Arbeitsangst als "Nerv der Zeit"

10. Juni 2010, 16:21
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32 Prozent aller Erwerbstätigen fühlen sich psychischen Belastungen am Arbeitsplatz ausgesetzt - Neun von zehn Befragten fühlen sich in der Arbeit gehetzt

"Wir treffen mit unserer Veranstaltung leider den Nerv der Zeit", so Karin Rossi von der Plattform Arbeit und Psyche bei der ersten öffentlichen Veranstaltung der Plattform Arbeit und Psyche (PAP) in Kooperation mit dem WUK faktor.i und der Arbeiterkammer Wien. Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt immer präsenter, in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der psychisch bedingten Krankenstandstage um 37 Prozent gestiegen. Pro Fall auf durchschnittlich 33 Tage im Jahr. Ängste, Unsicherheit, Gewalt und Stress im Job sind häufig die Auslöser.

Immer weiterticken

"Kein Tag vergeht, an dem uns nicht gesagt wird, dass wir flexibel und leistungsfähig sein müssen", so AK-Vizepräsidentin Renate Lehner. Bislang war die Hauptsorge körperliche Belastung durch die Arbeit zu vermeiden - in den letzten Jahren ist die Zahl der arbeitsbedingten Erkrankungen des Bewegungsapparates aber um 30 Prozent zurückgegangen, dafür gibt es einen Anstieg psychischer Erkrankungen. Frauen seien stärker davon betroffen, weil sie noch immer in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz Benachteiligung erführen und häufig Doppel- und Dreifachbelastungen ausgesetzt seien.

Psychische Belastungsfaktoren im Job

Auf die Frage "Haben Sie Angstzustände?" haben im Rahmen einer Umfrage 80 Prozent der Befragten mit "Ja" geantwortet. "Das bedeutet, dass viele Menschen zumindest einmal im Jahr das Gefühl haben knapp davor zu sein das Leben nicht mehr meistern zu können", erläutert Gudrun Biffl, Professorin für Migrationsforschung und Leiterin des Zentrums für Migration, Integration und Sicherheit an der Donau-Uni Krems, die sich seit den 1990er-Jahren mit dem Thema der mangelnden Gesundheit aus Sicht des Arbeitsmarktes beschäftigt. Sie vermutet, dass Angst um, vor und in der Arbeit einen wesentlichen Anteil an den Umfrageergebnissen hat. 

Laut einer Mikrozensus-Erhebung von 2007 sind 32 Prozent aller Erwerbstätigen psychischen Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz ausgesetzt. Neun von zehn Befragten fühlen sich in der Arbeit gehetzt - Zeitdruck ist einer der großen Belastungsfaktoren. Mit Mobbing haben über zwei Prozent der Männer und 2,5 Prozent der Frauen zu tun. Der psychische Druck betrifft alle Altersgruppen am Arbeitsmarkt: "In dem Moment, wo junge Menschen aus der Ausbildungssituation heraustreten, wird erwartet, dass sie funktionieren und alles können - das verursacht großen Stress", so Biffl. Erwerbstätige Menschen im mittleren Alter stünden sowieso unter enormen Druck: "Sie sind die Entscheider in den Unternehmen, haben hohe Verantwortung und haben zudem häufig den Doppeldruck mit der Familie." Bei den Älteren nimmt die Kurve der psychischen Belastungen zwar ab, "aber nur deshalb, weil Menschen, die vorher psychische Probleme hatten, später gar nicht mehr am Arbeitsmarkt sind", konkretisiert Biffl. 

Psychische Sicherheit

"Die Menschen brauchen das Engagement der Betriebsräte, Sicherheit und Vertrauen in Arbeitsplatz und Einkommen, aber auch einen Sozialstaat ohne Ausgrenzung und die Möglichkeit zusätzliche Belastungen wie Betreuung oder Ausbildung ohne die Angst vor Arbeitsplatzverlust ausführen zu können", so Lehner. Österreich sei europaweiter Vorreiter bei Überstunden, diese müssten im Sinne einer besseren Arbeitszeitregelung reduziert werden. Laut einer europäischen Erhebung der Arbeitsbedingungen liegt Österreich bei Arbeitsintensität und Termindruck deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Probleme von heute und morgen

Trotz der erwähnten Zahlen: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz seien hierzulande - im Gegensatz zu Deutschland und den nordischen Ländern nicht gut genug erfasst, "Österreich ist unterentwickelt in Bereitstellung der Daten", kritisiert Biffl. Sie sieht auch ein finanzielles Problem auf die Gesellschaft zukommen: "Die unwahrscheinlich lange Krankenstandsdauer von Personen mit psychischen Erkrankungen verursacht auch hohe Kosten", so Biffl. Die Tatsache, dass wir immer älter werden, ist die zweite große Herausforderung für den Arbeitsmarktpolitik von heute und der Zukunft: Menschen werden laut Prognosen immer länger arbeiten müssen, sind aber nicht mehr so belastbar. Gerade deshalb müssten Risikofaktoren wie zu hohe Arbeitsintensität, Zeitdruck, prekäre Beschäftigungsformen und die Angst um den Arbeitsplatz klein gehalten werden. (mat, derStandard.at, 10.6.2010)

  • Zeitdruck am Arbeitsplatz ist in Österreich laut einer europaweiten Erhebung überdurchschnittlich hoch
    foto: photodisc

    Zeitdruck am Arbeitsplatz ist in Österreich laut einer europaweiten Erhebung überdurchschnittlich hoch

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