Nach den großen Erzählungen

11. Juni 2010, 16:59
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Beat Wyss prangert in einem umstrittenen Essay die postmoderne Monokultur an - Der Einzige ist er nicht, auch nicht der Erste

Die Vorstellung, es gäbe Kunst irgendwo, doch sie würde nicht mehr gesehen, nicht mehr gelesen, ist mythisch und metaphysisch zugleich: Der Mythos wäre die Geschichte dieser Unsichtbarkeit (Atlantis), das Metaphysische die Vorstellung, Ideen könnten unerkannt, aber doch durch das Wissen ihres Vorhandenseins wirken, ähnlich unseren Träumen, die unzweifelhaft da sind, uns aber beim Erwachen entgleiten.

Es ist nicht einfach, die Erzählungen zum Verschwinden zu bringen, weil eben das Verschwinden selbst wieder nach einer Erzählung ruft. Das braucht man einem so genauen Denker wie dem Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss nicht entgegenzuhalten. Der Titel seines wunderlichen Werks heißt: Nach den großen Erzählungen, womit uns, nach dieser Subtraktion, noch die kleinen Erzählungen bleiben. Oder eine individuelle Eklektik, die sich aus erinnerten Splittern der einst großen Erzählungen zusammensetzt (wäre das nicht auch eine gute Definition des Netzes?).

Große Erzählungen: Das sind verbindliche Diskurse über Zeit und Raum hinweg. Sie müssen nicht unbedingt eine ganze Gesellschaft erfassen, aber doch einen Strom erzeugen. Für die meisten Intellektuellen, also für eine Menge sogenannter gebildeter Leute, war 1968 ein solcher Strom und insofern eine große Erzählung.

Die Erzählung von '68 war weniger neu, als man annehmen könnte. Wyss, der resümiert, 1968 habe ein Prozess begonnen, der den positiven Wissenskanon der geisteswissenschaftlichen Fächer dem Zerfall überlasse, ist dort am besten, wo er am unerbittlichsten ist. Wie er anhand des Künstlers Joseph Beuys die Verschränkung der Großeltern (Nazis) mit den Enkeln (68er) aufzeigt und die Konsequenzen nicht scheut ('68 war eine Bewegung mit faschistischen Zügen), kann hier aus Platzgründen nicht detailliert ausgebreitet werden. Die Stichwörter für den 68er-Habitus sind: Freiheit, wenn es um die Demolierung der bürgerlichen Ordnung ging; Hörigkeit, wenn es um die Dogmen des Stalinismus ging. Insgesamt eine humorlose, mitunter eine gefährliche Angelegenheit. '68 war eine trügerische Erzählung, ein Märchen.

Unter allen Forderungen von '68 war jene nach einer sexuellen Revolution, nach der Befreiung von Frau und Mann in sexueller Hinsicht, die wildeste. Sexuelle Befreiung mag teilweise stattgefunden haben, was die Gesellschaft aber insgesamt von der Attacke auf die bürgerliche Prüderie zurückerhielt, war massenweise Pornografie an jedem Kiosk und in jedem Kino. Hier prosperierte eine Industrie mit kolossalen Expansions- und Gewinnmöglichkeiten, die zuvor nur im Verdeckten operieren konnte. Die 68er ebneten ihr unfreiwillig den Weg.

An dieser Stelle muss man Wyss' Befund mit dem von Frank Hartmann kürzlich in der Literaturzeitschrift Volltext publizierten Essay überblenden. Der österreichische Professor an der Bauhaus-Universität in Weimar denkt einen wichtigen Aspekt der Wyss'schen Analyse weiter. So passt das Verschwinden des Buches als Erziehungsgut, bald auch als Objekt, bestens zu Wyss' Analyse vom Ende des großen Erzählens, denn: Auch der Kulturkanon des Bildungsbürgertums war gewissermaßsen eine große Erzählung. Hartmann schreibt: "Das Bürgertum privilegierte eine mit der Produktion von Druckwerken befasste Elite. Es schuf mit der Prämierung der Lektüre die ideale Entsprechung zur relativ neuen Vorstellung von intimer Individualität."

Doch es ging schon lange vor '68 gegen das bürgerliche Selbstverständnis von Kultur: "Die Nationalsozialisten übernahmen mit ihrer Forcierung von Radio, Film und Fernsehen jenen antibürgerlichen Impuls, der den modernen Formen der Propaganda zugrundeliegt", meint Hartmann. Tatsächlich verstanden bereits Kriegsenthusiasten wie Ernst Jünger das Soldatentum als antibürgerlichen Protest, ja als letztmögliche Kunstform. Joseph Beuys meinte, die Kriegszeit sei für ihn ein "Bildungserlebnis" gewesen.

Die Vorarbeiterrolle des Faschismus für das weltweite Netz erscheint zunächst als ein verstörender Gedanke. Die etwas prekäre Verbindungslinie zwischen Faschismus, 68ern und dem WWW wäre dann der antibürgerliche Affekt: Das Netz macht ja bildungsbürgerlichen Gütern wie Lexika, Büchern usw. durchaus lustvoll den Garaus. Man muss das vielleicht als Gedankenspielerei akzeptieren.

Doch das Netz ist in keinster Weise faschistisch: also homogen, undemokratisch, antiindividualistisch. Im Gegenteil: Es ist wertfrei, ohne inhaltliche Kontrolle oder ästhetischen Kanon, es ist aber auch alles andere denn bildungsbürgerlich (wie etwa eine noble Buchhandlung oder ein Feuilleton): "In der sich formierenden Netzkultur werden Tugenden des bürgerlichen Individuums immer weniger prämiert."

Über diese Entwicklung sind besonders die Buchautoren beunruhigt. Doch was ist die Alternative? Staatssubventionierte Verlage wie in Österreich, die den Erhalt von Steuergeldern mit Feinarbeit am Kunstwerk rechtfertigen, reden mit doppelter Zunge. Autoren sollten Verlegern und Buchhändlern keine Träne nachweinen, meint Hartmann, denn diese Instanzen erfüllten "immer seltener ihre Funktion der Qualitätskontrolle, nachdem sie gelernt haben, wie sich auch ohne Marketing und Verkauf von Druckkostenzuschüssen und anderen Förderungen gut leben lässt." Verlage mit auratischer Ausstrahlung gibt es aber noch, insbesondere solche, die die von den Subventionsverlagen hinterlassene Marktlücke ausfüllen. Hartmann meint denn auch, dass Autoren über eine gewisse Zeitstrecke sowohl in Buchverlagen als auch im Netz publizieren werden.

Die Beschaffung von Kapital durch Sponsoring, Zuschüsse, Stipendien, Subventionen für Lesereisen und damit die Beziehungen zu Politikern und Kulturfunktionären, die an den Honigtöpfen sitzen, haben in vielen Verlagen heute aber Priorität gegenüber Textverfeinerung, Korrektorat, Pressearbeit und Auslieferung.

Beat Wyss erhellt anhand zweier Künstlerportäts (Beuys, Warhol), wie die durch die Tür verabschiedete bildungsbürgerliche Aura später als Surrogat wieder zum Fenster einsteigt. Kompensiert wird das auratische Schwinden durch den närrischen Aufzug: Beuys und Warhol sind nicht nur Künstler, sie sind auch Künstlerfiguren. Die 68er waren empfänglich für einen solchen romantischen Typus: Zum einen ist Regression im Spiel; zum anderen verdecken Kostüm und Maske schwierige Inhalte, zum Beispiel faschistisches Erbgut.

Es war ein Österreicher, Gerhard Amanshauser, der in den 1970er-Jahren diese Maskerade entlarvte. In seinen noch bei Residenz (bis 1979) erschienenen Werken wimmelt es von Komponisten, die lautlose Musik dirigieren, Künstlern, die unsichtbare Fensterkunst erschaffen, Bürgern, die in einem musealen Stück Salzburger zu Mozarts Zeit spielen.

Wyss' Analyse hat einige aggressive Kommentare hervorgerufen. Die Drastik von Analyse und Urteil ruft unter den damals in gutem Glauben Beteiligten starke Affekte hervor. Man kann das alles nachlesen ...

Ja, wo liest man das nach? Genau: im Netz. Dort spielt die Musik. Manchmal scheppert und leiert es, Missklänge sind keine Seltenheit, doch das ist die einzig verbliebene Kapelle, die wir als Zuhörer und Musiker nach den großen Erzählungen haben.

(Dante Andrea Franzetti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

  • Beat Wyss, "Nach den großen Erzählungen". € 12,40 / 218 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2010
  • Frank Hartmann, "Wer hat Angst vor dem Netz?" Volltext 2, Wien 2010
  • Gerhard Amanshauser, "Aufzeichnungen einer Sonde. Parodien" . € 15,- / 116 Seiten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2006
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    Unsichtbare Kunst? Beat Wyss, Frank Hartmann, Gerhard Amanshauser (von oben).

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