dieses konservativ-religiöse Zentrum in Anatolien ist nun die größte Auffangstation für die Menschen, die vor dem Regime im Iran geflohen sind. Die Flüchtlinge müssen sich beim UNHCR in Ankara registrieren und können dann zwischen mehreren Provinzstädten auswählen, wo sie leben wollen. Weil Kayseri die größte dieser Städte ist, gehen die meisten dorthin.

Rund 2000 Mitglieder der Protestbewegung gegen Ahmadi-Nejad sitzen derzeit in Kayseri fest, schätzt Hami Taghani. Er ist selbst mit Frau und Kind vor neun Monaten in die Türkei geflohen und gehört damit zu den ersten "Grünen", die in Kayseri ankamen. Insgesamt sind rund 6500 iranische Flüchtlinge beim UNHCR in Ankara registriert, ungefähr 4200 von ihnen kamen nach der Wahl, aus Angst vor der massiven Unterdrückung, mit der das Regime gegen die Protestbewegung vorgeht.

Einige Apartmentblocks am Rande des Zentrums von Kayseri sind mittlerweile überwiegend von iranischen Flüchtlingen bewohnt. Im Park hier, meint Hamis Frau Mehrwash, hört man schon mehr Farsi als Türkisch. Die Wohnungseigentümer lassen sich gut bezahlen: Rund 3000 Euro im Voraus für eine Jahresmiete sei üblich, erzählt Hami.

In einem der Häuser leben im 7. Stock jetzt die Daneshuars. Das "Daneshuar Music Ensemble" ist im Iran eine bekannter Name, der Familiengruppe gehörte ein Musikinstitut, sie gaben landesweit Konzerte. Ein Auftritt während einer Kundgebung zu Ehren von getöteten Demonstranten leitete dann das Ende ein. Vier Mitglieder der Familie wurden kurzzeitig verhaftet, von der Geheimpolizei verhört. Sie flüchteten.

Ungewisse Zukunft

In Kayseri sehen sie nun einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie wissen nicht, wann sich ein Drittland findet, welches sie aufnimmt. In der Türkei dürfen sie nicht auftreten, weil die Flüchtlinge generell nicht arbeiten dürfen. Finanzielle Unterstützung von der UN oder türkischen Institutionen gibt es nicht. Im Gegenteil: die Flüchtlinge müssen alle sechs Monate eine Steuer in Höhe von 350 Lira (rund 180 Euro) zahlen. Deshalb plagt alle die Angst, dass die Ersparnisse, die sie retten konnten, aufgebraucht sind, bevor sie ein sicheres Asyl gefunden haben.

In Nevsehir, einer kleineren Stadt 70 km westlich von Kayseri, haben sich acht junge Leute in einer WG zusammengefunden. Niemand von ihnen weiß, was in den nächsten Monaten auf ihn zukommen wird. Doch sie geben die Hoffnung nicht auf. Dabei haben sie ein berühmtes Beispiel vor Augen. Ayatollah Khomeini, der Gründer der Islamischen Republik, war in den 70er-Jahren mehrere Monate als Flüchtling in Nevsehir, bevor er nach Paris gehen konnte. Damals, sagt einer der Studenten, hatte auch Khomeini kaum eine realistische Chance - wenige Jahre später stürzte er den Schah. "Auch heute ist im Iran alles möglich." (Jürgen Gottschlich aus Kayseri/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2010)

*Namen von der Red. geändert

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