"Bereue es sehr"

10. Juni 2010, 13:12
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Der Künstler entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern - Ausstellungseröffnung mit Entschuldigungsschreiben

Wien - Überraschend hat sich der Künstler Otto Muehl wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 16. Juni in einem Brief für die Taten entschuldigt, für die er 1991 zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war.

Muehl-Ausstellung im Leopold Museum

Die Tatsache, dass er zwar sechseinhalb Jahre in Haft verbracht hatte, sich aber nie öffentlich bei den Opfern entschuldigt hatte, war in der Diskussion um die Bewertung seines künstlerischen Werks wie seiner gesellschaftlichen Experimente immer wieder thematisiert worden. "Ich bereue es sehr", lautet die Kernaussage eines Briefes, den Muehl vor zwei Tagen an die Leiterin des Muehl Archivs, Daniele Roussel, geschrieben und den sie bei der Pressekonferenz zu einer Muehl-Ausstellung im Leopold Museum vorgelesen hat. Die Verwendung des Briefes hat er Roussel freigestellt.

"Dass ich mich öffentlich entschuldige, mache ich heute, weil ich auf keinen Fall das Gefühl hinterlassen möchte, dass es mich kalt lässt, dass ich Menschen verletzt habe und dass sich Menschen von mir verletzt gefühlt haben", heißt es in dem Brief.

Freie Sexualität sollte "schädliche" Zweier-Beziehung ersetzen

Der Aktionskünstler Otto Muehl hat 1970 eine Kommune gegründet, die in den folgenden Jahren den Friedrichshof im Nordburgenland zu ihrem Zentrum ausbaute und zeitweilig mehrere hundert Mitglieder umfasste. Das Prinzip der freien Sexualität sollte die "schädliche" Zweier-Beziehung ersetzen. Mitte der 80er Jahre wurde auf der Kanarischen Insel La Gomera ein weiterer Stützpunkt geschaffen. Im November 1991 war Muehl in Eisenstadt wegen einer Reihe von Sittlichkeitsdelikten, vor allem Unzucht mit Unmündigen, sowie Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Im Dezember 1997 kam er aufgrund einer Amnestie frei. Der an Parkinson erkrankte Muehl lebt in Portugal.

Im Folgenden der Brief, den Otto Muehl am 8. Juni an Daniele Roussel geschrieben hat:

"liebe daniele,

ich glaube, du hast mich vollkommen verstanden, dass ich mich in einigen sachen grundsätzlich geirrt habe. ich habe als künstler und, davon angestachelt, auch als mensch risiko auf mich genommen.

das thema war äusserst empfindlich und schwierig und dadurch habe ich kräftig daneben gegriffen.

plötzlich drehte sich die gesamte idee der kommune um. in den 80er jahren wurden wir so eine riesen-institution, und es wurde daraus ein staat im staat. die durch mich angekurbelte dynamik rutschte mir schließlich aus den händen. ich habe meine wirkung als sogenannter häuptling innerhalb der kommune unterschätzt. ich habe mit 7 jahren gefängnis bezahlt. ich habe es abgesessen.

dass ich mich öffentlich entschuldige, mache ich heute, weil ich auf keinen fall das gefühl hinterlassen möchte, dass es mich kalt lässt, dass ich menschen verletzt habe und dass sich menschen von mir verletzt gefühlt haben. ich bin auf alle kommunarden sehr gestanden. ich brauchte zeit, um zu verstehen, dass ich durch meine machtposition an den bedürfnissen meiner mitmenschen vorbei agierte, insbesondere an den bedürfnissen der jugend.

die stellungnahme der jugendlichen damals im gerichtssaal machte mich fassungslos. ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt. es war auf keinen fall meine absicht. ich hoffe, dass sie mir verzeihen.

ich gebe auch zu, dass ich manchmal zu den kindern der grosskommune, als übervater von 100 kindern wirkend, zu scharf war und schaden angerichtet habe, ohne bewusstsein über meine fehlentscheidungen. ich bereue es sehr. alles ist mir durch unser klein-experiment hier in portugal bewusst geworden.

liebe daniele, ich fühle mich durch dich gut vertreten. du kannst diesen brief einsetzen, wie du es für richtig hältst.

herzlichst

dein otto"

(APA)

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    Otto Muehl wird am 16.Juni 85 Jahre alt

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