Sozial Schwache schon in Volksschule benachteiligt

10. Juni 2010, 18:24
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Risiko für MigrantInnen schlechter abzuschneiden doppelt so hoch, als bei Einheimischen

Die Bildungschancen für Volksschulkinder in Österreich hängen von sozialem Status, Migrationshintergrund und Geschlecht ab. Das ergab die Analyse des Bifie (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens) der so genannten "TIMSS"-Studie (Trends in International Mathematics and Science Study). Das Risiko für Kinder aus sozial schwachen Familien, auch zu den "leistungsschwachen" Schülern zu gehören, ist demnach doppelt so hoch, als für Kinder aus höheren Schichten. Die Kriterien für ein faires Schulssystem werden laut dem bifie-Report deshalb nicht ausreichend erfüllt. 

Auch Mädchen im Alter von 9 bis 11 Jahren haben es demnach schwerer, als ihre männlichen Schulkollegen. Im Fach Mathematik gehören sie öfter zur leistungsschwachen Gruppe als Buben. Österreich ist im Ranking der OECD-Staaten, was den Unterschied zwischen den Geschlechtern betrifft, an viertletzter Stelle. Nur Italien, Deutschland und die Niederlande sind hier noch schlechter.

Nach Deutschland höchster Migrationsanteil

Innerhalb der EU hat Österreich mit 16 Prozent gemeinsam mit Deutschland (17 Prozent) bei der untersuchten Schülergruppe den höchsten Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Diese erreichten im Durchschnitt im Fach Mathematik 42 Punkte weniger als ihre einheimischen Kollegen, in den Naturwissenschaften beträgt die Differenz sogar 70 Punkte. Es besteht auch ein hoher Chancennachteil für Volksschulkinder mit Migrationshintergrund. 27 Prozent dieser Schüler gehören laut der Studie zur leistungsschwachen Gruppe. Das Risiko leistungsschwach zu sein, ist in den naturwissenschaftlichen Fächern doppelt so hoch, als für Einheimische.

Mathematik- und Naturwissenschaftskentnisse im EU-Schnitt

Trotz Fairness-Defizititen schneidet Österreich in der Studie, in der Mathematik- und naturwissenschaftliche Kenntnisse von Volksschülern der vierten Schulstufe abgefragt werden, relativ gut ab. Mit durchschnittlich 505 von 625 zu erreichenden Punkten im Fach Mathematik liegt Österreich nur neun Punkte unter dem EU-Durchschnitt von 514 Punkten. 31 Prozent der Volksschüler zählen hier zur leistungsschwachen Gruppe. Im Bereich der Naturwissenschaften, in dem Fragen zu Biologie, Physik und Erdkunde gestellt wurde, erreichten die befragten Volksschüler durchschnittlich 525 Punkte. Der EU-Mittelwert liegt bei 526 Punkten.

Schulstandort entscheidet über AHS-Übertritt

Die Autoren des Bifie machten bei der Präsentation der Analyse auch darauf aufmerksam dass die "Chancen für einen AHS-Besuch und damit verbunden im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse nicht fair auf Basis von Kompetenzen vergeben" werden. Viel wichtiger für die Chance auf einen AHS-Übertritt ist dagegen der Standort der Volksschule.

Für ihre Untersuchung verglichen die Autoren unter anderem die Mathematik-und Naturwissenschaftsleistungen der Volksschulkinder (4. Klasse) mit den AHS-Übertrittsquoten. Dabei zeigte sich zwar grundsätzlich, dass die Leistungen jener Kinder, die in eine AHS wechseln, im Schnitt höher sind als jene, die in eine Hauptschule kommen. "Extrem große Überschneidungen in den Leistungsverteilungen zwischen diesen beiden Gruppen deuten aber darauf hin, dass die Leistung offensichtlich nur bedingt Grundlage der Entscheidung ist."

Die Gemeindegröße des Volksschulstandorts erklärt dagegen 46 Prozent dieser Unterschiede. Dabei gilt: Je größer die Gemeinde, desto größer die Wahrscheinlichkeit für einen Wechsel an eine AHS. Der durch die Gemeindegröße bedingte Unterschied ist dabei "von einem Ausmaß, das nicht allein auf die geringere Entfernung der nächstgelegenen AHS zum Wohnort zurückgeführt werden kann". (lis/APA, derStandard.at, 10.6.2010)

Wissen

Die Studie "TIMSS" (Trends in International Mathematics and Science Study) erfasst die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz der Schüler und Schülerinnen der vierten und achten Schulstufe. Österreich beteiligt sich nur mit der vierten Schulstufe an TIMSS. An der Erhebung beteiligen sich 37 Länder (14 davon sind EU-Staaten). In Österreich wird die Studie vom Unterrichtsministerium in Auftrag gegeben. Die aktuelle TIMSS-Studie wurde 2007 in 169 Schulen bei rund 4860 Schülern durchgeführt.

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    Im Fach Mathematik liegen die Kenntnisse der Volkschüler der vierten Schulstufe knapp unter dem EU-Durchschnitt.

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    Einheimische erreichten im Durchschnitt 70 Punkte mehr als Migranten. Österreich ist damit Schlusslicht im Ranking mit den anderen Teilnehmerstaaten.

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    Hohe Diskrepanz gibt es zwischen Leistungen von Mädchen und Buben.

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