"Sturm": "Ich weiß gar nicht, wie viel Zivilcourage ich besitze"

11. Juni 2010, 18:15
1 Posting

Der Film "Sturm" zeigt auf höchst behände Weise, wie schwierig es sein kann, Kriegsverbrechen zu ahnden - Hans-Christian Schmid im Interview

Recht wird biegsam, wenn unterschiedliche Interessen aufeinander stoßen. Die einen wollen ein schnelles Urteil, ihr Gewissen befreien, andere bloß Recht bekommen. In Hans-Christian Schmids Film Sturm ermittelt Hannah Maynard (Kerry Fox), Anklägerin am Strafgerichtshof in Den Haag, gegen einen serbischen General, der im Krieg in Bosnien Deportationen angeordnet haben soll. Als die Beweislage immer brüchiger wird, macht sie sich auf, um mit Mira (Anamaria Marinca) eine neue Zeugin zu überzeugen, vor Gericht auszusagen. Schmids umsichtige Regie lotet die Anstrengungen einer Wahrheitsfindung aus und beweist dabei viel Gespür für Grauzonen.

Standard: Ein Kriegsverbrecher, eine Zeugin, eine Anklägerin und der Strafgerichtshof - gingen Sie mehr von einer Person oder von einer Institution aus?

Schmid: Eigentlich hatten mein Co-Autor Bernd Lange und ich Lust, einen Thriller zu schreiben. Irgendwann stießen wir auf eine Spiegel-Meldung über Hildegard Uertz-Retzlaff, eine Anklägerin in Den Haag. Neugierig fuhren wir zu ihr, unterhielten uns lange: Sehr schnell stand die Faszination für diese Person im Vordergrund, und thematisch damit verbunden die Frage nach Integrität.

Standard: Was meinen Sie mit Integrität?

Schmid: Wir sahen Hannah als Frau, die seit zehn Jahren ihren Job macht. Sie hat immer noch ihre Ideale, aber es gibt Anzeichen einer déformation professionelle. Und jetzt ist sie an dem Punkt, an dem sie sich entscheiden muss: Wie weit ist sie bereit zu gehen?

Standard: Die Figur ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. In einem US-Film wäre sie nicht in diesem Alter, hätte nicht diese Art von Konflikten und könnte sich keine Affäre leisten.

Schmid: Wir waren recht verzweifelt, als wir nach Möglichkeiten suchten, über Hannah anders als über ihr Berufsleben zu erzählen. Zugleich war klar, dass sie das eben charakterisiert. Anders als in einem Film wie The Insider, wo Al Pacinos Ehefrau immer nur "Du tust mir leid, Schatz!" sagen darf, nahmen wir den Ehepartner wieder heraus. Wir zeigen, dass das Privatleben dieser Leute leidet: Sie bewohnen unpersönliche Apartments, ganze Dekaden ihres Leben widmen sie einer Sache.

Standard: Sie haben sich schon öfters in Ihren Filmen auf Genres bezogen, ohne deren Regeln brav zu erfüllen. Woher kommt das?

Schmid: Unsere Richtung war New Hollywood, Filme wie All The President's Men, Klute, Three Days Of The Condor und so weiter - Filme, in denen man zwei Journalisten bei der Arbeit zusehen kann, ohne dass viel Action passiert. Viel davon haben wir fallen gelassen: Etwa die Szene, in der Hannahs Wagen von der Straße abgedrängt wird. Das erschien uns nicht passend im Verhältnis zu dem, was wir über sie und die Zeugin erzählen wollten.

Standard: "Sturm" erzählt von Kompromissen, Verschleppungen und Einflussnahmen. Misstrauen Sie eindeutigen Wahrheiten?

Schmid: Das hat auch mit der Vorliebe für Filme zu tun, die ihre Botschaften nicht zu deutlich vermitteln. Sonst werden Figuren eindimensional. Letztlich spürt man das Didaktische viel zu stark - die Gefahr war bei Sturm relativ groß. Zum anderen glaube ich, dass die Zusammenhänge kompliziert sind. Es gibt auch für Antagonisten gute Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Standard: Sie haben gleichzeitig den Dokumentarfilm "Meine wunderbare Welt der Waschkraft" gedreht. Gibt es das Ethos des Dokumentaristen auch beim Spielfilmregisseur?

Schmid: Ja, bestimmt. Klar sucht man sich als Spielfilmregisseur aus, auf welcher Seite man steht. Die differenzierten Blickweisen gibt es ja auf beiden Seiten: Meine wunderbare Welt der Waschkraft ist kein kämpferischer Film, der den deutschen Unternehmer vernichtet, sondern blickt auf die Wirklichkeit im deutsch-polnischen Miteinander. Oft verändern sich die Dinge in der Entwicklung: In den ersten Sturm-Fassungen war Hannah noch viel stärker die Idealistin.

Standard: Fragen von Zivilcourage stellen sich in Ihrem Werk öfters.

Schmid: Ich weiß nicht, wie viel Zivilcourage ich besitze. Es geht mir immer darum, wie Teile von Gesellschaften sich zueinander verhalten, miteinander umgehen.

Standard: Sie arbeiten viel mit mobiler Kamera. Das bringt einen anderen Zugang zum Schauspiel. Wie viel Kontrolle geben Sie ab?

Schmid: Den Handkamera-Stil gibt es seit meiner Zusammenarbeit mit Bogumil Godfrejo in Lichter. Ich glaube, das ist die passende Form für Filme, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Ich mag das gern, wenn es nicht manieriert ist. Und mir ist die Arbeit mit den Schauspielern das Wichtigste, ich möchte nicht, dass sich die Technik so breitmacht. Wir leuchten eine Szene komplett aus und können uns dann frei bewegen. Das ergibt einen eigenen Stil, ein Zerhacken des Zeitkontinuums statt eines Glättens.

(Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

  • Zur Person:
Hans-Christian Schmid(44) bewährt sich mit seinen Filmen "Nach fünf im 
Urwald" , "Crazy" , "Lichter"  und "Requiem"  als einer der 
sorgfältigsten Dramatiker unter den deutschen Filmregisseuren.
    foto: filmladen

    Zur Person:
    Hans-Christian Schmid(44) bewährt sich mit seinen Filmen "Nach fünf im Urwald" , "Crazy" , "Lichter" und "Requiem" als einer der sorgfältigsten Dramatiker unter den deutschen Filmregisseuren.

Share if you care.