Die dunkle Seite von Oxytocin

10. Juni 2010, 20:40
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"Kuschelhormon" trägt nicht nur zu Bindungen bei

Washington - Als "Kuschelhormon" hat es in den letzten Jahren groß Karriere gemacht. Wissenschafter konnten in vielen Studien zeigen, dass das Peptidhormon für allerlei höchst erfreuliche Dinge sorgt: Beim Geburtsprozess, wo besonders viel davon ausgeschüttet wird, trägt es zur Bindung zwischen Mutter und Baby bei - und zwar sowohl bei Menschen als auch bei Schafen und Nagetieren.

Auch das Verhältnis zwischen Geschlechtspartnern kann durch Oxytocin-Gaben bei Mensch und Tier positiv beeinflusst werden. In Australien wird es von Therapeuten schon zur Paartherapie eingesetzt. Und im Internet gibt es Oxytocin unter dem Namen "Liquid Trust", also "flüssiges Vertrauen", zu kaufen.

Doch Oxytocin hat auch eine andere dunkle Seite, wie der Psychologe Carsten De Dreu von der Uni Amsterdam experimentell herausgefunden hat. "Es ist in Wahrheit eigentlich ein zweischneidiges Schwert", so der Forscher, dessen Studie heute in der US-Wissenschaftszeitschrift Science (Bd. 328, S. 1408) erscheint.

Gemeinsam mit Kollegen ließ er männliche Studenten als Testpersonen eine Version des Gefangenendilemmas durchspielen. Den Probanden wurden 30 Minuten vor Spielbeginn entweder eine Dosis Plazebo oder Oxytocin per Nasenspray verabreicht, dann erhielten sie zehn Euro und wurden einer Dreiergruppe zugeteilt. Dann sollten sie das Geld verteilen - und zwar auf die eigene Dreiergruppe und eine andere, deren Mitglieder dieselbe Information erhielten. Das Erwartete geschah: Die oxytocinierten Männer erwiesen sich sowohl der eigenen als auch der fremden Dreiergruppe gegenüber als sehr großzügig und behielten signifikant weniger Geld für sich selbst.

In einer etwas komplizierteren Form des Experiments kam es dann aber zu einem überraschenden Ergebnis: Als den Probanden nämlich gesagt wurde, dass die eigene Gruppe großen finanziellen Schaden erleiden könnte, wenn die andere Dreiergruppe nicht kooperiert, verhielten sich die Oxytocin-Männer plötzlich sehr viel defensiver. Sie nahmen das Geld der anderen Gruppe, sparten das eigene auf - und zeigten sich weitaus weniger altruistisch und "netter" als die Plazebo-Kollegen.

Die Schlussfolgerung der Forscher kann man so zusammenfassen: Oxytocin spielt nicht nur bei sozialen Bindungen eine große Rolle. Es kommt auch dann zum Einsatz, wenn die eigene Gruppe - sei es im Spiel oder im Krieg - verteidigt werden will. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. Juni 2010)

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