Vier Jahre Kulturbruch für ein nacktes Ergebnis

14. Juni 2010, 18:49
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Wettfavorit Brasilien ist bereit, sich für den sechsten Titel selbst zu verleugnen. Dafür bürgt Coach Dunga, dafür wird er verachtet

Johannesburg - Woran es Brasilien, dem fünfmaligen Champion, definitiv nicht mangelt, sind weltmeisterliche Tipps. Schließlich gibt es grob geschätzt eine Hundertschaft noch lebender echter brasilianischer Weltmeister. Und rund 190 Millionen selbsternannte Teamchefs, aber das ist eine andere Geschichte.

Real hat bei der Seleção nur Carlos Caetano Bledorn Verri, genannt Dunga, Weltmeister von 1994, das Sagen. Dem 46-Jährigen, nach einem von Schneewittchens sieben Zwergen - "der mit den abstehenden Ohren" - bespitznamt, kommen dieser Tage eine Flut von Wortmeldungen ehemaliger brasilianischer Weltmeister zu Selbigen. Ratschläge, Zuspruch und düstere Prognosen.

Ratschläge von ehemaligen Mitstreitern

Branco rät Dunga etwa, den Spielern nicht jeden Spaß zu verbieten: "Sex bei der WM sollte nur verboten sein, wenn du ihn mit der Frau eines Kollegen hast. Auch ins Bordell zu gehen ist nicht okay."

Ex-Kapitän Cafú, mit 142 Partien der Rekordinternationale, zweimaliger Weltmeister (1994, 2002) und einziger Spieler, der in drei WM-Finale stand, wendet sich druckerhöhend an seinen Nachfolger als Spielführer, an Lúcio. Der müsse verstehen, dass er nicht nur das Team, sondern alle Brasilianer repräsentiere.

Der große Sócrates, 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko Kapitän der Seleção, aber nie Weltmeister, sieht dafür schwarz. "Brasilien ist körperlich nicht gut drauf, ich bin sehr besorgt. Sie könnten bereits in der Vorrunde Schwierigkeiten bekommen" , sagt der Mediziner und verweist auf die Konkurrenz durch Portugal, die Elfenbeinküste, ja, sogar den ersten Gegner Nordkorea (Dienstag). Und er kritisiert den Stil, den das Team unter Dunga pflegt, als "Angriff auf unsere Fußball-Kultur" . Es gehe nur ums nackte Ergebnis. "Mir macht es keinen Spaß mehr, Brasilien zuzuschauen." Auch weil Dunga Milans Pato nicht nach Südafrika mitgenommen hat. Sócrates: "Pato ist besser als alle anderen, die dabei sind."

"Jogo bonito fica em segundo plano"

Dunga lassen solche Anwürfe nach außen hin völlig kalt. Denn wer "o jogo bonito" , das schöne Spiel, vermisst, den kann der seit 2006 Verantwortliche auf die Erfolge verweisen, die Disziplin, Kampfgeist und Willen bisher eingebracht haben - Copa America 2007, Confed-Cup 2009 und eine mühelose WM-Quali. Nur die Krönung fehlt noch. Für sie haben die Spieler Dungas Vorgaben schon verinnerlicht. "Ich will Weltmeister werden" , sagt Maicon, "ob mit schönem Spiel oder nicht, ist mir egal." Mit Inter Mailand unter José Mourinho hat der Abwehrspieler schließlich unter ähnlichen Prämissen triumphiert.

Stürmer Luís Fabiano vom FC Sevilla, der Schützenkönig der WM-Generalprobe im Vorjahr, verspricht, dass die Seleção dreckig spielen werde, wenn es für den Triumph erforderlich sei. "Der Cup-Gewinn steht über allem" , sagt sogar Spielmacher Kaká, der Einzige, dem Dunga gewisse Freiheiten einräumt. Aber auch nicht zu viele. "Wir müssen seinen Tatendrang bremsen. Wir haben ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, damit er gelassener wird" , sagt der Coach, bezog sich dabei aber auf den Trainingseifer des 28-Jährigen von Real.

Die Journalisten, die von der Seleção berichten, könnte selbst der Titel nicht versöhnen. "Dunga hat lange in Deutschland gespielt, das merkt man. Wir spielen nicht brasilianisch, wir spielen wie die Deutschen" , sagt einer. "Wenn wir die WM gewinnen, werden die Leute kurz glücklich sein. Das waren sie auch 1994, aber diese Mannschaft ist längst vergessen." Dunga war ihr Kapitän. (sid, lü, DER STANDARD Printausgabe 12.06.2010)

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    Nur Kaká, die Nummer 10 der Seleção, genießt im System von Carlos Dunga (re.) gewisse Freiheiten. Aber selbst der Star von Real Madrid gehorcht dem Coach, wie ihm der Ball gehorcht.

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