Ein Slow Twist für die Tiefenpsychologie

10. Juni 2010, 18:42

Bob Dylan live in Bratislava, bald in Linz und Dornbirn

"They are always different, they are always the same." So beschrieb der 2004 zu früh verstorbene britische Radio-DJ John Peel seine liebste Band, The Fall. Immer anders, immer gleich, das gilt auch für Bob Dylan, der, gerade 69 geworden, am Mittwochabend in der Incheba Expo Arena von Bratislava gastierte. In einem gemütlichen 2000er-Saal, in dem er mit weichen Knien und Leopard-Skin Pill-Box Hat aus dem 1966er-Album "Blonde On Blonde" eröffnete.

Die Band in mausgrauen Anzügen und dunklen Hüten, "His Bobness" im schwarzen Anzug mit gelbem Rallyestreifen und südamerikanischem Großgrundbesitzerhut. So viel Unterschied muss sein. Das Sextett wirkte im ersten Drittel des Konzerts wie eine behäbige High-School-Reunion-Band beim Covern der Songs von damals.

Dylan, die vielleicht größte Projektionsfläche der Popkultur, die sich dieser Zuschreibung konsequent entzieht und sie damit natürlich nährt, grummelte sich launig durch ein tiefes "It Ain't Me Babe", ein verwegenes "Absolutely Sweet Marie", provozierte mit "Just Like A Woman" nicht wirklich erlauchte Brüllgesänge am oberen Rang des Saals und tingelte zwischen Gitarre und Orgel.

Spiderman Dylan

Das war nicht besonders aufregend. Der Bassist knotzte auf seinem Barhocker, wechselte ab und an vom elektrischen zum Stehbass - ohne sich deshalb zu erheben, und Dylan war Dylan: ein bisserl Blasharmonica, bisserl schauen, ob die Orgel heute kitzelig, verstimmt oder angriffslustig ist, spinnenartige Bewegungen beim Gitarrespielen. Den Rest der Show bestritt Charlie Sexton, der ein wenig zu oft Bodennähe suchte. Sein In-die-Knie-Gehen erschien etwas dick aufgetragen, so emotional war sein Spiel weiß Gott nicht.

Ausgerechnet beim relativ doofen "Tweedle Dee & Tweedle Dum", der Eröffnungsnummer des "Love and Theft"-Albums aus dem Jahr 2001, für das Dylan wieder zur Gitarre griff und sein linkes Bein zu einem Slow Twist verdonnerte, kam das Konzert in Fahrt. Die Altherrenpartie, die bis dahin auf dem abgefederten Rhythmusspiel des Schlagzeugers gemütlich herumdruckste, schien es plötzlich wissen zu wollen.

Zwar nahm Dylan mit "Man In The Long Black Coat" die Geschwindigkeit aus dem Spiel, aber er schien Gefallen an seinen Tun gefunden zu haben. Dröhnend sichtete er den "Highway 61", Sexton kniete, Dylan deutete Kopulation mit seinem Keyboard an. Leute, man ist nur einmal 69!

Im Unterschied zu Langeweilern wie Eric Clapton, die jeden Abend dieselben blutleeren Songs mit denselben Elendssoli in die Zwangsehe schicken - wie Anfang der Woche in der Wiener Stadthalle -, vermag Dylan nachvollziehbar und infizierend Spaß zu haben. Dementsprechend erhob sich der Saal und stürmte zur Bühne. Dylan nahm den Zuspruch als Auftrag und belohnte ihn mit grandiosen Deutungen von "Ballad Of A Thin Man" oder "Thunder On The Mountain".

Vieldeutige Grimassen

Er alberte an der Orgel rum, atmete beherzt durch die Harmonica und schnitt jene Grimassen, aus denen gemeine Dylanologen ihren Auftrag zur tiefenpsychologischen Deutung ablesen. Im Zugabenblock legte der "Columbia Recording Artist" euphorisch nach, ließ den Saal sich wie ein "Rolling Stone" fühlen, besang "Jolene" und beendete mit "All Along The Watchtower" den Abend. Nachgerade herzlich empfing er den Applaus, rückte seinen Hut zurecht und entschwand. Der Weg hat sich wieder einmal gelohnt.

Für alle.
(Karl Fluch aus Bratislava / DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2010)

 

Bob Dylan live in Österreich:
am 12. 6. in Linz, TipsArena;
am 19. 6. in Dornbirn, Messestadion.
Beginn jeweils 20.00

Kommentar posten
17 Postings
Mondmann
20
13.6.2010, 20:11
Neil ist besser...

Es geht nichts über Neil Young: Der veröffentlicht noch immer teilweise grandiose Alben, ist live noch immer eine Bank und singt z.B. "After the Goldrush" noch immer wie ein Glockerl. Dylan mag ein Gigant sein, live muß ich seine "verwitterte" Stimme aber nicht mehr hören, auf Platte nur begrenzt...

PuBär
00
16.6.2010, 09:39

Sorry, aber Neil Young veröffentlicht in der letzten Zeit nur mehr Schrott.

watchtowerman
00
11.6.2010, 19:37

wow

das ließt sich ja fast wie ein greatest hits set

rolling stone, watchtowerman, ballad of a thin man....

hui, nicht schlecht

Eine alternative Wahrheit
 
84
11.6.2010, 16:55
mein beileid an jeden

der sich dieses geheule und gekrächze antut...

dass dem schreiberling dieser alte clown besser zusagt, als der ewig COOLE gitarrengott clapton, sagt ja leider viel aus.

sry an alle dylanfans, ich weiss ihr schäumt jetzt.
aber das musste raus :-P

mommer
01
15.6.2010, 15:42
echte künstler

MÜSSEN die meinungen spalten => war schon immer so...

und sowohl ec als auch bd gehören ohne frage dazu...

gut so!

michael grasberger
03
11.6.2010, 23:03

ach was, von wegen schäumen. wir dylanfans sind da ein wenig unverkrampfter als ihr claptonfans.
wir ziehen sogar selber zwischendurch immer wieder mal über den meister her ;-)

mommer
01
15.6.2010, 15:38

lol: tja auch wir. nur bei dem verriss. das war halt echt too much...

dylan ist echt gut- daran gibts nix zu rütteln!

What tha ... ?
00
11.6.2010, 14:20
Oh man,

I hope, dass er morgen auch thin man spielt. Ich glaub, dann fall ich in Ohnmacht...

panp
00
11.6.2010, 20:14

dito!!!

granddame
00
11.6.2010, 12:08
der weg lohnt sich immer

thin man offenbarung!
mit dank an bratislava:)

Ich bin unschuldig, aber nicht ganz.
01
11.6.2010, 01:08
Mobilitätsmangelnd leider versäumt.

Schöne Zusammenfassung eines großen Abends.

michael grasberger
00
11.6.2010, 00:32

"ballad of a thin man" war für mich eindeutig das highlight des abends, neben einer cinemascopeversion von "high water" (dem einzigen song des abends, bei dem der mittlerweile musikalisch eher überflüssige donnie herron im mix überhaupt zu hören war) und dem von vielen fans zu unrecht geschmähten rocker "tweedle dee...".

trolu
 
00
11.6.2010, 09:16
Ich freue mich

auf Linz morgen!

norman m.
00
11.6.2010, 13:21
Ouh ja,

me too! :)

markus grabner
00
14.6.2010, 21:18

wie war's?

markus grabner
00
11.6.2010, 11:46

und ich kann nicht hinfahren ... bäh. das wien-konzert vor zwei jahren hab ich auch verpasst, wegen urlaub. irgendwie hab ich kein glück was die dylan-konzerte angeht

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