Unterschlagung von 1,30 Euro kostet nicht den Job

10. Juni 2010, 17:54
128 Postings

Deutsche Kassiererin darf weiterarbeiten

Erfurt/Berlin - Als das Bundesarbeitsgericht am Donnerstag sein mit Spannung erwartetes Grundsatzurteil verkündet, strahlt "Emmely" über das ganze Gesicht. Der Kampf der 52-jährigen Berlinerin durch alle juristischen Instanzen hat sich gelohnt. Das Höchstgericht in Erfurt hob ihre fristlose Kündigung wegen Unterschlagung zweier Pfandbons im Wert von 1,30 Euro auf. "Emmely", die mittlerweile deutschlandweit bekannt ist, muss somit von der Supermarktkette Kaiser's wieder eingestellt werden.

31 Jahre lang hatte die unter dem Spitznamen "Emmely" bekanntgewordene Barbara E. in Berlin bei Kaiser's gearbeitet. Im Jänner 2008 fand sie zwei Pfandbons im Wert von insgesamt 1,30 Euro. Ihr Chef wies sie an, diese aufzuheben, falls sich Kunden melden. Nach zehn Tagen löste "Emmely" die Bons für sich ein. Der Arbeitgeber sprach daraufhin wegen Unterschlagung die fristlose Kündigung aus.

Das wollte "Emmely" nicht auf sich sitzen lassen. Doch vor dem Arbeitsgericht und dem Landesarbeitsgericht Berlin scheiterte sie. Die Richter wiesen auf das "besondere Vertrauensverhältnis" hin, dass zwischen Arbeitgeber und Untergebenem herrschen müsse, und beriefen sich auf die geltende Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts von 1984.

Das "Bienenstich-Urteil" gilt nicht mehr

Damals hatte eine Bäckerei-Verkäuferin in Nordrhein-Westfalen ein Stück Bienenstich gegessen, ohne für den Kuchen zu bezahlen. Daraufhin wurde sie fristlos gekündigt. Das Bundesarbeitsgericht sah den Rauswurf als berechtigt an und argumentierte, es komme nicht auf den Wert des Diebesguts an, sondern auf den damit verbundenen Vertrauensverlust. Seither galt jahrzehntelang in Deutschland: Auch wer Geringwertiges stiehlt oder unterschlägt, kann wegen des Vertrauensverlustes ohne vorherige Abmahnung hinausgeworfen werden. Gegen diese Praxis hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Proteste gegeben, vor allem für "Emmely" hatten die Gewerkschaften Solidaritätskundgebungen organisiert und zum Boykott von Kaiser's aufgerufen.

Jetzt urteilte das Gericht:"Emmelys" Entlassung sei nicht gerechtfertigt, weil nur eine "erhebliche Pflichtverletzung" vorliege. Das Vertrauen sei durch das einmalige Delikt nach der langen, untadeligen Betriebszugehörigkeit "nicht vollkommen aufgezehrt worden . Außerdem sei der Schaden für die Supermarktkette sehr gering gewesen. (bau, DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2010)

Share if you care.