Wende im Nahostkonflikt?

10. Juni 2010, 18:42
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    foto: standard/rudolf semotan

    Avineri: Flottenkonflikt ist die falsche Schlagzeile

Shlomo Avineri lenkt den Gaza-fixierten Blick der Öffentlichkeit auf ein palästinensisches Projekt, das für den Friedensprozess von historischer Tragweite sein könnte

Obwohl es die Krise über Israels Marineinterventionen zur Verteidigung seiner Blockade Gazas ist, die weltweit Schlagzeilen macht, passiert derzeit im Nahen Osten etwas historisch sehr viel Bedeutsameres. Die Palästinenserbehörde ist dabei, eine einseitige Unabhängigkeitserklärung vorzubereiten, und unternimmt vor Ort konkrete Schritte, um eine derartige Erklärung gangbar zu machen.

Als US-Präsident Barack Obama den früheren Senator George Mitchell zu seinem Sondergesandten für die Friedensverhandlungen im Nahen Osten ernannte, bestand Mitchells Mandat darin, nicht nur innerhalb von zwei Jahren eine Einigung zwischen Israel und den Palästinensern herbeizuführen, sondern auch einen generellen Frieden zwischen dem jüdischen Staat und der gesamten arabischen Welt. Doch nach 15 Monaten im Amt und zahllosen Besuchen in der Region hat Mitchell als Ergebnis seiner Mühen nichts weiter vorzuweisen als eine Übereinkunft zwischen Israel und der Palästinenserbehörde, indirekte "Annäherungsgespräche" aufzunehmen. Berücksichtigt man, dass beide Seiten seit 15 Jahren direkt miteinander verhandeln, kann man Mitchells bisherige Arbeit daher, wenn man höflich und realistisch sein will, nur als Fehlschlag bezeichnen.

Es ist gleichermaßen leicht, hierfür der Unnachgiebigkeit des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu - etwa seiner Durchsetzung der Blockade von Gaza - die Schuld zu geben wie darauf zu verweisen, dass die Palästinenserbehörde das von der Hamas beherrschte Gaza mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern nicht kontrolliert und damit nicht mit Autorität für die Palästinenser sprechen kann. Infolgedessen sind sich Israelis und Palästinenser über eines einig: dass die "Annäherungsgespräche" aller Wahrscheinlichkeit nach zu nichts führen werden. Und daher arbeiten beide Seiten geschäftig darauf hin, dass die jeweils andere Seite für das Scheitern verantwortlich gemacht wird. In zu vielen Fragen - Grenzverlauf, Siedlungen, Flüchtlinge, Jerusalem - liegen die Positionen beider zu weit auseinander, als dass sich die Kluft zwischen ihnen ohne weiteres überbrücken ließe.

Unter diesen Umständen sollte man begierig eine Idee begrüßen, die kürzlich der palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad zögernd, aber mutig aufgeworfen hat. Sie mag funktionieren oder auch nicht, doch ist sie in eindrucksvoller Weise neu: Scheitern die Verhandlungen, so Fayyad, sollten die Palästinenser irgendwann 2011 einseitig ihre Unabhängigkeit erklären.

Paradigmenwechsel

Dies könnte dem Spiel eine völlig neue Wendung geben. Offensichtlich würde es den Konflikt nicht lösen; vielleicht verändert es nicht einmal unmittelbar die Situation vor Ort. Tatsächlich könnte es sogar einige unvorhergesehene israelische Gegenmaßnahmen herbeiführen. Doch es würde für diesen Konflikt, in dem alle seit fast zwei Jahrzehnten auf der Stelle treten, mit Sicherheit einen Paradigmenwechsel bedeuten.

Falls die Palästinenser einseitig ihre Unabhängigkeit erklärten und, wie zu erwarten ist, diese zumindest durch eine Reihe von Staaten in irgendeiner Form anerkannt würde, würden sich die Konturen des israelisch-palästinensischen Konflikts drastisch verändern. Tatsächlich würde der Konflikt, sofern man diesen Begriff überhaupt verwenden kann, "normaler"; es wäre kein Konflikt zwischen einer Besatzungsmacht und einem besetzten Volk mehr, sondern einer zwischen zwei Ländern, zwei Staaten, die sich in einer Menge Fragen - darunter Grenzverlauf, gegenseitige Beziehungen und Kontrolle über Bevölkerungen - uneinig sind.

In gewisser Weise würde also eine einseitige Unabhängigkeitserklärung den israelisch-palästinensischen Konflikt ein wenig dem israelisch-syrischen Konflikt angleichen, weil es dann um eine interstaatliche Angelegenheit ginge. Sie könnte Israel sogar zwingen, Entscheidungen zu treffen, die zu vermeiden es bisher einfacher fand.

Zugleich wäre eine derartige Erklärung ein enormer Akt der Selbstbestimmung für die Palästinenser. Bisher sind sie am institutionellen Nation Building - einer nötigen Voraussetzung für jede erfolgreiche nationale Bewegung - erbärmlich gescheitert.

Der palästinensische Nationalismus ist tief im Bewusstsein der meisten Palästinenser verwurzelt. Doch seit 1948, als die Vereinten Nationen die Teilung von Britisch-Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlugen, hat er es nicht geschafft, den Schritt von der Ideologie zur Realität zu machen. Weder Gewalt, Terrorismus noch das Sich-Verlassen auf äußere Mächte (Uno, Arabische Liga, Sowjetunion, USA, EU) haben erfolgreich jene Staatlichkeit herbeigeführt, die ein Volk nur mittels eigener Vertretung erreichen kann - was die zionistische Ideologie als "Autoemanzipation" bezeichnet.

Fayyad ist der erste palästinensische Führer, der nicht aus der Fatah-Bewegung hervorgegangen ist, und daher begreift er möglicherweise, was andere palästinensische Führer angesichts ihrer Verquickung in eine toxische Kombination aus selbstgerechter Ideologie und Gewalt nicht zu verstehen schafften. Vielleicht stehen die Palästinenser tatsächlich vor einem neuen Kapitel ihrer Geschichte - und auch der Geschichte Israels und der Gesamtregion. (Shlomo Avineri, DER STANDARD, Printausgabe 11.6.2010)

Zur Person:

Shlomo Avineri, ehemals Generaldirektor des israelischen Außenministeriums im ersten Kabinett von Jitzchak Rabin, lehrt politische Wissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

©Project Syndicate, 2010; aus dem Englischen von Jan Doolan

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    Posting 1 bis 25 von 36
    1 2
    Dark Angel
     
    00
    14.6.2010, 16:02
    Spannend

    die Implikationen einer solchen einseitigen Staatsgründung sind ja wirklich interessant. Welchen Standpunkt wird die AL vertreten? Man muss dabei bedenken, dass alle anderen Gebietsansprüche nach einer solchen Erklärung, sofern sie ihre Grenzen klar umreisst, was für einen Staat notwendig ist, somit aufgegeben werden. Das ist sicherlich nicht im Sinne Irans oder weiten Teilen der arabischen Staaten (Lybien, Syrien, etc..).

    Moe Joe
    00
    Natürlich würde das die Hardliner innerhalb der "Islamisten" stören! Das 48er Palästina wäre Geschichte und das würde zu einer echten Krise führen, aber das wären die gemässigten Kräfte bereit zu tun, um endlich Fakten schaffen zu können, was ja ...

    ...das große pal. Problem ist! 60 Jahre sagte man zu allem NEIN, weil man Israel nicht akzeptieren konnte, wie denn auch? Im 10-Jahresintervall hat Israel Gebietserweiterungen betrieben! Zuerst ging es um den ganzen Kuchen, heute gehts um ein Drittel!! Letztendlich würde eine Staatsausrufung alle diplomatischen Konsultationen verändern, es wären nämlich zwischenstaatliche. Was aber das allerwichtigste ist, Israel wäre gezwungen, seine Staatsgründung zu verarbeiten und Palästina könnte Entschädigungsforderungen für Besatzung, Vertreibung und Landraub völkerrechtlich stellen. Wenn das durch d Sicherheitsrat geht, steht der amerik. Kongress auf dem Kopf und wir haben einen US-israelischen Konflikt mit ganz anderen Problemen. Quelle:Gert Krell

    tarte tatin
    04
    11.6.2010, 14:11
    das will ich auch meinen

    hoffentlich lassen sich die palästinenser diesmal nicht davon abhalten - entweder von leeren versprechen oder (schlimmer) handfester drohungen israels.

    initiativen wie der boykott von siedlerprodukten und der aufbau der eigenen wirtschaft zeigen schon erste erfolge (WJL), ebenso könnte mit einer solchen aktion bewegung in den festgefahrenen friedensprozess kommen. zumal es praktisch keine alternativen gibt, da israel (bestenfalls) auf zeit spielt und typen wie liebermann keine sekunde daran denken, zugeständnisse zu machen.

    Ein Troll
    10
    11.6.2010, 13:48
    Ein Paradigmenwechsel

    Hoho, Hehe, Haha.

    2059 wird es mit höchster, an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, eine Änderung in den Grundsätzen geben.

    Hoho, Hehe, Haha.

    Dii Liberalität ist die höchste Ausprägung der menschlichen Gemeinsamkeit

    Aber irgendwann, wird sie wieder runterfallen, vom Ross auf dem sie nicht reitet.

    angelvoices
    05
    11.6.2010, 12:28
    die Palästinenser verdienen einen eigenen Staat

    sie sollen ihn ausrufen und die UNO soll ihn verteidigen

    Protagoras v. Abdera
    02
    11.6.2010, 11:51
    Ob dieser Schritt notwendig ist oder nicht, ist tatsächlich eine rein strategische Entscheidung:

    Denn mittel- und langfristig wird ein überlebensfähiger palästinensischer Staat von einem Friedensbakommen mit Israel abhängen. Die aktuelle Regierung und ihre mangelnde Verhandlungsbereitschaft legen einen solchen Schritt nahe. Zentral wird dabei aber sein, nicht die militärische Konfrontation zu suchen, sondern den eigenen Staat "in den Köpfen" der PalästinneserInnen zu etablieren und diesem mit Praktiken des zivilen Ungehorsams an der Realität der israelischen Besatzung vorbei eine eigene Materialität zu geben.

    Dark Angel
     
    00
    14.6.2010, 15:20

    Wow! Endlich einmal eine gscheite Formulierung in diesem Forum - hätte ich nicht treffender sagen können!

    cipf
     
    11
    11.6.2010, 10:42

    Lustige Idee das ist - ist sie nicht?
    Ein paar kleine Fragen dazu:

    Welche Palistinänser rufen dann den Staat aus (die, díe (noch immer!) in den Lagern in den Nachbarstaaten leben)?
    Die Hamastreuen?
    Die PLOtreuen?
    Die in der Diaspora lebenden rund um den Globus?

    Welchen Nutzen hätten die, an einer Eskalation interessierten Organisationen und die Anrainerstaaten, die sich die Palistinänser seit Jahrzehnten (!) in Lagern halten daran, jene (meist jugendlichen) Massen zu verlieren, die für sie den Kleinkrieg gegen Israel führen?

    andreas lamers
     
    00
    11.6.2010, 15:28
    die vorteile sind gross

    erstens um israel zu aergern, denn dann kam man im voelkerrat wegen einen staatskofliktes grosse reden schwingen. dann koennte man die lager schliessen und die fluechtlinge abschieben, denn dann haben sie ein heimatland um nur 2 vorteile zu nennen die so einige nachbarn haetten. mal abgesehen davon das dann die hamas als armee gelten koennte und daher von ihrem gebiet aus agieren muesste was keine direkte verbindunge mit zb syrien herstellen wuerde.

    Kuoni_der_Hirt
    01
    11.6.2010, 10:22
    Ich bin weniger optimistisch

    Ein einseitig ausgerufener Palästinenserstaat würde wahrscheinlich sehr schnell vom Iran und ein paar anderen islamischen Ländern anerkannt werden - aber sonst?
    Vor allem muss, damit der Konflikt tatsächlich zu einem zwischenstaatlichen wird, Israel diesen Staat anerkennen - und das halte ich für weniger wahrscheinlich.

    andreas lamers
     
    00
    11.6.2010, 15:26
    es reichen 5 staaten um die staatlichkeit zu garantieren

    im grunde wuerde einer reichen wie zypern gezeigt hat. aber mehr sind besser. und viele laender waehre es egal und wuerden daher mit ja stimmen.

    kritischesauge
    00
    11.6.2010, 09:45

    Naja, die Palis hätten damit vielleicht Türkei, Jordanien und Ägypten auf ihrer Seite, die restl. arab. Staat und der Iran werden jedoch weiterhin die "zionistische Entität" nicht anerkennen.
    Dennoch denke ich, dass eine Unabhängigkeitserklärung einen Versuch wert wäre...natürlich nur, wenn auch wir Europäer diesen neuen Staat anerkennen.

    Optimisticus
     
    02
    10.6.2010, 23:30
    Ein kleiner Denkfehler

    an sich wäre das eine gute Sache und es würde auf jeden Fall neuen Schwung in die festgefahrenen Verhandlungen bringen. Für einen eigenen Staat müssten aber Hamas und Fatah funktionierende Institutionen bilden, was nicht klappen wird.
    Den Staat würde man offiziell in den Grenzen von 1967 ausrufen mit 'strittigen' Gebieten (jüdische Siedlungen und Grenzen) und Kerngebieten (arabische Gebiete)
    Damit würden die Palästinenser Verhandlungsbereitschaft signalisieren aber gleichzeitig Fakten schaffen, wie es Israel auch tut.

    Bla Fasel
     
    513
    10.6.2010, 22:02
    Aber gern. Zwischen den wachsenden Siedlungen,

    und außerhalb der Hauptstadt Israels, Jerusalem, abseits der schönen Straßen, die die Siedlungen verbinden, für Israelis only, und hinter hohen Mauern, dürfen die Palästinenser spielen, was immer ihnen gefällt. Es wird auch garantiert jeder Palästinenser zwei Liter Wasser täglich bekommen, so human ist Israel. Nur wenn sie wo im Weg sind, haben sie natürlich zu gehen.

    Tower Hill
    00
    11.6.2010, 06:49
    Naja, beim Wasserproblem hätte ein Pal.staat einen gewaltigen Trumpf in der Hand.

    Sie sitzen quasi auf dem Bergaquifer, genau über der Wasserscheide. Bei einer unilateralen Staatsausrufung wäre Isr. in die Rolle des Bittstellers gedrängt.

    Hansi Huber
    14
    11.6.2010, 08:56
    Falsch

    Im ersten Krieg gegen den neuen Staat besetzt Israel dieses Gebiet.

    Tower Hill
    01
    11.6.2010, 10:52
    Tja, dann stellt sich Isr. auf eine Stufe mit den arabischen Staaten,

    die es nach seiner Ausrufung angegriffen haben. Ein Krieg wegen Ressourcen lässt sich nicht so gut verkazfen wie Krieg gegen den Terror.

    Schljapnikow der IV
    01
    11.6.2010, 13:59

    und einen krieg um ressourcen kann man nicht krieg gegen den terror nennen?????????

    Tower Hill
    00
    11.6.2010, 14:23
    Können tut man schon.

    Aber ob´s was nutzt ist die Frage. Isr. steht jetzt schon sehr isoliert da. Außerdem werden die Pal. wohl schlau (oder dumm) genug sein, bei einer Staatsausrufung gleichzeitig ein paar Bündnisse einzugehen.

    gladio
    04
    10.6.2010, 19:21
    Alles schön und gut

    aber welche Grenzen hat dieser neu ausgerufene Palästinenserstaat dann? Das heutige "Inselreich"?

    Hubert Ungeist
     
    03
    10.6.2010, 23:55
    Welche Grenzen hat denn Israel?

    Würde mich mal interessieren - und dennoch wird städnig von den P. ohne Gegenleistung verlangt ihn anzuerkennen

    Bernd Michtner
    33
    11.6.2010, 12:33
    Vielleicht könnte ein Theoolge mal überzeugend darlegen, dass

    Israel ein theologisches Konzept ist und kein Gebilde von dieser Welt. Dann dürfen die 33 Staaten, die Israel den Eroberungsfeldzug gegen die Araber erlaubten zur Beichte gehen und alles ist wieder gut. Es ist imho überhaupt fraglich, ob dieser Teilungsplan Gültigkeit hat, der da als Staatsgründungsbegründung herumschwirrt. Israel hat die dort festgelegten Staatsgrenzen nicht akzeptiert. Danach eröffneten die Araber den Krieg Wie kann man einen Staat anerkennen, der sich weigert, seine Staatsgrenzen anzugeben? Und wie kann man von anderen Staaten verlangen, das Existenztrecht Israels zu akzeptieren, wenn es Israel vielleicht einfallen könnte, dem, der es akzeptiert, sein Land wegzunehmen. Das ist ein Pallawatsch der Großmächte, habedere

    Makronaut
    10
    11.6.2010, 19:32

    stimmt. diese nichtdefinition von grenzen ist natürlich ein legitimer grund, einen vernichtungskrieg mit zigtausend toten zu beginnen.

    zum glück hat das mit antisem überhaupt nichts zu tun, nicht wahr.

    aiuto
    01
    11.6.2010, 11:38
    welche Gegenleistung bitte?

    das war doch bis vor einigen Jahrzehnten das Land der Palästinenser...
    Wann wird Israel endlich bereit sein, mit den Palästinensern in Frieden zusammenzuleben?

    alcharismi
     
    21
    10.6.2010, 20:10
    Grenzen?

    Zunächst einmal ist ja gar nicht gesagt, daß der Staat ein Staatsgebiet benötigt, um zu existieren...
    Ob dieser Vorschlag allerdings dazu gereicht, die palästinensische/arabische Seite aus ihrer autoperpetuierten Opferrolle zu locken?

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    Posting 1 bis 25 von 36
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