Sprenger: "Gute Trainer sind ein Mythos"

15. Juni 2010, 15:00
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Management-Experte Reinhard Sprenger im Interview über Fußball als Modell für Führungskräfte: "Rauswurf ist meist die falsche Strategie"

"Fußballstrategien für Manager" verspricht Reinhard K. Sprenger in seinem Buch "Gut aufgestellt". Im Interview mit derStandard.at erläutert der Management-Coach die Parallelen zwischen Fußball und Wirtschaft und erklärt, was Führungskräfte von Trainern lernen können.

derStandard.at: Sie propagieren Fußball als Modell für Management. Sind Manager dem gleichen kurzfristigen Ergebnis- und Erfolgsdruck ausgeliefert wie Trainer?

Sprenger: Ja, Kurzsichtigkeit ist sowohl im Fußball als auch in der Wirtschaft eine weit verbreitete Krankheit. Auch in den Unternehmen gibt man Menschen und Produkten kaum mehr die Chance auf langsame Entfaltung. Beharrliches Arbeiten am Erfolg ist bei der schnellen Renditeerwartung der Kapitalmärkte selten geworden. Aber nichts, was bleiben soll, kommt schnell.

derStandard.at: Was wären hier mögliche Erfolgsfaktoren, die in Führungsfragen Einzug halten sollten? Das Boni-System, das nicht auf Nachhaltigkeit zielt, abzuschaffen?

Sprenger: Das wäre zweifellos ein wichtiger Schritt. Hinzukommen müssen aber starke, selbstbewusste Führungskräfte. Sie können von ihren Mitarbeitern Unterstützung erfahren, wenn diese spüren, dass es ihnen ohne grundlegende Strukturänderungen wesentlich schlechter gehen würde. Nur wenn in der Mitarbeiterschaft die Überzeugung wächst, dass die Kosten einer Reformverzögerung zukünftig höher sind als die Kosten der Veränderung jetzt, sind sie dabei. Dafür muss es aber den Willen zu einer gemeinsamen Zukunft geben.

derStandard.at: Der Fußball wird stark geprägt von Taktik und einem engen Korsett, das die Spieler umgibt und gegen ihre Individualität spricht. Ist das ein probates Managementmodell, dass Chefs ihren Mitarbeitern wenig Freiraum lassen und die Grenzen sehr eng definieren sollen?

Sprenger: Fußball ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass ein Entweder/Oder zu simpel ist. Der Fußball zeigt uns, dass Einheit schaffen und gleichzeitig Vielfalt zulassen kein Widerspruch ist. Er zeigt uns, dass wir beides brauchen. Die Kunst ist es, das Individuelle des Einzelnen zur Geltung zu bringen, aber so, dass es dem Gemeinsamen nützt. Und bei Gleichklang der Systeme kommt es auf den Einzelnen an.

derStandard.at: Trainer können von der Outlinie nur mehr begrenzt Einfluss nehmen. Wie lässt sich das aufs Management umlegen?

Sprenger: Bei den amerikanischen Großspielen - Basketball, American Football und Baseball - handelt es sich um "coaches games" - Spiele, die wesentlich durch das Eingreifen des Trainers von außen bestimmt werden. Fußball hingegen ist ein klassisches "players game", ein Spiel, das weitgehend von den Spielern bestimmt wird. Es gilt, Management als "players game" zu spielen. Das heißt: Vereinbare Ziele und Strategien - und dann überlass deinen Spielern die Umsetzung.

derStandard.at: "Never change a winning team" wird als wichtiges Credo in der Sportwelt gesehen. Wie wichtig ist Kontinuität als Erfolgsfaktor?

Sprenger: Das ist so einfach nicht zu beantworten. Der FC Bayern München ist sicher auch durch die Kontinuität in der Führungsspitze so erfolgreich geworden und geblieben. Bei Trainern gibt es nur wenige Beispiele für kontinuierlichen Erfolg mit einer Mannschaft: Ferguson und Wenger in England, Thomas Schaaf in Deutschland. Der Mäzen Dietmar Hopp hat beim Aufbau von Hoffenheim ausdrücklich auf Kontinuität gesetzt - im Bewusstsein, dass es auch Rückschläge geben kann. Das im Rücken zu haben, gibt Trainer wie Spieler ein enormes Selbstvertrauen. Aber beide wissen, dass sie Zeitarbeiter sind - wie wir übrigens alle, nur dass viele das nicht wahrhaben wollen.

derStandard.at: Trainer sind oft mit einem 30 Mann starken Kader und dementsprechend vielen unzufriedenen Spielern konfrontiert, weil nur elf spielen können. Wie hält man Spieler bzw. Mitarbeiter bei Laune?

Sprenger: Das Wichtigste ist Kontakt. Man darf das Gespräch nicht abbrechen lassen. Die Spieler kennen die Regeln und dass die Ersatzbank wichtig ist. Es gibt Spieler, die behaupten, erst die Ersatzbank habe ihren Behauptungswillen gestärkt. Wer aber nicht mal auf der Ersatzbank sitzen darf und dauernd auf die Tribüne muss, der sollte sich nach einem anderen Verein umschauen. Stammplätze gibt es nicht mehr. Das gilt auch für die Wirtschaft.

derStandard.at: Sind Fouls ein legitimes Mittel, um erfolgreich zu sein? Ohne wird es ja nicht gehen.

Sprenger: Das Fußballspiel ist gerade deshalb so attraktiv, weil es mit vergleichsweise wenigen Regeln auskommt. Wer Fouls für ein legitimes Mittel hält, nimmt dafür in Kauf, dass der Fussball immer mehr verregelt wird. Wie die Unternehmen, wie die Gesellschaft. Und was immer die Zyniker der Global Players darüber denken: Wir kommen ohne Fairness nicht aus, also ein Verhalten, das sich nicht nur an den Buchstaben der Regeln orientiert, sondern darüber hinaus am Geist der Regeln - kurz: wenn man den Spielraum, den die Regeln lassen, nicht zum Nachteil des Gegenspielers nutzt. 

derStandard.at: Trainerwechsel bringen eine lahme Mannschaft oft wieder auf Vordermann. Kann das eine gute Strategie für die Wirtschaft sein, schneller auf neue Leute zu setzen, die den Laden wieder flott machen?

Sprenger: Wissenschaftlich ist eine positive Wirkung des Trainerwechsels nicht nachgewiesen. Der Druck der Fans und der Medien spielt eine größere Rolle als die Erfolgserwartung. Kurzfristig ist häufig ein Aufwind spürbar, aber der spätere Absturz ist deshalb besonders unsanft. Hingegen sind Vereine in der Regel erfolgreicher und steigen seltener ab, wenn sie an ihren Trainern festhalten. Rauswurf ist also meist die falsche Strategie. Das kennen wir auch aus der Wirtschaft, wo seit Beginn des Jahrtausends der neue Trainer-Raus-Rigorismus zwar Entschlossenheit signalisiert, oft aber die wahren Probleme der Konzernwirklichkeit verdeckt.

derStandard.at: "Führung braucht freiwillige Gefolgschaft", schreiben Sie: Erfolgreiche Trainer wie Ernst Happel oder Louis Van Gaal sind als harte Hunde bekannt. Dominieren nicht eher solche autoritären Persönlichkeiten das Geschäft?

Sprenger: Das ist abhängig vom Zeitgeist. In Krisenzeiten suchen viele wieder nach patriarchalischen Führungfiguren mit Follow-Me-Aura. Das mag bei Fußballern funktionieren, die ja oft nur kalendarisch Erwachsene sind. In Unternehmen ist diese heroische Form von Führung der Komplexität und der Geschwindigkeit auf den Märkten nicht gewachsen.

derStandard.at: Was kann man sich als Wirtschaftsboss von einem Otto Rehagel abschauen, der mit einem schwächeren Team vermeintlich übermächtige Gegner gebogen hat?

Sprenger: Dasselbe, was Ernst Happel seinen Spieler ein handgeschriebenes Vermächtnis hinterließ: "Jede Mannschaft ist in einem bestimmten Moment zu schlagen. Wie? Keine Hochachtung vor dem Gegner. Frechen, aggressiven, offensiven Fußball spielen. Es geht um die richtige Einstellung. Ich muss mit Herz zur Sache gegen." Eine Botschaft, mit der man nicht nur ein paar Spiele gewinnen kann.

derStandard.at: Was halten Sie von Teambuildingmaßnahmen, um als Team zusammenzuwachsen?

Sprenger: Die Übertragbarkeit solcher Maßnahmen auf den Alltag ist sehr fragwürdig. Zusammenarbeit ist vor allem eine organisationspsychologische Aufgabe des Managements. Denn Unternehmen sind um die Idee der Zusammenarbeit herum gebaut. Zusammen arbeiten, das ist nicht die Addition von Einzelleistungen. Das ist Synergie, das ist das Nutzen von Pool-Ressourcen: unterschiedliche Qualifikationen ergänzen sich, unterschiedliche Kräfte verstärken sich, unterschiedliche Rollen greifen ineinander. So entsteht Leistungs-Partnerschaft. Die wichtigste Frage daher für eine Führung, die Zusammenarbeit ermöglichen will: Wie präsentiere ich eine Aufgabe so, dass sie zur Zusammenarbeit einlädt?

derStandard.at: Warum versagen Trainer bzw. Manager, die mit einem Team extrem erfolgreich waren, im nächsten Jahr mit einer anderen Mannschaft? Beispiel Jürgen Klinsmann bei der Deutschen Nationalmannschaft und dann später bei Bayern, wo er mit ähnlichen Methoden eklatant scheiterte?

Sprenger: Gute Trainer sind ein Mythos. Man kann allenfalls von passenden Trainern sprechen. Ein Trainer muss zu den Spielern, der Vereins-Hierarchie und der Tradition passen. Ebenso ist es ein Unterschied, ob die Tätigkeit einer Führungskraft kurzfristig oder langfristig angelegt ist. Der Trainer einer Vereinsmannschaft muss die langfristigen Linien im Blick haben, er muss stabile, tragfähige Beziehungen bilden können.

derStandard.at: Und im Nationalteam?

Sprenger: Der Trainer einer Nationalmannschaft hat zu wenig Kontaktzeit, um langfristig Fitness und Technik zu schulen. Sein Zielgebiet ist mehr die innere Einstellung, die Siegermentalität, der Glauben an sich, kurz: die Motivation, die hier ruhig eine Strohfeuer-Motivation sein kann. Das Beispiel Jürgen Klinsmann machte das deutlich: er ist ein Projektmanager, kein Mann für die langen Distanzen.

derStandard.at: Wer wird Fußball-Weltmeister?

Sprenger: Spanien, weil es mit Xavi Hernàndez den besten Ballverteiler aller Zeiten hat: Er macht alle Spieler um sich herum zehn Prozent besser. So, wie es eine gute Führungskraft tut. (om, derStandard.at, 16.6.2010)

Zur Person:

Reinhard K. Sprenger (Jahrgang 1953) studierte Philosophie, Psychologie, Betriebswirtschaft, Geschichte und Sport. Er gilt als profiliertester Management-Berater und Führungsexperte Deutschlands.

  • Reinhard K. Sprenger.
    foto: mareike foecking

    Reinhard K. Sprenger.

  • Gut aufgestellt - Fußballstrategien für ManagerReinhard K. Sprenger2008, geb., 222 SeitenEUR 24,90/EUA 25,60/SFR 44,00Neuauflage: Frühjahr 2010
    foto: campus verlag

    Gut aufgestellt - Fußballstrategien für Manager
    Reinhard K. Sprenger
    2008, geb., 222 Seiten
    EUR 24,90/EUA 25,60/SFR 44,00
    Neuauflage: Frühjahr 2010

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    Klinsmann "ist ein Projektmanager, kein Mann für die langen Distanzen".

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    Xavi dirigiert die spanische Nationalmannschaft.

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