Ein Kind von Traurigkeit

13. Juni 2010, 18:17
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Angst, Depression und die Chancen der Vorsorge sind die Themen beim Europäischen Forum für evidenzbasierte Prävention

Wenn man Eltern fragt, wie es ihren Kindern geht, so gilt Österreich im europäischen Vergleich als Land der Gegensätze. In einer im Vorjahr im Rahmen des Eurobarometer präsentierten Umfrage unter 12.750 Personen aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten antworteten 41 Prozent der österreichischen Eltern auf die Frage, wie oft ihr (mindestens sechs Jahre altes) Kind in der vergangenen Woche traurig war, mit einem glatten "nie". Gleich 67 Prozent gaben an, dass die Sprösslinge zudem auch "nie" einsam waren. Noch mehr glückliche Kinder gibt es nur in Ungarn und Frankreich.

Die Kehrseite der Medaille: Immerhin 23 Prozent der Eltern in Österreich gaben nämlich an, dass ihr Kind "ziemlich oft" bis "sehr oft" traurig war. Eine Aussage, die im europäischen Vergleich nur von Spanien (52 Prozent), den Niederlanden (40 Prozent), Schweden (37 Prozent) und Deutschland (35 Prozent) deutlich übertroffen wird.

Wie häufig diese Traurigkeit sich später als Depression oder Angststörung manifestiert, ist unbekannt. "Deutlich ist, dass sich der Trend in den letzten Jahren klar verstärkt hat", sagt der Arzt und Epidemiologe Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin an der Donau-Universität Krems, der gemeinsam mit der Initiative "Gesundes Niederösterreich" als EUFEP-Organisator fungiert.

Mentale Gesundheit

"Dieses immer deutlicher werdende Phänomen war für uns der Beweggrund, die mentale Gesundheit heuer als Schwerpunkt des Kongresses zu nehmen und die Frage aufzuwerfen, welche Methoden der Gesundheitsförderung hier bestehen und wie gut diese Maßnahmen funktionieren."

27 Prozent der erwachsenen Europäer geben an, dass sie im zurückliegenden Jahr von einer psychischen Störung betroffen waren. Dass fast jeder irgendwann eine Phase von Traurigkeit mitmacht, ist hier bereits berücksichtigt. Gewertet wurden nur Störungen, die das tägliche Leben massiv beeinflussten. Daraus resultieren 58.000 Selbstmorde pro Jahr. 18,4 Millionen Europäer leiden an Depressionen, etwa gleich viele an Angststörungen. Und wieder liegt Österreich im Spitzenfeld. Nur in Litauen (elf Prozent) nehmen mehr Menschen Medikamente gegen psychische und emotionale Gesundheitsprobleme als hierzulande (zehn Prozent), und nur in Belgien (fünf Prozent) gaben mehr Personen an, dass sie wegen dieser Probleme zur Behandlung in einem Krankenhaus waren.

Ob der Trend zu psychischen Erkrankungen auf Umwelteinflüsse, etwa mehr Stress in Schule und Beruf, zurückzuführen ist oder auf eine bessere Erfassung psychischer Störungen, ist umstritten. "Das gesellschaftliche Stigma ist hier sicher reduziert worden", sagt Gartlehner. "Psychische Probleme werden nicht mehr so stark auf die Somatik umgemünzt wie früher." Ziel des Kongresses sei es, die verschiedenen Gruppen zusammenzubringen: Wissenschafter und Akademiker mit den Leuten aus der Praxis, Ärzten, Pflegepersonal sowie Gesundheitspolitiker. "Die meisten dieser Praktiker werden nicht auf einen der großen Präventions-Kongresse in die USA fahren - und umgekehrt werden die meisten hochrangigen Wissenschafter nicht zu einem kleinen Kongress der Basis anreisen." Beim EUFEP passiere aber genau das, wie die im Vorjahr abgehaltene Premiere mit insgesamt 300 Teilnehmern gezeigt hat.

Den Festvortrag zur Eröffnung am Mittwochabend hält der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer zur originellen Frage, was wir bezüglich der Förderung der psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen von Pippi Langstrumpf und Huckleberry Finn lernen können. Kinder als besonders verwundbare Gruppe in Bezug auf Traumatisierungen, die ein ganzes späteres Leben überschatten, stehen auch an den beiden Haupttagen des Kongresses, Donnerstag und Freitag im Zentrum von Plenum und verschiedener Sessions.

Angst im Alter

Zweite Kerngruppe des Kongresses sind alte und pflegebedürftige Menschen. Johann Behrens von der Martin-Luther-Universität in Halle Wittenberg widmet sich dazu der Frage, wie es um die kritische Selbstreflexion der Pflegeprofession steht und ob man von Evidenz-basierter Pflege sprechen kann. Gleich von zwei kontroversen Positionen wird das Problemfeld des Screenings nach Depression erörtert. Gabriele Meyer von der Universität Witten/Herdecke liefert kritische Gedanken zu einem Depressionsscreening im Pflegeheim. Die Chancen einer derartigen Reihenuntersuchung würdigt Johannes Wancata vom AKH Wien.

Als roter Faden durch die Vorträge zieht sich die Frage, ob sich Gesundheitsförderung im Bereich der psychischen Gesundheit überhaupt auf ihren konkreten Wert messen lässt. Stephen Platt von der Universität Edinburgh berichtet dazu von den schottischen Strategien zur Selbstmord-Prävention und wird eine erste Evaluation dieses nationalen Programmes präsentieren. Ob diese Bemühungen auch ökonomisch effektiv sind, rechnet David McDaid von der London School of Economics vor.

Gartlehner sieht den Kongress jedenfalls als Chance, die internationalen Bemühungen zur Gesundheitsförderung auch in Österreich bekanntzumachen. "Wir wollen Impulse für die Entscheidungsträger schaffen, um sie auf den Geschmack zu konkreten Aktivitäten in diesem Bereich zu bringen", erklärt er die Basisidee des EUFEP. "Denn es kann auch anders gehen, als immer nur die üblichen Expertengremien zusammenzutrommeln." (Bert Ehgartner, DER STANDARD Printausgabe, 14.6.2010)

Der Standard Webtipp:

EUFEP Kongress 2010

  • Die Kernfrage: Wo hört Traurigkeit auf und fängt Depression an?
    foto: derstandard.at

    Die Kernfrage: Wo hört Traurigkeit auf und fängt Depression an?

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