Fürchtet nicht das Jüngste Gericht

10. Juni 2010, 18:53
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Musikverein: Fabio Luisi und die Wiener Symphoniker mit Verdis "Requiem"

Wien - Ein Abend, so lau und licht wie an der Côte d'Azur, dazu ein Werk, so donnersatt und pathosgeschwängert wie Giuseppe Verdis großtheatralisches Tongemälde über den Tag des Jüngsten Gerichts - sein Requiem. Ja, geht das denn? Es geht. Wenn es von Fabio Luisi dirigiert, den Wiener Symphonikern gespielt und dem Wiener Singverein und einem super Solistenquartett gesungen wird. Was Mittwochabend im Musikverein so passierte.

Luisi war großartig: Was für ein Geschenk, dem Chef der Symphoniker bei seiner Arbeit zuschauen zu dürfen: diese Präzision, diese Elastizität in Sachen Motivation und Stimmenkoordination!

Die Wiener Symphoniker waren großartig: Eben erst von einer zweiwöchigen Fernost-Tournee zurückgekehrt, agierten die Wiener mit Frische, Biegsamkeit, Genauigkeit und Klangschönheit. Der Wiener Singverein (Leitung: Johannes Prinz): großartig. Im Sanctus mal von virtuoser Leichtfüßigkeit, mal wie eine hin und her wogende Blumenwiese; infernalisch im Dies irae.

Und das Solistenquartett: Heilige Maria, Mutter Gottes! Rechts außen Paata Burchuladze, ein souveräner Changeur, mal fassig, mal säuselnd, neben ihm Miroslav Dvorský, der mit der heldenhaften Geradlinigkeit und der Strahlkraft seines Tenors ganze Armeen in Schlachten um die ewige Gerechtigkeit befehligen könnte.

Mütterliche Bescheidenheit brachte Luciana D'Intino mit ihrem hellen Alt mit in ihre Solistenpartie; an ihrer Seite trachtete Sondra Radvanovsky als Allegorie der Dramatik und der Kingsize-Theatralik, in die Herzen der Zuhörer einzugehen. Es kann kommen, das Jüngste Gericht. (end / DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2010)

 

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