Wenn Maradona vom Leder zieht

11. Juni 2010, 18:41
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Ausnahmsweise einmal ohne or­dinäre Unflätigkeit trat Diego Ma­ra­dona vor 150 Auserwählten auf

Der 11. Juni 2010 in Pretoria hat nicht gehalten, was der 15. Oktober 2009 in Montevideo versprochen hatte. Aber die Latte ist auch verdammt hoch gelegen. Damals, nach dem mühsamen 1:0 gegen Uruguay, hatte Teamchef Diego Maradona die argentinischen Journalisten aufgefordert, sie mögen ihm doch einen blasen. Weil sie an der Qualifikation für Südafrika gezweifelt hatten. Der genaue Wortlaut: "Denjenigen, die nicht an mich geglaubt habe, sage ich: Ihr könnt mir einen blasen." Er wiederholte die Aufforderung, wurde später von der Fifa für zwei Monate gesperrt. In dieser Zeit bestritt Argentinien kein Spiel, der Weltfußballverband hat echt brutale Sanktionen zu bieten. Es hat übrigens nicht ein Journalist Maradonas Angebot angenommen.

Gottes Hand fehlt mitunter Gottes Verstand. Gott hätte auch brav Unterhaltszahlungen geleistet und nie böse gekokst. Gott würde für ein Benefizspiel keine 200.000 Dollar verlangen. Aber der 49-jährige Maradona ist ja nur seine Hand. "Ob er gescheit ist, kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Psychiater. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, wie er tickt", sagt Jorge Neri. Neri schreibt für eine argentinische Nachrichtenagentur. "Es gibt viele Maradona-Jünger unter uns, ich fühle mich aber der Wahrheit verpflichtet. Ob er ein guter Trainer ist? Linie hat er jedenfalls keine. Aber seine Spieler sind gut."
Castillo Hernan ist auch kein Psychiater, sondern Radioreporter. Hin und wieder hat er Maradona vor dem Mikrofon. "Wenn ein Pullover weiß ist, und Maradona sagt, er ist grün, dann ist er grün. Obwohl er weiß ist. Aber natürlich ist er eine Erscheinung."

Maradona ist um 12.01 Uhr erschienen. In einem finsteren Raum des Loftus-Versfeld-Stadiums in Pretoria. Argentinien kickt zwar am Samstag im Ellis Park von Johannesburg gegen Nigeria, aber man hat am Vortag zu Maradona zu pilgern. Zum Spiel kommt er schon angereist. Die 150 Zählkarten waren in Schallgeschwindigkeit vergriffen, ein wohl wichtiger Fifa-Funktionär hat zuvor ein paar Verhaltensregeln mitgeteilt, die Zusammenfassung ergab ein "Net-blöd-sein-zum-Maradona". Und dann war er da.

Es ging ein Raunen durch die Menge, sie sagten "Hey Diego", "Schau, zu mir", worauf er tatsächlich schaute. Kameras blitzten 3889-mal, er wurde aufgefordert, den am Pult liegenden Ball in die Hand Gottes zu nehmen. Er nahm und küsste ihn sogar. Es sei erwähnt, dass er durchaus schon dicker gewesen ist. Maradona trägt schwarz-weiß-grauen Vollbart und das argentinische Trainingsleibchen, um seinen Hals baumelt ein Kreuz, es könnte aus zig Brillanten gebastelt worden sein. Jedenfalls hat es gefunkelt. Und dann legte er los, sagte glatt, dass er glücklich sei, so viele Journalisten zu sehen. "Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Aus tiefstem Herzen. Hier ist es wunderbar, Südafrika ist wunderbar, das ist der richtige Platz für unseren Fußball."

Schaden repariert

Er wurde gefragt, wie es in ihm drinnen so aussieht. Ob er zurückdenkt, an die Siege, an den Weltmeistertitel 1986 und an die Rückschläge. "Ja, ich schaue auf ein Leben zurück, indem ich mich oft beschädigt habe. Aber ich genieße es, wieder repariert zu sein." Er dankte seinen Töchtern für die tiefe Zuneigung, er hat auch jenem Fotografen, der ein unvorteilhaftes Foto von Maradona veröffentlicht hat, weder eine Watsche noch eine sexuelle Handlung angedroht. „Ich will so etwas nicht mehr sehen, okay."

Als Spieler sei er nervöser gewesen. "Da hatte ich immer nasse Hände, jetzt sind sie trocken." Dann lobte Maradona seine 23 Kicker überschwänglich. "Großartige Burschen, die haben Fußball im Blut. Ich sterbe für sie. Wir haben gearbeitet, hatten Spaß, wir sind perfekt vorbereitet." Die Hetz war ausschweifend, als sich nach einem internen Spielchen die Verlierer entlang der Linie gebückt aufstellen mussten. Die Sieger durften ihnen Bälle auf die Hintern knallen. Was haben sie gelacht. Die Sieger. Kotrainer Carlos Bilardo war bei der Pressekonferenz leider nicht anwesend, der 71-Jährige hatte erklärt, dass er sich vom entscheidenden Final-Torschützen, sofern er aus Argentinien stammt, "von hinten" wird nehmen lassen. Irgendetwas muss in Argentinien schieflaufen.

Maradona sagte noch, dass Lionel Messi die "Kirsche auf der Torte" sein könnte. Gegen einen Weltmeister Argentinien spricht nicht viel, nur einiges: Bilardos Ankündigung (er ist Gynäkologe) und ein paar andere Teams. Argentinien hat zuletzt am 24. Mai geprobt, 5:0 gegen Kanada. Maradona begründete das so: "Während sich die anderen verletzen, ruhen wir uns aus, legen die Steaks auf den Grill." Systemfragen beantwortete Maradona nicht. Was er seinen Spielern vor dem Vergleich mit Nigeria mitteilt? "Seid gut." Abgang nach 31 Minuten. "Ciao Diego."
Sollte Argentinien am 11. Juli trotz oder wegen der Hand Gottes Weltmeister werden, könnte der 15. Oktober deklassiert werden. Denn in diesem Fall könnten zumindest ein paar argentinische Journalisten Maradonas Angebot annehmen. Sofern er es macht. Oder sie schauen Bilardo zu. 

Ausnahmsweise einmal ohne ordinäre Unflätigkeit trat Diego Maradona vor 150 Auserwählten auf. "Ich schaue auf ein Leben zurück, in dem ich mich oft beschädigt habe. Aber ich genieße es, wieder repariert zu sein." (Christian Hackl aus Pretoria, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 12. Juni 2010)

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    Am 28. Oktober 2008 hat Diego Maradona das argentinische Nationalteam übernommen. Die WM-Qualifikation schaffte Argentinien nicht mit links, sondern mit Müh und Not, auch weil Lionel Messi nicht wie bei Barcelona zum Zug kam. Nun aber soll Messi "die Kirsche auf der Torte sein", sagt Diego Maradona.

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