"FaceTime": Apple setzt auf den größten Flop des Mobilfunks

10. Juni 2010, 10:47
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Steve Jobs überrascht mit Videotelefonie

Nach etwa eineinhalb Stunden Facetime mit Steve Jobs gab es vor ein paar Tagen ein Déjà-vu-Erlebnis, als der Apple-Chef seine größte Überraschung aus der Trickkiste zauberte: Videotelefonie namens "FaceTime". Apples neues iPhone 4 kann Videoanrufe tätigen, vorerst aber nur von Apple-Handy zu Apple-Handy, wenn für das Handy gerade ein WiFi-Hotspot zur Hand ist. Für alles andere müsse er noch mit den Mobilfunkern und anderen Herstellern reden, sagte Jobs.

Ehre

Damit wäre Apple dort, wo die Handywelt bereits vor sieben Jahre war. Handys erhielten auf der Vorderseite eine zweite Kamera, und Videoanrufe wurden als "Killer App" einer neuen Technologie namens UMTS beworben. In Österreich matchten sich 2003 A1 und 3 um die Ehre, als Erster Videocalls anzubieten.

Bildtelefonie, Grundausstattung aller Science-Fiction-Filme, ist also seit langem verwirklicht. Ein Check zeigt, dass z. B. Orange für Videocalls in seinem eigenen Netz 50 Cent pro Minute verlangt, 80 Cent in andere Netze. Nokias jüngster iPhone-Konkurrent N97 bietet zu jeder Telefonnummer im Adressbuch auch einen Videoanruf an, und das nicht nur zu anderen Nokia-Handys, sondern allen 3G-Handys mit Videofunktion.

Der größte Flop

Nur in der Praxis war die gehypte Videotelefonie der größte Flop des Mobilfunks. Offenbar ist das Bedürfnis, dem Gegenüber beim Telefonat in die Augen blicken zu wollen, selbst bei Verliebten enden wollend. Nokias Mann für Visionen, Anssi Vanjoki, propagierte nach dem Misserfolg von Videocalls eine Art zweite Version, nämlich beim Anrufen nicht sich selbst ins Bild zu setzen, sondern die Dinge, die man gerade sieht. Auch das: ein Flop.

Steve Jobs muss also entweder viel Humor haben, eine bereits grandios durchgefallene Technologie als Neuerfindung verkaufen zu wollen, oder anderes im Schild führen als "FaceTime" von iPhone zu iPhone. Mit neuen Standards täuscht Apple nur darüber hinweg, dass Videotelefonie ein alter Hut ist. Natürlich hat sich die Technik in zehn Jahren weiterentwickelt; aber das Videohandy scheiterte am sozialen Desinteresse.

Skype

Die soziale Adaption mag sich in diesen Jahren ein wenig verbessert haben: Mit Skype hat sich Videochat verbreitet, internetfähige TV-Geräte bringen Skype ins Wohnzimmer. Videokonferenzen sind zwar ein Minderheitenprogramm, aber profilierte Telepresence-Angebote von Cisco und Hewlett-Packard haben das Interesse erhöht. Die Youtube-Generation hat für Video noch andere Verwendung gefunden als Anrufe von Angesicht zu Angesicht: Videobotschaften, bei denen man sich abfilmt.

Kritik

Wahrscheinlich sieht Apple diesen Trend und macht darum seine mobilen Geräte videofähig, zuerst iPhone und iPod Touch, schließlich das iPad, wo das Fehlen einer Kamera von Anfang an bekrittelt wurde. Kann sein, dass Jobs einmal mehr den richtigen Instinkt hat, einer übergebliebenen Technologie zum Durchbruch zu verhelfen. Aber als Anruf von Handy zu Handy: Da müsste sich bei Apple künftig schon der Chef selbst ins Callcenter setzen. (helmut.spudich@derStandard.at, Kolumne Persnal Tools, DER STANDARD Printausgabe)

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