Eine anders gestrickte Wahrnehmung der Welt

13. Juni 2010, 18:24
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Autistische Kinder gelten in der Regelschule als Störfaktoren - Durch gezielte Förderung könnte die Entwicklungsstörung aber gemildert werden

Mit dem weltweiten "Autistic Pride Day" am 18. Juni fordern Autismus-Aktivisten gesellschaftliche Akzeptanz für Menschen mit autistischer Wahrnehmung. Sie sollen "als einzigartige Individuen" gesehen und nicht pathologisiert werden. Das ist das Ziel. Denn: In einer Regelschule gelten autistische Kinder eher als untragbar denn als einzigartig. Sie werden meist aus Hilflosigkeit und Unwissenheit in Sonderschulen untergebracht. "Es gibt Klassen, in denen ausschließlich autistische Kinder sind", kritisiert Ruth Renée Kurz, Generalsekretärin der Österreichischen Autistenhilfe. "Mehr als kontraproduktiv" sei das, "denn diese Kinde haben ein enormes Entwicklungspotenzial." Je früher man sie in die Gesellschaft einbindet und ihnen damit ermöglicht, das Verhalten anderer wahrzunehmen, umso größer sei die Chance zur positiven Entwicklung.

Geht man von internationalen Untersuchungen aus, haben 63 von 10.000 Kindern tiefgreifende Entwicklungsstörungen, deren Ursachen noch nicht gänzlich erforscht sind. In Österreich schätzt man die Zahl auf 48.500 Kinder, darunter 13.600 mit frühkindlichem Autismus.

Autismus ist angeboren und zeigt sich bereits in den ersten Lebensjahren. Die Diagnose erfolgt mithilfe aufwändiger psychologischer Testverfahren. Jüngsten Meldungen aus London, wonach Autismus in Zukunft durch Urintests festgestellt werden könnte, steht man in der Praxis noch skeptisch gegenüber. "Mit knapp 100 Teilnehmenden ist die Studie wissenschaftlich zu wenig aussagekräftig", sagt die klinische Gesundheitspsychologin Carolin Steidl. "Natürlich wäre ein einfacher Urintest ein großer Fortschritt, man könnte bereits Babys testen und dann sehr früh mit der Förderung beginnen."

Die Ausprägung des autistischen Spektrums ist sehr unterschiedlich und verändert sich im Laufe der Jahre. "Deshalb sind die Früherkennung und die frühe Förderung der Stärken so wichtig", weist Kurz auf die Notwendigkeit von schulischer Integration hin. Um das Miteinander zu erleichtern, bietet die Autistenhilfe seit 1995 in Wien Fachassistenz zur Begleitung der Kinder im Kindergarten, in der Regelschule oder beim häuslichen Unterricht an. "Ich verstehe mich als Mittlerin zwischen dem Kind und seiner neuen Umwelt", beschreibt die Heilpädagogin Anke Aschhoff ihre Aufgabe. Das autistische Kind bekommt durch die vertraute Person jene Sicherheit, die es braucht, um sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, gestellte Aufgaben zu verstehen und zu bewältigen. Die anderen Kinder und Lehrende bekommen Sicherheit und Hilfestellung beim Umgang mit autistischen Kindern.

Sich verstehen lernen

Gemeinsam ist Autisten eine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung. "Ihre Wahrnehmung ist anders gestrickt", umschreibt Kurz die Probleme bei der Verarbeitung optischer, akustischer und taktiler Reize. Das Intelligenzspektrum reicht von starken Lernschwierigkeiten bis zu herausragender Begabung. Auffällig für ihre Umgebung ist die soziale Störung von Autisten. Interaktion, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit sind beeinträchtigt, in schweren Fällen fehlt die verbale Ausdrucksmöglichkeit vollständig.

"Menschen mit autistischer Wahrnehmung sind sehr sensibel, spüren schnell Unruhe oder Stressfaktoren, können das aber oft nicht äußern. Häufig fehlt ihnen die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, sie haben Probleme, die Körpersprache und Mimik anderer zu deuten", beschreibt Steidl das Dilemma. Wie man einen Gesichtsausdruck deutet, müsse erst erlernt werden.

Kommunikative Missverständnisse gehören zum Alltag von Menschen mit Autismus, schreibt Christine Preißmann in Betrifft: Autismus, dem Magazin der Autistenhilfe. Preißmann, Ärztin und vom Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus, betroffen, führt die Schwierigkeiten auch auf das "wortwörtliche Sprachverständnis" von Autisten zurück. So sei es ihnen nicht möglich, den Sinn von Redewendungen zu verstehen. Das führe zu Missverständnissen, schließlich zu Ängsten, Resignation oder unangemessenem Verhalten. Man solle Autisten nach ihren Gedankengängen befragen, wenn man ihr Verhalten nicht versteht, wünscht sich Preißmann. Bei Menschen mit Asperger-Syndrom könne das aber durchaus zu unerwarteten Antworten führen, sagt Carolin Steidl: "Menschen mit Asperger-Syndrom sind sehr ehrlich, sagen aus der Seele heraus, was sie sich denken, weil sie nicht lügen können." Das Gefühl für Konventionen sei ihnen fremd, "sie müssen oft ein Leben lang lernen, was passend ist". (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.6.2010)

18. und 19. Juni: 1. Internationale Autismus-Spektrum-Tagung in Wien

der Standard Webtipp: www.autistenhilfe.at

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    Autisten haben Entwicklungspotenzial, wenn Betreuer ihre individuellen Defizite und Stärken kennen. Ohne Verständnis kommt es zu Missverständnissen und emotionalen Katastrophen.

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