Neuregulierung des Finanzsektors und der Demokratie

11. Juni 2010, 16:58
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Ungezügelte Märkte sind weder effizient noch stabil

Beinahe zwei Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers und über drei Jahre nach dem Ausbruch der durch die Verfehlungen auf dem Finanzsektor verursachten globalen Rezession, haben sich die USA und Europa zu einer Reform der Finanzmarktregulierung durchgerungen.

Vielleicht sollten wir die Erfolge im Regulierungsbereich in Europa und in den USA feiern. Schließlich besteht Übereinstimmung, dass die Krise eine Folge exzessiver Deregulierung ist, die unter Margret Thatcher und Ronald Reagan ihren Ausgang nahm. Ungezügelte Märkte sind weder effizient noch stabil.

Allerdings hat der Kampf einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Denn die meisten derjenigen, die diese Fehler zu verantworten haben - die US-Notenbank Federal Reserve, das US-Finanzministerium, die Bank of England, die britische Finanzaufsicht, die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank oder auch einzelne Banken - räumen ihr Versagen keineswegs ein. Banken, die verheerenden Schaden in der Weltwirtschaft anrichteten, haben sich den notwendigen Maßnahmen widersetzt. Noch schlimmer: Sie erhielten Unterstützung von der Fed, von der man eine vorsichtigere Haltung erwartet hätte. Vieles wird Regulierungsbehörden überlassen. Können wir ihnen vertrauen? Meine Antwort ist ein deutliches Nein, weswegen wir einen größeren Teil des regulatorischen Rahmenwerks "verdrahten" müssen. Die Verantwortung Regulierungsbehörden zu übertragen reicht nicht.

Wem können wir vertrauen? In komplexen ökonomischen Fragen vertraute man bisher den Bankern und Regulierern, die oft vom Markt kamen. Aber die Ereignisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass Banker zwar jede Menge Geld verdienen können, aber dabei gleichzeitig die Wirtschaft untergraben und ihren eigenen Firmen massive Verluste bescheren.

Die Banker erwiesen sich überdies als "ethisch behindert" . Ein Gericht wird entscheiden, ob das Verhalten von Goldman Sachs - nämlich gegen die von der Bank selbst geschaffenen Finanzprodukte zu wetten - illegal war. Aber das Gericht der öffentlichen Meinung hat bereits ein Urteil über die weit relevantere Frage nach der Ethik dieses Verhaltens gefällt. Dass der Chef von Goldman Sachs sich selbst das "Werk Gottes" verrichten sah, als seine Firma von ihr geschaffene Produkte leer verkaufte oder verleumderische Gerüchte über ein Land in die Welt setzte, für das man als "Berater" tätig war, weißt auf ein Paralleluniversum mit anderen Sitten und Werten hin.

Wie immer "steckt der Teufel im Detail" , und die Lobbyisten des Finanzsektors haben alles unternommen, um sicherzustellen, dass die Details der neuen Regulierung zum Vorteil ihrer Arbeitgeber ausfallen. Deshalb wird es noch lange dauern, bis wir den Erfolg jenes Gesetzes beurteilen können, das der US-Kongress verabschieden wird.

Die Beurteilungskriterien allerdings sind klar: Das neue Gesetz muss Praktiken eindämmen, mit denen man die Weltwirtschaft gefährdete. Außerdem muss das Finanzsystem auf seine ureigensten Aufgaben ausgerichtet werden: Risikomanagement, Kapitalallokation, Bereitstellung von Krediten und den Betrieb eines effizienten Zahlungssystems. (©Project Syndicate, 2010. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.6.2010)

Zur Person

Joseph E. Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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