Sammler auf Kuschelkurs

11. Juni 2010, 16:56
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Die Kameraden aus den Kindertagen genießen weltweite Wertschätzung und bisweilen auch einen Tag im Teddy-Spa

62 cm misst die erste große Liebe, die nie enttäuschte. Jahrelange Kuscheleinheiten haben deutliche Spuren hinterlassen: Der Mohairplüsch des Teddybären ist nur mehr partiell vorhanden, ein Auge fehlt, Nähte haben sich aufgelöst, und der Pfotenfilz ist löchrig. "Bespielt" oder "abgeliebt" nennt sich das im Fachjargon, tut aber der monetären Wertschätzung keinen Abbruch. Auch weil den Genossen der Marke Steiff fachkundig geholfen werden kann, seit im Juni 2009 Teddybär-Klinik & -Spa eröffnet wurden.

Der im deutschen Giengen, am Sitz der Margarete Steiff GmbH mit angeschlossenem Museum angebotene Service lässt kaum Wünsche offen: Kleinere Reparaturen und Näharbeiten sind mit 50 Euro in der Stunde veranschlagt, dazu stehen eine klassische Mottenintensivkur und Lavendelduftpflege (45Euro) auf dem Programm, oder auch Maniküre mit Ersatzkrallen sowie neuen Filzsohlen (45Euro) und selbst Stimmprobleme können behoben werden (u.a. Tausch der Brummstimme für 20 Euro).

Die klassische Gesichtsbehandlung umfasst wiederum das Polieren der Augen, die Erneuerung der Gesichtskonturen (10Euro), das Garnieren der Nase (15Euro) oder neue Glasaugen (25Euro). Die "Patienten" reisen meist per Post und aus der ganzen Welt an, um sich pflegen und verwöhnen zu lassen. Sogar asiatische Sammler schicken ihren Teddys zum Kuraufenthalt. Mehrere Hundertschaften begrüßte man hier gleich in den ersten zwölf Monaten. Ja, nun, was tut man nicht alles für seine Plüschgenossen?

Noch in den 1970er-Jahren waren sie nur auf Flohmärkten anzutreffen, und ihre Käufer wurden eher milde belächelt. Anfang der 80er-Jahre folgte die Kehrtwende. Schließlich erreichte die Teddywelle auch den Auktionsmarkt und fortan zählten die Briten und Amerikaner, gefolgt von den Asiaten zu den leidenschaftlichsten Käufern. Schnell wurde die Kuschelkunst damit auch zum Spekulationsobjekt.

Gegenwärtig investieren Sammler nicht mehr nach Gefühl (Kriterium "Ausstrahlung" ). Stattdessen sind Kriterien wie Alter, Seltenheit, Größe, Farbe, Material, Zustand und Form von Relevanz. Die preisliche Bandbreite reicht dabei von rund 500 Euro bis zu 212.000, die ein Koreaner für eine limitierte von Louis Vuitton - mit Kostüm, Regenmantel- und -hütchen samt Koffer - ausgestattete Version eines blonden Mohair-Genossen zu zahlen bereit war.

Zwischen 25. und 27. Juni pilgert die weltweit verteilte Sammlerklientel schon traditionell zum "Steiff Sommer" nach Giengen. Der erklärte Höhepunkt des Eventreigens rund um Meister Petz und andere Artgenossen aus der Steiff-Familie ist die vom Auktionshaus Nagel durchgeführte Sonderauktion, bei der nicht weniger als 125 Positionen zur Versteigerung kommen.

Darunter auch sechs Raritäten aus dem Firmenarchiv, wie der "Auto-Schimpanse" , den sich der Neffe der Firmengründerin 1914 als Kühlerfigur produzieren ließ, die das Hochspritzen von heißem Kühlwasser verhindern sollte (3200 Euro).

Bei den klassischen Steiff-Bären aus den 1920er- und 1930erJahren muss man zumindest 1200 bis 1600 Euro bereithalten. Insofern warten auf Wiener Territorium am 21. Juni günstigere Bedingungen: Im Rahmen der Spielzeugauktion im Dorotheum steht ein kleiner Zoo von 44 Steifftierchen zu Rufpreisen zwischen 100 und 1000 Euro im Angebot. (kron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

  • 90 Jahre und unzählige Kuscheleinheiten haben die beiden Bären gut 
überstanden. Für 600 Euro warten sie auf einen neuen Besitzer.
    foto: dorotheum

    90 Jahre und unzählige Kuscheleinheiten haben die beiden Bären gut überstanden. Für 600 Euro warten sie auf einen neuen Besitzer.

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