Frisur mit der Axt

11. Juni 2010, 15:09
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Über die rätselhafte Gattung des Kurzkrimis

Wir alle, Zeitungsleser und Zeitungsmacher, kennen und lieben unsere Pappenheimer, die journalistischen Großgattungen: Kommentare, Kolumnen, Berichte. Echt spannend wird es aber dort, wo wir die Nebenpfade des Mediums betreten, den Dschungel sonderbarer Textsorten und rätselhafter Rubriken, deren Sinn sich oft selbst dem hartgesottenen Redakteur nicht erschließt.

Die wunderlichste Gattung ist für mich der Kurzkrimi. Einen Krimi auf eine Zeitungsseite zu bringen ist so, als wollte man einen Elefanten in einen Eisschrank stopfen. Mit seinen trivialen Diebstählen und Morden wirkt der Kurzkrimi in einer Zeit, da der Durchschnittskrimimörder mit Finessen der Nanotechnik operiert, so retro wie ein Commodore 64. Aber: Der Kurzkrimi ist nicht umzubringen.

99 von hundert Kurzkrimis, die ich gelesen habe, funktionierten so: Wir treffen Kommissar X am Mordschauplatz. Ein Unbekannter hat das Opfer, Lord Gwyndichfarne, mit einer Axt frisiert (letal). Es folgen Verhöre mit drei Verdächtigen, dem Nachbarn, dem Neffen und dem Butler, bei denen der Nachbar (der Neffe, der Butler) dem Kommissar versichert, unmöglich könne er der Mörder sein, habe er doch nie und nimmer eine Axt besessen. Durch diese Äußerung liefert sich der Nachbar (der Neffe, der Butler) aber ans Messer, weil nur der Mörder wissen konnte, dass Lord Gwyndichfarne per Axt umgehackt wurde. Was für ein Verbrecherdepp!

Ich vermute, die Lust an der Lektüre und Lösung solcher "Fälle" liegt darin, dass der Leser das Lebensgefühl eines erfolgreichen Kriminalisten nachvollziehen kann, ohne sich im mindesten intellektuell überfordern zu müssen. Ist ja auch gut so. Das Leben ist anstrengend genug, vor allem im Sommer. Der ideale Sommerkurzkrimi (maximal auffälliges Mordwerkzeug, minimale Anzahl von Verdächtigen) läse sich also so: "Kommissar X betrachtet Leiche L. Der Mörder hat sie mit einem Dreizack aus dem Nachlass von Ludwig XIV. aufgespießt. Kommissar X beim Verhör mit V, dem Verdächtigen: ‚Haben Sie L umgebracht?‘ V: ‚Nein. Niemals besaß ich einen Dreizack aus dem Nachlass von Ludwig XIV." X lässt V sofort verhaften. Wieso? Lösung: V ist der Mörder, weil nur er wissen konnte, dass das Opfer mit einem Dreizack aus dem Nachlass von Ludwig XIV. aufgespießt wurde." Schönen Dank auch. Der Fall kann zu den Akten. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.06.2010)

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