Generation Bologna: Belogen und bestohlen!

11. Juni 2010, 14:56
51 Postings

Die österreichische Umsetzung von Bologna verbrennt massenhaft Ressourcen, schafft Frust und macht Zehntausende aus der Generation Bologna zu Opfern fantasie- und konzeptloser Bildungsbürokraten

Charles Darwin würde es "Variation" bezeichnen: Die Bologna-Reform löst seit 1999 die Ausbildungsstrukturen an österreichischen Universitäten auf und ersetzt sie durch beliebige Mischungen innerhalb sowie zwischen Bachelor- und Masterangeboten.

Dies führt zu faszinierender Vielfalt: Jetzt kann der Literatur-Bachelor aus Lettland ein Geografie-Semester in Rom absolvieren und dann einen BWL-Master in Wien. Sicherlich ist meist das Niveau niedriger als früher, weil fachfremde Studenten zwangsläufig immer "bei Null" abgeholt werden müssen, die Vielfalt nimmt aber zweifelsohne zu.

Während Bologna-Protagonisten und Bologna-Nutznießer in Wien und Brüssel ihre Erfolge (und den Geldsegen) medial und kulinarisch feiern, stecken viele Vertreter der "Generation Bologna" in unausgereiften oder nicht-studierbaren Bachelor- und Masterstudiengängen. Für vieles, was es jetzt an Variation gibt, hat der Arbeitsmarkt keine Verwendung (Studie der Arbeiterkammer: "Bachelor gilt in Österreich als Studienabschluss ohne Wert" ). Im Ergebnis verbrennt die österreichische Umsetzung von Bologna - wie auch in Deutschland - massenhaft Ressourcen, schafft Frust und macht Zehntausende aus der Generation Bologna zu Opfern fantasie- und konzeptloser Bildungsbürokraten.

Gegenwärtig läuft Darwins zweite Phase, die "Selektion: Nicht überlebensfähige Studiengänge werden austrocknen und eliminiert, Studierende aus diesen Feldern mutieren zu schwer vermittelbaren Personen, die diverse Teilausbildungen haben, aber weder Bildung erfahren noch eine wirkliche Berufsqualifizierung erlebt haben.

In einigen Jahren wird Darwins dritte Phase, die "Retention" abgeschlossen sein und nur wenige Kombinationen werden überlebt haben. Vielleicht ähnelt das Bildungssystem dann - nach einem schmerzhaften Prozess - wieder dem ursprünglichen System? Wahrscheinlicher im Vergleich zu Vor-Bologna ist aber weniger Vielfalt bei weniger Qualität. Und ganz sicher bekommen wir viele Verlierer!

Deshalb brauchen wir

  • Transparenz zur bisherigen Bologna-Reform,
  • einen öffentlich-gesellschaftlichen Diskurs unter Einbeziehung der Betroffenen,
  • eine Wettbewerbsstrategie "Bildung" für Österreich und Europa, Q wenige, aber durchdacht-umfassende Studienangebote,
  • Entbürokratisierung,
  • Verringerung der Macht von Universitätsleitungen,
  • Auflösung der Rektorenkonferenz,
  • Abschaffung von Akkreditierungen und Evaluierungen,
  • Dezentralisierung durch Eigenverantwortung für Professoren und Studierende. Vor allem aber brauchen wir eine positive Vision zu dem, was an Faszinierendem mit Bologna verknüpfbar ist.

Wenn ein solches Bologna 2.0 nicht rasch kommt, werden viele als "Generation Bologna" dauerhaft gehandikapt bleiben. Sie sind dann die verlorene Generation, die von Politikern und Bologna-Bürokraten belogen und bestohlen wurden: um Zukunftsperspektiven, aber auch um Spaß und Selbstverwirklichung während ihrer Jahre an der Universität. (Christian Scholz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2010)

Zur Person:

Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftlehre und Gründungsdirektor des MBA-Programms an der Universität des Saarlandes.

Share if you care.