Nachts kamen die Schlangen

10. Juni 2010, 21:11
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Psychisch Kranker erstach seinen Schwager

Wien - Der 21-Jährige sitzt regungslos im Schwurgerichtssaal im Wiener Straflandesgericht, dämmert vor sich hin. Auf Fragen antwortet er, wenn überhaupt, nur mit langer Verzögerung. Leise, monoton. Es gehe im jetzt besser, murmelt er. Er ist jetzt medikamentös gut eingestellt.

Das war er am Abend des 16. September 2009 nicht, als er nach dem Abendessen seinem Schwager mit einem Küchenmesser viermal in die Brust stach und jener im Wohnzimmer binnen kurzer Zeit verblutete.
Probleme hatte der gelernte Maler und Anstreicher schon länger. Mit seiner Psyche und mit Drogen. Beim Bundesheer hatte er nach vier Monate abgerüstet, da ihm eine paranoide Schizophrenie attestiert wurde.

Und es wurde schlimmer. Mehr und mehr zog sich der junge Mann zurück, hatte Wahnvorstellungen, sah Schlangen, fürchtete sich vor leeren Zimmern. Tagsüber schlief er meist - nachts saß er vorm Fernseher oder Computer.
Mehr und mehr litt er unter seiner Familie, die ihm helfen wollte. Vor allem sein Schwager, der versuchte ihn zu bewegen, sich behandeln zu lassen. Je mehr sich sein Schwager um ihn kümmerte, desto mehr erinnerte er ihn an seinen Vater - der gestorben war, als er zwölf Jahre alt war.

Und dann das schreiende Baby der Schwester, mit der er gemeinsam bei seiner Mutter wohnte. Am 16. September war es ihm zu viel. Der verstörte Mann schimpfte das schreiende Kind, gab ihm einen Klaps. Sein Schwager stellte ihn zur Rede - da ging er in die Küche griff zum Messer und stach ohne Vorwarnung zu.

Die psychiatrische Gutachterin Gabriele Wörgötter stellt eine düstere Prognose: Ohne Behandlung seien auch in Zukunft ähnliche Attacken "mit höchster Wahrscheinlichkeit" zu erwarten.

Der Mann wird in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 11.6.2010)

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