Forscher verlieren zunehmend "unkonventionelles Verhalten"

10. Juni 2010, 14:25
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Helga Nowotny warnt bei Konferenz zu Forschungskultur in Wien vor der Fixierung des Systems auf messbare Erfolge

Wien - Sind Forscher heute nur noch eine gesichtslose Masse, die Wissen generiert und deren Output mittels Publikationszahlen gemessen wird?", war eine der Fragen Mittwochabend bei der Auftaktveranstaltung einer internationalen Konferenz zur Veränderung von Forschungskultur, die derzeit vom Institut für Wissenschaftsforschung der Uni Wien ausgerichtet wird. Der Tenor: Forscher müssen unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Helga Nowotny, Präsidentin des European Reasearch Council (ERC), warnte allerdings vor einer Verklärung der Vergangenheit. Damals seien die Bedingungen zwar anders gewesen, aber "früher war es nicht besser".

So habe es vor einigen Jahrzehnten Professoren gegeben, die gute Nachwuchsforscher blockiert hätten, um von diesen nicht entthront zu werden. Die Folge laut Nowotny: Es wurde Mittelmäßigkeit reproduziert, ambitionierte Forscher hätten Österreich verlassen. Heute gebe es ein Peer Review System, das funktioniere, und dadurch hätten junge Forscher bessere Chancen. Durch die Fixierung des Systems auf messbare Erfolge verliere der Nachwuchs allerdings immer mehr "jedes unkonventionelle Verhalten", warnte die Wissenschaftsforscherin.

Von der "Paranoia" befreien

Giulio Superti-Furga, Leiter des Zentrums für Molekulare Medizin, forderte dazu auf, dass junge Forscher sich von der "Paranoia" befreien müssten, einen perfekten Lebenslauf und viele Publikationen zu haben. Stattdessen müssten sie eigene Nischen finden, indem sie ihr jeweiliges Fachwissen um Kenntnisse aus anderen Bereichen - von Kunst bis Jus - erweitern. "Wenn du alles gerne in Form von Gedichten schreibst, wirst du die Stelle sicher bekommen."

Belastungen

Zu den bedenklichsten Entwicklungen der Gegenwart gehört aus Sicht von Sprachwissenschafterin Ruth Wodak die Überbürokratisierung der Wissenschaft. "Ich brauche unglaublich viel Zeit für die Bewertung von Forschung statt Forschung zu betreiben, die bewertet werden könnte." Auch der Druck, für Wirtschaft oder Politik verwertbare Resultate zu liefern, bedeute für die Forscher "enormen Stress". Eine große Belastung sei auch der Druck, ständig zu publizieren. "Wenn du nicht genügend Artikel veröffentlichst, bist du raus."

Evaluierung

Kritik an der ständigen Evaluierung übte auch Superti-Furga: "Wir könnten Kameras im Labor aufhängen, damit Brüssel immer zuschauen kann." Prinzipiell könne er den veränderten Bedingungen für Forschung aber Positives abgewinnen: "Wenn du kein Optimist bist, kommst du nicht weit in diesem Land." Durch die "Demokratisierung" der Wissenschaft könne man heutzutage immer und überall forschen, sobald man den Zugang zu Daten habe. Und man könne leichter nachvollziehen, was jemand geleistet hat.

Auch Philip Campbell, Chefredakteur der Wissenschaftszeitschrift "Nature", hob positive Aspekte hervor: Zwar würden junge Wissenschafter heute tatsächlich früher unter Druck geraten. Allerdings gebe es Beispiele für Institute, an denen Forscher Zeit und Raum für Experimente bekämen. Die Tatsache, dass laut einer Studie der Royal Society von 100 PhDs nur 3,5 langfristig in der Forschung bleiben und nur 0,54 eine Professorenstelle bekommen, ist aus Campbells Sicht ebenfalls von Vorteil: "Dort, wo diese Menschen hingehen (Wirtschaft, Politik etc.; Anmerkung), zeigt die Wissenschaft ihre Auswirkungen am stärksten." Auch die Aneinanderreihung von Post Doc-Stellen, von der viele Jungwissenschafter betroffen sind, will er nicht nur negativ sehen: Diese Zeit könne die "kreativste der gesamten Karriere sein", immerhin müsse man sich noch nicht mit Bürokratie abmühen. (APA)


Interview
"Wir haben immer noch das Image der Wühlmäuse"
Die Linguistin Ruth Wodak über Strategien der Rechtspopulisten, über den Stress der EU-Politiker und die Sorgen der Geisteswissenschafter

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    ERC-Präsidentin Helga Nowotny warnt vor der Fixierung des Systems auf messbare Erfolge.

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