Eine späte Familien-Zusammenführung

11. Juni 2010, 18:04
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Das nie gezeugte Kind von Roy Orbison und Elvis Presley gastierte erstmals in Österreich: Chris Isaak

 Eine Weihestunde mit Schmolllippe, Schweißbächen und einer Spiegelrüstung.

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Wien - Die Stirn in Falten geschoben, Dackelblick, Schweiß am Kinn, Schmolllippe. So stand er da, in edlem Türkis, und sang den Mond an. Für uns und - weil er nicht anders kann - auch ein wenig für sich selbst. Dann stieg er hinab zu uns, ins Publikum, Love Me Tender auf den Lippen, und verzauberte wie ein Heilsbringer den Saal. Er suchte Körperkontakt, fand ihn, bezirzte die Damen, charmierte die Herren, würzte seine Segnungen mit Witz und Selbstironie.

So - oder so ähnlich - wollte man es seit 25 Jahren erleben. Am Donnerstag war es so weit. Endlich! Chris Isaak, das nie gezeugte Kind von Elvis Presley und Roy Orbison, gastierte erstmals in Österreich. In der Szene Wien. Und plötzlich war alles gut. Die Phantomschmerzen von mehr als zwei Dekaden waren wie weggeblasen. Halleluja!

Begonnen hat das mit Isaak 1985. Elvis hatte das Gebäude gerade erst durch die Klotüre verlassen, und schon ging alles drunter und drüber. Punk tauchte als neue, wildere Rock'n'Roll-Inkarnation auf, war bald intellektuell überwunden, mündete in den Postpunk und die New Wave. Vogelscheuchen mit Ozonlochfrisuren überall. Der Krieg kalt, die Mauer hoch, alles war schrecklich endzeitlich. Und niemand, niemand war damals uncooler als Elvis.

Just zu dieser Zeit tauchte Chris Isaak auf, schmachtete sich mit längst verloren geglaubter Unschuld durch Lieder mit Titeln wie Funeral In The Rain, The Lonely Ones oder Unhappiness - und insistierte frech darauf, auch so auszusehen wie der einstige König aus Memphis, Tennessee.

Ein paar Lieder später, die von David Lynch für seine Filme Blue Velvet (Gone Ridin') oder Wild At Heart (Wicked Game) verwendet wurden, war dieser aus der Zeit gefallene Kalifornier ein Weltstar. Er spielte in Hollywood-Blockbustern mit, bekam eigene Fernsehshows und veröffentlicht seit damals in schöner Regelmäßigkeit Alben, die allesamt Hommagen an seine beiden Götter sind, an Elvis und Roy.

Günstigerweise besitzt er das Aussehen des Erst- und die Stimme des Zweitgenannten. Als dieser Fleisch gewordene Traum mit Tolle obendrauf, mittlerweile 53, war er nun also erstmals in Wien, mit einer so wunderlichen wie wunderbaren Band holte er nach, was nachzuholen war. Von Somebody's Crying über Baby Did A Bad, Bad Thing zu Speak Of The Devil, um gegen Ende im Blue Hotel einzuchecken. Seufz!

Spiegelrüstung

Zu diesem Zeitpunkt trug Isaak zwar keinen goldenen Anzug wie einst der King, aber ein aus lauter kleinen Spiegeln bestehendes Ensemble, eine Art Spiegelrüstung, war als Ironisierung des Rock'n'Roll-Größenwahns auch nicht ganz schlecht. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Band bereits ein Akustikset mit Beserlschlagzeug, Akustischer und Quetsche absolviert. Eine hübsche Atempause für den ganzen Saal, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hatte.

Exakt hier wäre Only The Lonely fällig gewesen. Eine dieser gottvollen Schmerzensarien von Orbison, die Isaak auf dem Album Baja Sessions in den mexikanischen Sandstrand gesetzt hatte - zum Weinen schön! Schade, aber toll, Roy sollte schon noch kommen, im Zugabenblock sichtete Isaak eine Pretty Woman.

Es war großartig!Zwar sah der Bassist wie der Zwillingsbruder von Chris Norman aus und "performte" etwas über die Maßen, aber auch derlei Albernheiten, die Isaak mit souverän schauspielerischer Leistung wieder abstellte, trugen zur Gesamtatmosphäre dieser Zusammenkunft bei. Denn das hier war mehr als nur ein Konzert. Das war eine späte Familienzusammenführung von ein paar hundert Cousins und Cousinen mit ihrem Onkel aus Amerika.

Nebenbei ließ dieser den alten Gaul Rock'n'Roll hochleben. Mit einer Mischung aus Las-Vegas- und Grand-Ole-Opry-Entertainment, so professionell wie rührend. Die einst so tief sitzende Unhappiness wurde für die Dauer des Treffens durch Glückseligkeit ersetzt. Halleluja! (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

  • Chris Isaak beim Schmachten. Hart sein kann jeder, aber nur weich sein 
ist wirklich hart.
 
    foto: christian fischer

    Chris Isaak beim Schmachten. Hart sein kann jeder, aber nur weich sein ist wirklich hart.

     

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