Helfer gegen böse Drehbücher

11. Juni 2010, 17:05
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Drei Aufgaben hat der gute Kapitalismus: Reputationsdesaster verhindern, Katastrophen verhindern und verhindern, dass Kapitalismus als Ganzes ausgemustert wird

Wir können gerade an ganz unterschiedlichen Orten das gleiche Stück anschauen. Es heißt: Wie ich ein Loch in meine Marke bohre und es nicht wieder schließen kann. Ein aktuelles Drehbuch liefert zum Beispiel der Ölmulti BP, der mit einer verheerenden Melange aus Risikobereitschaft, Arroganz und Ohnmacht eine schreckliche Wunde im Golf von Mexiko hinterlassen hat.

Das hier ist kein BP-Tribunal, es geht um die Wirkweise. Man findet solche Drehbücher auch außerhalb der Wirtschaft: Seien es die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche oder die an Gründen arme Amtsniederlegung des deutschen Bundespräsidenten Köhler.

Bei allen unvergleichbaren Differenzen in der Sache und in der Dramatik gibt es jedoch drei Gemeinsamkeiten:

  • Erstens reibt der Mensch sich sehr verwundert die Augen und fragt sich, ob das wirklich sein kann.
  • In dieser Verwunderung drückt sich maßlos enttäuschtes Vertrauen aus. Oder neudeutsch: Die Reputation ist beschädigt. Wie sagte Warren Buffett so schön: Es braucht zwanzig Jahre, einen guten Ruf aufzubauen - und fünf Minuten, ihn zu ruinieren.
  •  Und drittens: Wir hatten es nicht mit Naturgesetzen oder Schicksal zu tun. Transparenz, Intelligenz, Demut und Anstand wären die Tugenden gewesen, die das Drama verhindert oder abgemildert hätten.

Zurück zur Wirtschaft: Das immaterielle Gut Vertrauen gilt als wichtigste Funktion von Marken. Vertrauen vereinfacht das soziale Leben, es tilgt Kontrollbedürfnisse. Dafür zahlt man gerne etwas, Vertrauen ist auch materiell sehr kostbar. Mit der Marke BP ist auch ihr Aktienkurs kräftig abgestürzt.

So weit die Lage. Damit die bösen Drehbücher nicht zum Normalzustand werden, braucht der Kapitalismus Helfer. Ihre Aufgabe lautet: den Finger in die Wunden legen, bevor etwas Schlimmes passiert. Externe Helfer gibt es in Form von protestierenden und mahnenden NGOs/NPOs. Genauso wie interne Helfer, die man hoffentlich nicht nur in den Nachhaltigkeits- oder CSR-Abteilungen findet.

Zuvorderst geht es um das Verhindern kleiner und großer Schweinereien. Das ist eine undankbare, aber ehrenvolle Arbeit. Jenseits dieser operativen Ebene jedoch geht es um viel mehr. Denn der Kapitalismus insgesamt - auch der gute - steht auf dem Prüfstand, wenn Unternehmen total versagen. Hier hat BP sich selbst wie auch seinen Kapitalismusgenossen einen echten Bärendienst erwiesen.

Warum? Die Welt hat auch ohne Ölkatastrophen so schon genug Riesenprobleme - von sozialen Verwerfungen, Armut und Hunger über Klimawandel und Wasserknappheit bis zur schwindenden Biodiversität haben wir den dauerhaften Ernstfall. So weit, so schlecht. Wenn jetzt auch noch wichtige Unternehmen nicht nur keine Lösungen haben, sondern sich als Problem entlarven, stellen sie selbst die Systemfrage. Wir sollten nicht vergessen, dass es Alternativen zum Kapitalismus gibt. Die muss man nicht mögen, aber sie sind möglich. Wollen die Unternehmen des guten Kapitalismus diese Alternativen nicht, sind sie gut beraten, die Bösewichte immer wieder anprangern - im eigenen Interesse. (*Stefan H. Siemer, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.6.2010)

 

Zum Autor

*Stefan H. Siemer ist Chef der Ambulanz für neue Kommunikation (Lüneburg/Wien) und assoziierter Forscher an der WU Wien.

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