Der Preis der Mimikry

11. Juni 2010, 16:58
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Kleine Akte der Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit: Zur Wiederauflage der Erinnerungen von Valentin Senger

Hitlers Volksgenossen begegneten der Verfolgung ihrer jüdischen Mitbürger wenn nicht mit Beifall, so mit Ignoranz. Oder gab es auch das Gegenteil, ein Wegsehen als Form des Widerstandes? Valen-tin Sengers Lebenserinnerungen scheinen dies zu belegen. Sie erschienen erstmals 1978, ein Jahr bevor die TV-Serie Holocaust in Sachen Erinnerungskultur eine Zäsur markierte. Sie wurden respektvoll besprochen, zwei Jahre später verfilmt - und dann angesichts der Flut an Überlebensgeschichten weitgehend vergessen.

Für den Leser hat die Autobiografie des 1997 verstorbenen TV-Redakteurs nichts von ihrer Unglaublichkeit verloren: Da überlebt eine fünfköpfige ostjüdische Familie, kommunistisch noch dazu, die NS-Zeit mitten in Frankfurt, vor aller Augen in einem Hinterhaus; täglich müssen die Sengers damit rechnen, dass die Gestapo vor der Tür steht. Dass die Sengers Juden waren, war vielen der im Buch liebevoll porträtierten Bewohnern der Kaiserhofstraße bekannt. Doch gab es im "Dritten Reich" offenbar auch ein Wegsehen, das kein Ausdruck von Gleichgültigkeit war: Kurz nach der "Machtübernahme" erscheint ein Polizeimeister bei den Sengers und erklärt, er habe die Einwohnermeldekarte der Familie in "religionslos" geändert. Man könnte "fragen, was den Polizeimeister Kaspar veranlasst hat, eine so riskante Korrektur vorzunehmen" , schreibt Senger. "Ich weiß es, bei Gott, nicht. Er tat es einfach."

Ein anderes Mal lobt eine Nachbarin die Sengers im Treppenhaus lautstark als "ordentliche Volksgenossen" , als eine andere sich wundert, warum diese nicht längst abgeholt wurden: Kleine Akte der Menschlichkeit, an die Senger erinnert. Und an den psychischen Preis, den die Familie für die jahrelange Mimikry zahlte: Schon in der Volksschule kaut sich Valentin die Nägel blutig, weil er zum rassistischen Geschwätz der Lehrer schweigen muss. "Haben wir nicht schon genug Zores?" , schimpft die Mutter, als er einmal ein Propagandablatt zerreißt.

In Sengers glänzend erzählten Erinnerungen findet sich kaum ein Wort der Anklage gegen die Nazis - wohl aber, und das macht umso betroffener, gegen die Frau, der die Familie ihr Überleben auch verdankt, die couragierte Mutter, deren Herz 1944 der Belastung nicht mehr standhielt: "In einem Meer von Lügen hast du uns schwimmen gelehrt und uns das Lügen zum Lebenselement gemacht" . Ihre unbarmherzige Überlebensschule habe ihn zum Duckmäuser gemacht, voller Ängste und Komplexe. Sein Buch dient auch der Selbsttherapie und Identitätsfindung: "Deine Absichten mögen gut gewesen sein, aber du konntest nicht voraussehen, was du damit angerichtet hast, diese seelischen Verwachsungen, die aus einem jahrzehntelangen Selbstverleugnen entstehen mussten und die zu überwinden mich noch einmal Jahrzehnte kostete." (Oliver Pfohlmann, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

Valentin Senger, "Kaiserhofstraße 12" . Mit einem Nachwort von Peter Härtling. € 19,90 / 315 Seiten. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010

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    foto: schöffling & co
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