Wenn Maradona vom Leder zieht

11. Juni 2010, 18:41
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    foto: reuters/enrique marcarian

    Am 28. Oktober 2008 hat Diego Maradona das argentinische Nationalteam übernommen. Die WM-Qualifikation schaffte Argentinien nicht mit links, sondern mit Müh und Not, auch weil Lionel Messi nicht wie bei Barcelona zum Zug kam. Nun aber soll Messi "die Kirsche auf der Torte sein", sagt Diego Maradona.

Ausnahmsweise einmal ohne or­dinäre Unflätigkeit trat Diego Ma­ra­dona vor 150 Auserwählten auf

Der 11. Juni 2010 in Pretoria hat nicht gehalten, was der 15. Oktober 2009 in Montevideo versprochen hatte. Aber die Latte ist auch verdammt hoch gelegen. Damals, nach dem mühsamen 1:0 gegen Uruguay, hatte Teamchef Diego Maradona die argentinischen Journalisten aufgefordert, sie mögen ihm doch einen blasen. Weil sie an der Qualifikation für Südafrika gezweifelt hatten. Der genaue Wortlaut: "Denjenigen, die nicht an mich geglaubt habe, sage ich: Ihr könnt mir einen blasen." Er wiederholte die Aufforderung, wurde später von der Fifa für zwei Monate gesperrt. In dieser Zeit bestritt Argentinien kein Spiel, der Weltfußballverband hat echt brutale Sanktionen zu bieten. Es hat übrigens nicht ein Journalist Maradonas Angebot angenommen.

Gottes Hand fehlt mitunter Gottes Verstand. Gott hätte auch brav Unterhaltszahlungen geleistet und nie böse gekokst. Gott würde für ein Benefizspiel keine 200.000 Dollar verlangen. Aber der 49-jährige Maradona ist ja nur seine Hand. "Ob er gescheit ist, kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Psychiater. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, wie er tickt", sagt Jorge Neri. Neri schreibt für eine argentinische Nachrichtenagentur. "Es gibt viele Maradona-Jünger unter uns, ich fühle mich aber der Wahrheit verpflichtet. Ob er ein guter Trainer ist? Linie hat er jedenfalls keine. Aber seine Spieler sind gut."
Castillo Hernan ist auch kein Psychiater, sondern Radioreporter. Hin und wieder hat er Maradona vor dem Mikrofon. "Wenn ein Pullover weiß ist, und Maradona sagt, er ist grün, dann ist er grün. Obwohl er weiß ist. Aber natürlich ist er eine Erscheinung."

Maradona ist um 12.01 Uhr erschienen. In einem finsteren Raum des Loftus-Versfeld-Stadiums in Pretoria. Argentinien kickt zwar am Samstag im Ellis Park von Johannesburg gegen Nigeria, aber man hat am Vortag zu Maradona zu pilgern. Zum Spiel kommt er schon angereist. Die 150 Zählkarten waren in Schallgeschwindigkeit vergriffen, ein wohl wichtiger Fifa-Funktionär hat zuvor ein paar Verhaltensregeln mitgeteilt, die Zusammenfassung ergab ein "Net-blöd-sein-zum-Maradona". Und dann war er da.

Es ging ein Raunen durch die Menge, sie sagten "Hey Diego", "Schau, zu mir", worauf er tatsächlich schaute. Kameras blitzten 3889-mal, er wurde aufgefordert, den am Pult liegenden Ball in die Hand Gottes zu nehmen. Er nahm und küsste ihn sogar. Es sei erwähnt, dass er durchaus schon dicker gewesen ist. Maradona trägt schwarz-weiß-grauen Vollbart und das argentinische Trainingsleibchen, um seinen Hals baumelt ein Kreuz, es könnte aus zig Brillanten gebastelt worden sein. Jedenfalls hat es gefunkelt. Und dann legte er los, sagte glatt, dass er glücklich sei, so viele Journalisten zu sehen. "Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Aus tiefstem Herzen. Hier ist es wunderbar, Südafrika ist wunderbar, das ist der richtige Platz für unseren Fußball."

Schaden repariert

Er wurde gefragt, wie es in ihm drinnen so aussieht. Ob er zurückdenkt, an die Siege, an den Weltmeistertitel 1986 und an die Rückschläge. "Ja, ich schaue auf ein Leben zurück, indem ich mich oft beschädigt habe. Aber ich genieße es, wieder repariert zu sein." Er dankte seinen Töchtern für die tiefe Zuneigung, er hat auch jenem Fotografen, der ein unvorteilhaftes Foto von Maradona veröffentlicht hat, weder eine Watsche noch eine sexuelle Handlung angedroht. „Ich will so etwas nicht mehr sehen, okay."

Als Spieler sei er nervöser gewesen. "Da hatte ich immer nasse Hände, jetzt sind sie trocken." Dann lobte Maradona seine 23 Kicker überschwänglich. "Großartige Burschen, die haben Fußball im Blut. Ich sterbe für sie. Wir haben gearbeitet, hatten Spaß, wir sind perfekt vorbereitet." Die Hetz war ausschweifend, als sich nach einem internen Spielchen die Verlierer entlang der Linie gebückt aufstellen mussten. Die Sieger durften ihnen Bälle auf die Hintern knallen. Was haben sie gelacht. Die Sieger. Kotrainer Carlos Bilardo war bei der Pressekonferenz leider nicht anwesend, der 71-Jährige hatte erklärt, dass er sich vom entscheidenden Final-Torschützen, sofern er aus Argentinien stammt, "von hinten" wird nehmen lassen. Irgendetwas muss in Argentinien schieflaufen.

Maradona sagte noch, dass Lionel Messi die "Kirsche auf der Torte" sein könnte. Gegen einen Weltmeister Argentinien spricht nicht viel, nur einiges: Bilardos Ankündigung (er ist Gynäkologe) und ein paar andere Teams. Argentinien hat zuletzt am 24. Mai geprobt, 5:0 gegen Kanada. Maradona begründete das so: "Während sich die anderen verletzen, ruhen wir uns aus, legen die Steaks auf den Grill." Systemfragen beantwortete Maradona nicht. Was er seinen Spielern vor dem Vergleich mit Nigeria mitteilt? "Seid gut." Abgang nach 31 Minuten. "Ciao Diego."
Sollte Argentinien am 11. Juli trotz oder wegen der Hand Gottes Weltmeister werden, könnte der 15. Oktober deklassiert werden. Denn in diesem Fall könnten zumindest ein paar argentinische Journalisten Maradonas Angebot annehmen. Sofern er es macht. Oder sie schauen Bilardo zu. 

Ausnahmsweise einmal ohne ordinäre Unflätigkeit trat Diego Maradona vor 150 Auserwählten auf. "Ich schaue auf ein Leben zurück, in dem ich mich oft beschädigt habe. Aber ich genieße es, wieder repariert zu sein." (Christian Hackl aus Pretoria, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 12. Juni 2010)

Kommentar posten
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johann weissmueller
01
14.6.2010, 10:04

nicht einer, der das angebliche fehlen fußballerischen know hows mit auch nur einem beispiel belegen könnte. "da fehlte jede linie" heißt es meistens und ist nur ein nachbeten fremder formeln. langsam verstehe ich diegos ausspruch, denn selbst seine abgase sind noch kreativer als dieses stupide geschreibsel über seine fähigkeiten oder unfähigkeiten. amen

morgensterns engel
00
14.6.2010, 16:16
schließe mich...

... vorbehaltlos an.

Christian S
00
13.6.2010, 19:49
Dank Vuvuzela

ist mehrstündiges Dauerblasen ohnehin zur Hauptbeschäftigung der Fußballfans geworden.

Diego wollte sich doch nur dem allgemeinen Oralboom anschließen und den Journalisten gleichzeitig eine Chance geben, ihr gutes Herz und ihre Freude am Verwöhnen und Liebhaben der Mitmenschen beweisen zu können. ;-)

Jake Gittes
01
13.6.2010, 18:29

Maradona ist der Krankl von Argentinien. Genialer Spieler, als Trainer fehlt ihm aber leider der Realitätsbezug.

frune
01
12.6.2010, 20:00
Na, da hat aber einer nie die Bibel gelesen:

"Gottes Hand fehlt mitunter Gottes Verstand. Gott hätte auch brav Unterhaltszahlungen geleistet und nie böse gekokst. Gott würde für ein Benefizspiel keine 200.000 Dollar verlangen. Aber der 49-jährige Maradona ist ja nur seine Hand."

Unterhaltszahlungen? Von wegen! Flott steinigen lassen und fertig!
200000 für ein Benefizspiel? Viel zu wenig! Für weniger als "Ewige Huldigung, Unterwerfung, Ausrottung aller Ketzer" gibts schon mal gar nix!!

Also, mir ist Maradona weit sympatischer.

http://www.youtube.com/watch?v=DHzH3eiaNno

homer simpson9
 
00
12.6.2010, 13:03

würd ich nicht tun...

keine glatte oberfläche...

daNinooo
00
12.6.2010, 11:51
hahaha

"wenn maradona vom leder zieht" - CHAPEAU!!!!!!^^

minus maius
12
12.6.2010, 10:54

Maradona ist ein Rock'n'Roll Star - nicht mehr und nicht weniger! Es ist doch erfrischend, dass es solche Typen im Hi-Tech-Business Fußball noch gibt. Mir ist Diego 1000mal lieber als ein Mourinho. Mag es zwar bessere Taktiker geben, aber mein Herz haben die Gauchos. Viva Argentina!

Stephen Morrissey
11
12.6.2010, 12:20
ähhhh....

mourinho ist doch auch so ein typ, oder?
gegensätze würden eher leute wie hitzfeld darstellen...

minus maius
12
12.6.2010, 13:56

Mourinho ist ein Schnösel, mehr nicht!

Bambule1978
23
12.6.2010, 10:36

Der Typ ist einfach das LEBEN, mit allen Auf und Abs, mit allen Siegen und bitteren Niederlagen, mit allen glorreichen und saudummen Aktionen.
Und alle Moralapostel regen sich auf, wenn er einfach er ist. Aber genau das macht ihn aus und ich muss zugeben, ich find ihn genial.

Austro-Spanier0
00
12.6.2010, 13:11
ich find ihn genial.

anda, vete a chupársela.

geordie
12
12.6.2010, 10:54

trotzdem hat er auf dem Posten des argentinischen Nationalteam-Trainers nichts verloren...aber nicht aus moralischen Gründen wegen seines Lebenswandels, sondern weil er einfach ein schlechter Trainer ist!

sauraumpfa
10
12.6.2010, 12:03
aha geordie - und woher wissen sie dass??

Mirstetta Toni
01
12.6.2010, 10:42

passt genau; danke!

Alles andere is primär oder irreregulär
01
12.6.2010, 09:35
Diego ist der größte aller Zeiten!

Auch wenn viel Blödsinn gemacht z.B Drogen etc solche Typen braucht man mehr im Fußball. Er sagt manchmal einfach was er denkt und deswegen bekommt immer wieder solche Probleme.
Bei den jungen Spielern heutzutage denkt man immer wieder der betet gerade vor der TV Kamera das runter was ihm sein PR Berater kurz davor eingeredet hat.

Horstl Schorschl
00
12.6.2010, 09:26
Eins muss man ihm lassen,...

nach alle den Jahren schaut er das erste mal wieder halbwegs gesund und fit aus, das freut mich für ihn und ich hoffe er hat viel Erfolg bei der WM.

Thomas Jandl
21
12.6.2010, 03:06

So ein Angeber! Nach all den Drogen kriegt der ihn doch nicht mal mehr fuer einen Journalisten rauf, geschweige denn fuer ALLE die an ihm gezweifelt haben.

charly.be
07
11.6.2010, 23:13
diego ist einfach unverfälscht

egal ob er auf journalisten schiesst , mit dem auto über ihre zehen fährt , oder sie beflegelt .... dieser typ ist absolut unterhaltend.
Die ganze fussball - fachwelt ( von arg ausgehend) schiesst sich zwar auf einen katastrophalen taktiker ein.
ich glaube , argentiniens team ist in den letzten tagen eine eingeschworene partie geworden, es war richtig das team u messi total zu isolieren , so etwas wie geheimtraining zu absolvieren.
diego weiss sehr wohl , was sich bei einer wm endrunde abspielt!!
morgen wissen wir mehr , bin schon gespannt , wer im sturm beginnt und wie die albiceleste auftritt.

Persil Musikant
00
11.6.2010, 22:35
ich bin ein Fan von Maradona

Jahrhundertkünstler haben was, das man genießen sollte. Von denen gibt es so wenige, dass das Konzept Brot und Spiele nicht ziehen würde, dass von den Staaten, sprich Politikern der Welt, jetzt wieder abgezogen wird. Was wäre die Welt besser, würden sich die Massen nur für
Jahrhundertkünstler begeistern. Opium für das Volk zeigt sich mir nirgends so deutlich wie in Deutschland, wo auf Seite eins der Stuttgarter Nachrichten der VFB Stuttgart abgefeiert wird. Totaler Durchschnitt.
Religion ist definitiv für die Menschheit kein Opium mehr. Einer von mehreren Irrtümern der Linken.
Opium wirkt rasch und hinterläßt relativ bald einen Kater. Sport zuschauen auch.. Nach dem Sieg die Niederlage und vor allem das trostlose Leben.

el puño rojo
 
10
11.6.2010, 21:06
@ Herrn Hackl

Warum sind sie überhaupt hingegangen wenn der klane Blade eh so eine ordinäre Sau ist,
bitte um Verzeihung,
wenn Ihnen bekannt ist dass in Herrn Maradonas politisch korrekter Artikulierung grobe Defizite zu beklagen sind ?
Kriegen sie Schmerz-Zulage wenn sie sich in die Gefahr begeben die Worte Zumpferl oder Kotringerl auf spanisch zu hören zu bekommen ?
Beinharter Job den Sie das machen ! Halte mir immer die Ohren zu wenn Maradona irgendwo auftaucht.

recycle _or die
00
12.6.2010, 01:28

man muss ja außerdem auch mit einem anderen maß messen, das steht den argentiniern schon zu. schließlich wird in der argentinischen alltagssprache viel mehr und viel derber geschimpft. wins deutsche übersetzt klingts ntürlich nochmal ärger

pike bishop
28
11.6.2010, 20:05

Unser GlÜck ist, dass Herr Hackl so viel klÜger als Maradona ist.

Ich kann mich an die WM in Italien erinnern. Da haben alle die Argentinier ausgelacht, als sie ihr erstes Spiel gegen Kamerun verloren, selbst der Happl hat gespotttet. Dann sind sie mit einem Fussball a la Mourinho ins Finale gekommen und haben dort durch einen geschenkten Elfer verloren. Ich will nicht behaupten, dass das diesmal wieder passiert, aber ein bisschen weniger Aroganz wäre nicht nur höflicher, sondern auch klüger.

artefactum
12
11.6.2010, 19:33
diego sagte genau das was ich zur standard.at zensurabteilung sage

schreiben darf ich es allerdings nicht, denn dann sind diese "moralapostel" ja wieder so schrecklich entsetzt.
ach ja, ihr armen macht ja nur euren job, und nebenbei geht es ja auch darum die lieben kinderlein zu beschützen, und wohl auch noch tausend andere gründe um sich von der realität zu distanzieren.....
ich fühle mit euch und hoffe dass auch ihr eines tages erkennen werdet dass diese welt nun mal nicht diese sprachliche eleganz besitzt die ihr euch doch so gerne wünscht. nichts desto trotz, diegos wortwahl in euren ohren - und der rest im mund:)
gemeint ist damit natürlich die redefreiheit.

rank7
01
11.6.2010, 20:54
Slang ist nicht die einzige Annäherung an die Realität

Sie machen sich das viel zu einfach, und bloß weil´s pathetisch ist, was Sie schreiben, stimmt´s deswegen noch lange nicht.
Maradona war übrigens ein fantastischer Fußballer, ich habe ihn schon in seinen ganz jungen Jahren im Praterstadion gesehen (Ö hat damals glaub ich 1:5 verloren), er wußte und weiß auch viel über den Schmutz, in dem sich der Profi-Fußball suhlt, und hat darüber auch manchmal öffentlich gesprochen, das war mutig - also kurzum, man kann Maradona auch schätzen, ohne zu sabbern

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