Mit Sprache gegen den anonymen Krieg

10. Juni 2010, 18:28
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David Grossman stellt sein Schreiben in den Dienst einer Aussöhnung im Nahostkonflikt

Wie reagiert man auf eine Welt, in der die eigenen Kinder in den Krieg ziehen? In der sie mit Waffen einen Konflikt austragen müssen, für dessen friedliche Lösung man selbst sein Leben lang mit Worten kämpft? Der israelische Autor David Grossman hält ihr die Kraft der Sprache entgegen und stellt sein Schreiben in den Dienst einer Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern - ein beharrliches Engagement, das der Börseverein des Deutschen Buchhandels nun mit der Verleihung seines mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreises an Grossman ehrt.

In seinem zuletzt erschienenen Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (Hanser, 2009) lässt Grossman eine Mutter gegen die Angst um ihren Sohn ankochen. Während sie Zwiebeln schneidet, Kartoffeln schält, den persischen Reis mit Rosinen und Pinienkernen verfeinert, hat Ora nur einen Gedanken: "Jede Bewegung, die sie macht, ist vielleicht die letzte vor dem Klopfen an der Tür."

Während seine Romanfigur dem Klopfen des Boten, der ihr vom Tod ihres Sohnes berichten würde, auf einer Odyssee durch Galiläa zu entfliehen versucht, schreibt der reale Vater Grossman während des Libanonkrieges voller Angst um seine Kinder:Der Roman entsteht parallel zum Wehrdienst des jüngeren Sohnes Uri. "Ich hatte Angst davor, wie sich meine Söhne durch ihre Militärzeit verändern könnten", sagt Grossman.

Der 1954 in Jerusalem geborene Schriftsteller thematisiert seit Jahrzehnten, anfangs als Journalist, mittlerweile als international angesehener Literat und Kommentator, seine tiefe Liebe und Verbundenheit zum Land Israel einerseits, übt andererseits unermüdlich scharfe Kritik an dessen Regierungspolitik. Grossman spricht sich entschieden für einen Dialog mit der Hamas aus und beschreibt in seinen Romanen mehrfach die individuellen Leiden, die durch den Nahostkonflikt ausgelöst werden.

Noch ehe er Eine Frau flieht vor einer Nachricht beenden kann, wird für Grossman im Sommer 2006 die schrecklichste Angst der Kriegsmutter Ora Realität: Sein Sohn Uri stirbt 20-jährig, als er Soldaten aus einem Panzer zu retten versucht, durch eine Rakete der Hisbollah. Nach einer Trauerwoche schreibt Grossman den Roman fertig: "Krieg ist anonym", sagt er. "So viel von unserer Realität ist beschlagnahmt durch eine hohle und erstarrte Sprache, die uns voneinander trennen soll." Grossmans Sprache hingegen ist eine verbindende. (Isabella Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe 11.6.2010)

 

  • Träger des Friedenspreises des Börseverein des Deutschen Bunhandels: Der israelische Autor David Grossman.
    foto: apn/joerg sarbach

    Träger des Friedenspreises des Börseverein des Deutschen Bunhandels: Der israelische Autor David Grossman.

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