Dicke Singbeamte statt Wagners "Übertheater"

11. Juni 2010, 17:51
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Otto Schenk feiert Geburtstag und gibt in "Einmal noch" den genialischen Maestro

Wien - Otto Schenk ist 80 - und muss in seinem Lebenstheater in der Josefstadt seine Geburtstagsfeier gleich selbst ausrichten: "Was einer kann, gehört allen" , heißt es in Einmal noch über die Berufung des Künstlers, und der Josefstädter Premierengast hätte sich am Donnerstag gewünscht, man wäre dem Können dieses einen bewundernd gerecht geworden. Stattdessen wurde dem seit heute, Samstag, 80-jährigen Otto Schenk ein furchtbar konstruiertes Stück auf den Leib geschrieben, dem der Autor Klaus Pohl auch als Regisseur nicht zu Esprit oder gar Witz verhelfen konnte.

In Einmal noch hat ein genialischer Maestro (Schenk als Karl Meier) am Höhepunkt seiner Karriere aus Verachtung vor dem "Betrieb" das Handtuch geworfen. Jahrzehnte später wird er als Sandler unter einer Autobahnbrücke wiederentdeckt: Jene Jahrhundertsängerin, die ihm in Glanzzeiten als kongeniale Muse zur Seite gestanden hat, die große "Anna Denezki" , ist tot und wünscht sich in ihrem Testament ein letztes Konzert von ihrem Maestro Meier.

Man verbringt einige zusammenhanglose Dialogszenen, denen offenbar noch auf dem Manuskriptblatt die Luft ausgegangen ist, auf der von Rolf Langenfass zubetonierten Bühne. Eine junge Dame (unbeholfen: Therese Lohner) versucht, das Genie für das Konzert zu gewinnen, von dem sich der Agent Siggi Blaustein (ein Unikat: Gideon Singer) Glanz, Geld und TV-Verträge erhofft.

Die Geschichte geht nach der Pause platt weiter: Meier trifft auf Annas Sohn Christopher (Michael Dangl), der selbst Dirigent werden möchte, vorher aber noch den Groll gegenüber seiner Mutter ("Sie war nie für mich da!" ) abbauen muss. Der angedeutete Konflikt des aufstrebenden Jungen mit dem alten Genie zerrinnt zu sinnlosen Eifersüchteleien - man hat nicht mehr viel zu erzählen und kann das unausweichliche Happy-End rasch vorziehen.

Immerhin: Zwei längere Szenen dienen Otto Schenks Würdigung, der nicht erst durch Jungdirektor Herbert Föttinger im Anschluss zum "Theatergiganten" ernannt werden muss. Wenn Schenk erst als Sandler torkelnd hadert, dann mit Michael Dangl am Klavier Wagner dirigiert und gegen "dicke Singbeamte" wettert, rückt die rundum missglückte Inszenierung in den Hintergrund und gibt endlich Platz für das Talent eines großen Schauspielers. Zum Neunziger dann bitte gleich einen Soloabend! (Isabella Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

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    Otto Schenk dirigiert in der Josefstadt ein Wagner-Medley.

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