Integrationsverweigerung?

10. Juni 2010, 11:56
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Ausländer wollen sich nicht integrieren, sondern richten sich in Parallelgesellschaften ein – richtig oder falsch?

Ich bin Migrant und Autor, ein schreibender Tschusch, der in Wien-Meidling lebt. Über mir wohnt ein austromazedonischer Kleindealer mit seiner austrotürkischen Freundin, im Haus gegenüber ein Austrotürke mit zwei Austrokroaten in einer Wohngemeinschaft. Im Supermarkt und in der Fußgängerzone sehe ich Frauen mit Burka, manchmal einen Sikh. Der Meidlinger Markt ist so multikulti wie der feuchte Traum eines grünen Fundis. Ich steh auf Meidling. Was ich aber auch sehe, das sind in Österreich geborene Migra-Kids, die sich eine Identität abseits des Humanismus zusammenschustern. Mit Blick nach Europa sehe ich das populistische Wüten von Rechtsparteien und Bündnissen wie der niederländischen „Partij voor de Vrijheid", die radikal antiislamisch auftritt, aber mit der politischen Rechten Europas nichts zu tun haben will. Würde ich das alles heute sehen, wenn es jemals so etwas wie ein nachhaltiges Integrationsmodell gegeben hätte?

Ein virtuelles Problem

Weil man in letzter Zeit viel über sie redet, erscheint die Integrationsverweigerung als reales, bedrohliches Phänomen. Sie ist aber viel eher ein virtuelles Phänomen, denn wie kann man etwas verweigern, das es nie gegeben hat: ein echtes Angebot der Integration, getragen von politischem Willen, auf humanistischer Grundlage und mit breiter, selbstverständlicher Unterstützung durch die Zivilgesellschaft? Dabei hat es am grundsätzlichen Willen nicht gefehlt. Die Sozialdemokratie hat Konkretes mit integrativer Wirkung umgesetzt, etwa die Öffnung der Gemeindebauten. Weil Toleranz und Solidarität zu den Grundsätzen aller linken und christlich-sozialen Parteien gehören, haben auch sie ihr Scherflein beigetragen: Die Grünen halten die Protestkultur und die Zivilgesellschaft lebendig, und Linke wie die Szene rund um das Ernst-Kirchweger-Haus bieten kostenlose Deutschkurse und Nachhilfe für Migranten an. Aber selbst zusammen mit dem Prinzip der Nächstenliebe der Christdemokraten ergeben solche und andere Patchwork-Aktionen kein tragfähiges Integrationsgewebe. Richten sich Zuwanderer deshalb in Parallelgesellschaften ein? Dass es eine Parallelgesellschaft der Maoisten in Wien gibt, ist eine Tatsache. Allerdings sind die meisten ihrer Angehörigen Diplomaten der Volksrepublik China. Die anderen Chinesen, die der Durchschnittswiener nicht von Japanern oder Koreanern unterscheiden kann, die Vietnamesen, die Filipinos und eine Handvoll Nepalesen leben alle in ihren Parallelwelten, mit eigener Einkaufsmeile entlang dem Wienfluss. Die meisten haben Kulturvereine und Freundschaftsgesellschaften, die Chinesen sogar eine eigene Schule, und das chinesische Kino befindet sich mitten in Meidling.
Trotzdem nehmen wir diese Zuwanderer nicht als Integrationsverweigerer wahr, und an ihrer Religion haben wir nichts auszusetzen: Den Österreichern sind die "Schlitzaugen" powidl. 

Humanismus als Grundlage

Was heißt schon Parallelgesellschaft? Wir sind Europäer. Unsere Staatengemeinschaft steht auf der Grundlage des Humanismus. Das bedeutet Toleranz, Selbstbestimmung, Gleichheit der Geschlechter. Belässt man es bei dieser rudimentären Definition, sind schon die in Österreich anerkannten Religionsgemeinschaften Parallelgesellschaften, weil sie seit Jahrhunderten beharrlich die Integration nach europäisch- humanistischem Muster verweigern, trotz Aufklärung, trotz geänderter Lebensrealitäten. Ist es also folgerichtig, mit dem Finger auf muslimische Migranten zu zeigen? Abgesehen von der Religion: Was ist mit den Burschenschaftern? Oder mit den Böhmen? Einst hatte Wien mehr Einwohner als heute. Viele von ihnen waren keine Wiener, sondern eben Böhmen. Sie haben erkennbar "gebemakelt" (deutsch mit böhmischem Akzent gesprochen) und waren die Tschuschen ihrer Zeit - so wie meine Jugo-Eltern in den Sechzigern und ich als Balkan-Kind der Siebziger. Aber im Abendrot der Monarchie hatten die "Behm" eigene Theater und Zeitungen und allerlei anderes Parallelweltszeug. Doch schon die nächste Generation hat nicht mehr gebemakelt wie Fritz Muliar als braver Soldat Schwejk, oft auch die Sprache der Eltern nicht mehr beherrscht, und so mancher Xenophobe von heute heißt wie ein Tscheche.

Vakuum füllen

Die aus dem Integrationsvakuum in Österreich entstandene Sehnsucht nach Identität bewirkt, dass zum Beispiel kroatische Migra-Kids den Antisemitismus, den Klerikalfaschismus der Ustascha und den nationalistischen Hass-Sprech eines Sängers wie "Thompson" als identitätsstiftende Folklore und Heimatliebe wahrnehmen. Dasselbe gilt für die serbischen Migra-Kids, die den Sänger Baja Mali Knindža und seinen Neotschetnik- Kontext genau so wahrnehmen .Um sich dann mit ihren kroatischen Altersgenossen und der BZFPÖ im gemeinsamen Vorurteil gegenüber den Muslimen wiederzufinden. Die muslimischen Migra-Kids wiederum finden im sexistischen und homophoben Patriarchat des Islam ein Stück vermeintlicher Identität. So werden Kriegsverbrecher zu Freiheitshelden, die Unterdrückung der Frau zum Ausdruck von Moral, diverse Minderheiten zum ultimativen Feindbild. Dazu kommen gekittete Geschichtsbilder aus einer Heimat, die diese Kids nur oberflächlich kennen. Diese Zutaten ergeben eine unreflektierte, konfrontative Pseudoidentität. Am Ende hat man dem geistigen Abfall vieler "Inländer" bloß den Kopfmist von Hasspredigern und Nationalisten entgegengesetzt, die selbst die alte Heimat nicht haben mag. Echte Identität sieht anders aus. 

Mini-Bushidos aus der Vorstadt

Viele Migra-Kids der letzten Generation, im Gastland geboren, aber nie von ihm aufgenommen, suchen nach Identitäten, die sie vom fremdenfeindlichen, aber auch von jedem anderen "Inländer" abgrenzen. Was sie dabei als identitätsstiftend annehmen, ist oft geistiger Sondermüll. Er produziert halbstarke Möchtegern-Bushidos, die ständig von Ehre und Respekt schäumen, aber Ersteres nicht haben und Zweiteres nicht verdienen, weil sie nur dumme Sexismen absondern und gleichzeitig die Mama vergöttern. Das könnte sie christlich machen, aber sie betrachten den Islam als Teil ihrer Identität. Dabei wissen die Mini-Bushidos weder, wie man Frauen glücklich macht, noch was tatsächlich im Koran steht. Was ist von dieser Identitätssuche zu erwarten? Eine Antwort liefern die brennenden Vorstadt-Gettos in Frankreich. Was 2005 in Flammen aufging, war ein Vakuum, geschaffen aus der Unfähigkeit, echte Integration zu fördern, und befeuert von einem verqueren, pseudoethnischen Selbstbild der Migra-Kids, das im Gegensatz zu den Werten einer Heimat steht, die ihnen keine sein will. Seither können die Rechtsparteien aller Länder fröhlich ihr Ressentiment vom "gescheiterten Multikulti-Experiment" und der"„Integrationsverweigerung" hätscheln und verbreiten und damit auch migrantisches Stimmvieh erfolgreich mobilisieren.
Die traurige Wahrheit ist, dass nichts gescheitert ist, weil ja nichts Integrierendes getan wurde. 

Ethik- statt Religionsunterricht

Das ist der Stand der Dinge. Unser "Haus Europa" mag noch nicht lichterloh brennen, aber die Brandstifter stehen schon im Wohnzimmer. Man muss sich die Urfrage aller Demokraten stellen: Was hält Demokratie an Antidemokratischem aus, bevor sie zur Selbstverteidigung einen faschistoiden Schlaganfall erleidet? Was nötig ist, um die Malaise der Integrationspolitik, die nie stattgefunden hat, zu beheben, ist deshalb zuerst ein dauerhafter "Cordon sanitaire" gegenüber xenophoben Parteien in ganz Europa. Außerdem eine Ergänzung des Religionsunterrichts durch Ethikunterricht, weil gerade die Religionen immer wieder Quellen von Homophobie, Sexismus und Ausschließung sind, was für Christen, Muslime, Juden und Hindus gleichermaßen gilt. Am Ende des Tages steht die Schaffung einer Nation Europa als Vorstufe zu einer Identität als Bürger der Welt - der einzigen, die wir haben.

Bogumil Balkansky (Pseudonym), 47, war Fluglotse, Flüchtlingshelfer und Regieassistent und lebt heute als Drehbuchautor in Wien. Dieser Essay ist in der aktuellen Ausgabe des Magazin henri erscheinen.

Webtipp:

Henri. Das Magazin, das fehlt.

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    Der Brunnenmarkt in Wien-Ottakring gilt derzeit als multikulturelles Vorzeige-Grätzel

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