Jenseits von Kärnten

10. Juni 2010, 18:23
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Auch von der WM in Südafrika werden schöne Bilder bleiben und nutzlose Stadien - Von Fritz Neumann

Südafrika ist das Kärnten Afrikas. Zumindest gibt es unübersehbare Parallelen, auch wenn der Chef, der südafrikanische, keine "Negermama"-Witze macht. Dafür gab er an, nach ungeschütztem Sex mit einer HIV-positiven Frau geduscht zu haben, er habe sich schließlich nicht anstecken wollen. Kein Witz.

Und dann ist da die heute beginnende Fußball-WM in Südafrika, die der EURO 2008 in Österreich und also Kärnten folgt. Sie wurde auf Wunsch und Druck von Joseph S. Blatter, dem Präsidenten des Weltverbands Fifa, an Afrika vergeben. Blatter hatte ein seltsames Rotationsprinzip eingeführt, dem zufolge kein anderer Kontinent zum Zug kommen konnte. Mittlerweile ist das Prinzip abgeschafft, sei's drum. Jedenfalls erhielt Südafrika 2004 den Zuschlag, da hat man aus der EURO noch nicht lernen können. Und nach der EURO war's dann auch schon wieder zu spät.

Österreich wäre ein abschreckendes Beispiel gewesen. Da hat man nicht nur, wo ein großes, modernes, multifunktionales Stadion gefragt gewesen wäre, also in Wien, ein altes, in vielerlei Hinsicht unbrauchbares Stadion renoviert. Da hat man vor allem auch um 70 Millionen Euro ein Stadion in eine ballesterische Wüste gestellt. Genau niemand hat am Wörthersee das witzigerweise schönste Stadion Österreichs gebraucht. Tatsächlich kickt dort ein Klub, der in Klagenfurt selten politischen Rückhalt hatte und stets am finanziellen Abgrund wandelte, bald bestenfalls in der dritthöchsten Spielklasse (Regionalliga) vor ein paar Dutzend Menschen.

Südafrika hat etwas größere Dimensionen. Dort beliefen sich die Kosten für den Neu- bzw. Umbau der zehn Stadien auf 1,6 Milliarden Euro, ein Vielfaches der veranschlagten Summe. Die Auslastung der WM-Partien liegt jüngsten Meldungen zufolge zwar bei 97 Prozent, doch haben die Organisatoren Tickets, die aus Europa zurückkamen, viel billiger unter Einheimischen verscherbelt. Ein Rand statt ein Euro quasi, diese Karten bringen also nur etwa ein Zehntel der erhofften Einnahmen.

Die Fifa hatte den Südafrikanern das Blaue vom Himmel und mehr als 500.000 WM-Besucher aus Europa versprochen. Nun kommen leider nur halb so viele. Das liegt an der Wirtschaftskrise, an der teuren Anreise, auch an Ressentiments und Ängsten, die da und dort geschürt wurden. Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, wollte "nicht zur WM reisen" und nannte die WM-Vergabe an Südafrika ob nicht geklärter Sicherheitsaspekte "eine Fehlentscheidung".

Das ist in etwa so platt wie die vielfach zitierte "Bewährungsprobe für Afrika", ganz Afrika. Zugegeben liegt Südafrika auf ein und demselben Kontinent wie Marokko, Tunesien, Ägypten oder die Elfenbeinküste, Unterschiede und Distanzen sind aber nicht bloß geografisch viel größer, als sie in Europa je sein könnten.

In Österreich erinnert, abgesehen vom Klagenfurter Mahnmal, wenig an die EURO. Herausragende infrastrukturelle Maßnahme war eine etwas früher erfolgte Verlängerung einer Wiener U-Bahn-Linie gewesen. Südafrika hat neben Stadien auch Flughäfen und Autobahnen (aus-)gebaut und für die WM insgesamt angeblich bis zu 60 Milliarden Euro investiert. Ob sich das jemals rechnen kann? Schon die Erhaltung der Stadien wird große Löcher in die Budgets der Provinzen reißen. Was dann bleibt, ist die Erinnerung an das Ereignis an sich. Schöne Bilder. Von früher. Siehe Kärnten. (DER STANDARD Printausgabe, 11.6.2010)

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