Nationalisten top, Konservative flop, Rassisten mau

11. Juni 2010, 17:15

Parlamentswahl: Den Christdemokraten droht in Flandern ein Desaster, die Separatisten sind im Vormarsch, die Sozialisten im Süden stark

Belgien wählt: Angst vor Krise und Spaltung des Landes prägten den Wahlkampf.

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Zum Glück hat die Weltmeisterschaft begonnen. Für die fußballbegeisterten Belgier ist das ein willkommener Anlass zum beliebten Spiel, alle Varianten durchzudebattieren, wer es auf welchem Weg bis ins Finale und zum Titel schaffen wird. Bei 32 Mannschaften in acht Gruppen gibt es viele mögliche Kombinationen.

Diese Abwechslung in der Disziplin "komplexe Logelei" kommt gerade rechtzeitig zu den vorgezogenen Wahlen am Sonntag. Deren Ausgang und die Frage, wer dann die Führung des Landes übernehmen wird, ist fast noch schwerer zu beantworten als die nach dem künftigen Weltmeister.

Gut zwanzig Parteien treten im kleinen Königreich an. Schon bisher sind elf im Bundesparlament vertreten (siehe Grafik) - nach Weltanschauung und Sprachenzugehörigkeit von Flamen und Wallonen jeweils fein aufgeteilt.

Das Wahlrecht und die Tatsache, dass die drei Regionen (Flandern, Wallonie, Stadt Brüssel) starke Autonomierechte haben, begünstigen die Zersplitterung. Seit den 1980er-Jahren gab es immer kompliziertere Regierungsbündnisse, zuletzt aus fünf Parteien. Ende April ist die Regierung von Premier Yves Leterme - eine Koalition aus flandrischen Christdemokraten, Liberalen und Sozialisten aus dem Süden - kläglich gescheitert, die fünfte Regierung in fünf Jahren. Auslöser war der Streit um eine Neuaufteilung des Wahlbezirks von 35 Gemeinden rund um die zweisprachige Hauptstadt Brüssel gewesen. Eine fast unlösbar komplizierte Sache, die nach Übereinstimmung der meisten Wahlbeobachter eines werden dürfte: noch komplizierter.

"Hier ist schon eine Großpartei, wer 15 bis 20 Prozent Stimmenanteil schafft" , staunte dieser Tage ein Botschafter, der seit 2008 im Land lebt. 2007 waren die flämischen Christdemokraten (CD) Letermes in Flandern noch auf 30 Prozent Stimmenanteil gekommen, knapp vor den Sozialisten in der (kleineren) Wallonie. Nun aber droht der traditionell dominanten CD&V der Absturz, im Norden wie im Süden. Nach jüngsten Umfragen fallen sie in Flandern unter 20 Prozent, während der SP im Süden mit rund 30 Prozent ein starker Sieg vorausgesagt wird.

Beides ist ein Ausdruck eines steigenden "Nationalismus à la belge" , eines unversöhnlichen Kampfes der Sprachregionen um Einfluss und Geld. In der Wallonie gilt die SP als verlässlicher Vertreter der "französischen" Interessen gegenüber den Flamen, steht für den Gesamtstaat.

Zentralstaat "verdampft"

Im Norden aber steht die nationale Volksallianz (NVA) von Bart de Wever, der für "Verdampfung" des Zentralstaats, für starke Regionen, aber auch für eine starke EU eintritt, vor einem Triumph. Laut jüngsten Umfragen kommen sie mit 26 Prozent auf Platz 1.

Die Zukunft der Regionen, die Staatsreform, sind dominierende Themen neben der Wirtschafts- und Schuldenkrise. De Wever, ein gelernter Historiker, der fünf Sprachen spricht, war lange in einem politischen Bündnis mit den Christdemokraten. So national und wirtschaftsliberal der Separatist auch agiert, so sehr tritt er aber auch Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit entgegen. In Flandern ist die NVA auch in der Regionalregierung. Die Folge: Die Rechtsextremen, die offen rassistisch und ausländerfeindlich agieren und bisher stark wuchsen, sind im Abwind. Das gilt für den Vlaams Belang im Norden (der die Hälfte seiner 20 Mandate verlieren könnte) wie den Front National in der Wallonie. Er dürfte aus dem Parlament fliegen.

Premierminister kann der umstrittene de Wever dennoch kaum werden, aber "Königsmacher. Als Kandidaten dafür gelten die Christdemokratin Marianne Tyssen, oder der Sozialist Elio di Rupo aus dem Süden. Viel hängt dabei vom Abschneiden der Grünen ab, die in beiden Landesteilen leicht zulegen dürften, und von den mitregierenden Liberalen, die in Umfragen schwächer sind. Die Regierungsbildung wird Monate dauern, mit ungewissen Folgen auch für Europa: Belgien übernimmt am 1. Juli den EU-Vorsitz. (Thomas Mayer aus Brüssel/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2010)

Kommentar posten
11 Postings
byron sully
00
12.6.2010, 15:30
kurz zusammengefaßt:

wallonie mitte-links, flandern mitte-rechts bis rechts.

Solidarität mit den Reichen und ihren Zuhältern!
00
12.6.2010, 12:53
Wenn´s nicht geht, muss man sich auch trennen können.

Eigentlich schade, aber wenn die Mehrheit für eine Auflösung ist, dann sollen sie.

J R
10
12.6.2010, 11:50

Nun, daß die belgischen Parteien für die EU sind ist doch logisch, zumal der Kopf der Krake sich bei ihnen befindet, Jobs garantiert und europäische Gelder einsaugt.

Raptor Jesus
00
12.6.2010, 01:47
Siehe Grafik

Wo ist sie?

Jo-Jo
03
12.6.2010, 07:08
Gleich neben dem Artikel - in der Printausgabe

Alexander Patjomkin
01
11.6.2010, 23:03
Wenn in irgendeinem Lang die Rechte stärker werden,

schimpft ganze Europa auf sie ein. Soweit kommt man nicht, dass sowas ist immer eine Reaktion auf eine Politik, die die reale Probleme nicht löst, sonder verschweigt oder ignoriert. Die Menschen drückt aber das Problem schwehr, sie warten auf Politiker, wie auf einen Messias, die die Probleme lösen wird, oder verspricht sie zu lösen. Dann kommt der Chor: "diese sind nur Populisten, sie können nichts weiterbringen..." Eines haben aber diese "Populisten", was die anderen nicht haben: Motivation, und das ist nicht wenig.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
34
11.6.2010, 21:17
Man müsste mal

mit Doku-Kameras filmen, was einige belgische Flamen, Wallonen und Brüsseler so alles zwischen 0.00 und 24.00 Uhr tun.

Also Schlafen, Klo, Duschen, Kaffee trinken, blabla u.s.w.

Stoffwechsel. Arbeit. Blödsinn reden. Einspatzeln. Mützeln. Blabla.

Wie wir alle. Worldwide.

Woher die künstlich "Unterschiede" zwischen sich feststellen, erfinden, konstruieren, ist jedem Geistesgegenwärtigen schleierhaft.

Irgendwie ist der Daseins -, Verhaltens-, und Tagesablauf von Zweibeinern auf dem Planeten ziemlich synchonisiert.

yotix
 
02
12.6.2010, 16:03

Die Menschheit hat den größten Teil ihrer Geschichte in Stämmen und Familienclans gelebt, die häufig andere Clans bekriegen und berauben.

Nach einem "wir" zu suchen und "die anderen" dann zu hassen, ist normal, so ticken wir Menschenaffen halt. Damit die Morde weniger wurden, bedurfte es erst drakonischer Strafen, strikten Regeln (vgl. Religion) und Stillen der Blutgier des Pöbels durch Ersatzspiele (Gladiatoren, Fußball, Wrestling).

Leider sucht man die zu hassenden Erzfeinde gern in der eigenen nachbarschaft: Deutschsprachige Kärntner mit -nic im Namen hassen "Tschuschen", und erst vor einigen Jahrzehnten wurden Millionen Europäer verschiedenster Nationen einfach ermordet, wegen Religion und Hautfarbe.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
00
12.6.2010, 01:49
Ok

mindestens 1 Rotstrichler läuft auf Händen, schläft tagsüber und sonnt sich bei Mondschein.

Aber nichtmal das ist so besonders, daß es eine Art Apartheid rechtfertigen würde.

Chien de Pique
22
11.6.2010, 17:47

Hm, heißt NVA nicht Nieuw-Vlaamse Alliantie?
Klingt nicht ganz so furchtbar wie "nationale Volksallianz". Ist jedenfalls gut, wenn die Stimmen vom Vlaams Belang dorthin abwandern, wenn Separatismus schon sein muss.

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