Selbsthilfe boomt in Österreich

11. Juni 2010, 08:23
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Expertin fordert Aufwertung der Selbsthilfegruppen

Wien - Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen braucht eine Aufwertung, wenn man das Gesundheitssystem stärker am Patienten ausrichten will. Das fordert Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfe Österreich. Anlass gab der "Tag der Selbsthilfe", den der Hauptverband der Sozialversicherungsträger gemeinsam mit den Selbsthilfeorganisationen gestern in Wien veranstaltet hat.

Selbsthilfe boomt in Österreich. Rund 250.000 Patienten treffen sich etwa monatlich in 1.200 Gruppen, deren zahlenmäßig stärkste jene für Diabetes, Herzkrankheiten, Osteoporose oder Krebserkrankungen sind. "Allein in Kärnten gab es vor 20 Jahren 26 Gruppen, heute sind es 163", so Maier. Die Expertin hofft, dass die Politik deren Bedeutung stärker wahrnimmt und sie im Sinne einer an Patienten statt am Angebot orientierten Versorgung stärker einbindet. "Selbsthilfegruppen kennen das Versorgungssystem mit seinen Lücken durch die eigene Erfahrung bestens, was ihnen eine wichtige Signalfunktion gibt."

Wegweiser im Dschungel

Dass die Gruppen selbst in Zeiten des Internets florieren, führt Maier auf ihre Austauschfunktion zurück. "Das Bedürfnis nach Gespräch trotz guter Vorinformation ist massiv gestiegen. Einerseits wird die Verweildauer im Spital immer kürzer und Probleme, mit denen man in Folge zurecht zu kommen hat, fallen erst nach der Behandlung daheim auf. Zudem haben sich familiäre Strukturen geändert." Selbsthilfegruppen bieten einen Informationspool nicht nur über die Krankheit, sondern auch über finanzielle Unterstützungen und Hilfsmittel, weshalb sie Maier als "Wegweiser im Informationsdschungel" sieht.

Am Anfang jeder Selbsthilfegruppe steht das Eigenengagement einer Gruppe Betroffener oder Angehöriger. "Das fällt leicht etwa bei Diabetikern, schwerer bei seltenen Erkrankungen wie etwa dem Recklinghausen´schen Syndrom", so Maier. Reaktive Unterstützung gibt es bei den Selbsthilfe-Dachverbänden in den Bundesländern. "Wie diese Hilfe aussieht, hängt sehr vom Ziel der Gruppe ab. Geht es um informellen Austausch, so kann eine Räumlichkeit vermittelt werden. Geht es um die Veränderung der Versorgung, so sind mehr Strukturen wie etwa eine Vereinsgründung erforderlich."

Effizientere Strukturen wichtig

Unterwanderung von Pharmafirmen, die einigen Gruppen in Deutschland zum Problem wurde, gebe es in Österreich nicht. "Die Pharmaindustrie leistet Beiträge, doch garantiert ein Kodex hohe Transparenz, was auch die gegenseitigen Erwartungen betrifft. Nicht zu vergessen ist, dass es kaum finanzielle Mittel aus öffentlicher Hand gibt und dass keine großen Summen im Spiel sind, wie dies hingegen etwa bei Ärztekongressen der Fall ist", so Maier. Der große Brocken der Arbeit erfolgt ehrenamtlich, Sachkosten werden über die Dachverbände von den Landesregierungen getragen.

Maier hofft, dass die Finanzierung umgestaltet wird und künftig auf Bundesebene erfolgt. "Wenn man will, dass in Selbsthilfegruppen organisierte Patienten im Konzert der großen Player mitspielen, so braucht es auch die entsprechende Infrastruktur. Wichtig wäre ein Selbsthilfe-Gipfel, an dem auch Sozial- und Gesundheitsministerium am selben Tisch sitzen und ein Konzept dafür erarbeiten." Die Chance dafür sieht Maier nach den heutigen Ankündigungen der Bundesministerien gut, die Zeit für die Umsetzung dränge allerdings aufgrund der überhand nehmenden Rotstift-Politik. (pte)

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