Amputation müsste häufig nicht sein

10. Juni 2010, 11:43
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Ärzte und Patienten verschenken Präventionspotenziale - Kleinste Verletzungen in der Haut von Diabetikern werden oft zu wenig beachtet

Madrid - Diabetes mellitus betrifft in den Industrieländern bereits fast jeden zehnten Menschen. Rund zehn Prozent der Betroffenen entwickeln den „diabetischen Fuß". Was früher beinahe zwangsläufig mit einer Amputation der Zehen, des Fußes oder gar des kompletten Unterschenkels einher ging, könnte heute vielfach vermieden werden.

„Leider hat sich auch unter Ärzten noch nicht ausreichend herumgesprochen, dass wir heute gute Chancen haben, diesen Schritt zu verhindern oder ihn zumindest auf kleinere Bereiche des Fußes zu beschränken und um viele Jahre hinauszuzögern," kritisierte Marino Delmi, (Clinique des Grangettes, Genf), Mitglied des wissenschaftlichen Rates für Fuß- und Knöchelbehandlung der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) auf dem Jahreskongress der EFORT in Madrid. „Nur etwa 16 Prozent aller Risikopatienten folgen der Empfehlung, ihre Füße täglich zu kontrollieren, und lediglich 20 Prozent bis 30 Prozent aller Ärzte untersuchen die Füße von Diabetikern nach den Regeln ärztlicher Kunst bei jeder Konsultation".

Besonders dramatisch ist dieses Defizit vor dem Hintergrund weltweiter epidemiologischer Daten. „Die globale Prävalenz von Diabetes hat ihren Gipfel noch nicht erreicht", warnte  Jan Apelqvist (Malmö, Schweden). „Vor allem in den Entwicklungsländern werden wir in den nächsten 20 Jahren einen dramatischen Anstieg erleben."

Prävention und Therapie des „diabetischen Fußes" nahmen daher auf dem Europäischen Orthopädenkongress in der spanischen Hauptstadt breiten Raum ein. Anfang Juni waren hier rund 7.500 Experten aus allen Kontinenten versammelt, um neue Entwicklungen aus allen Gebieten der Orthopädie und Traumatologie zu diskutierten. 

Fehlendes Ärztewissen

„Um betroffenen Patienten Behinderungen überhaupt oder zumindest möglichst lange zu ersparen, müssen die behandelnden Ärzte unterschiedlicher Disziplinen enger zusammenarbeiten als dies häufig geschieht", fordert Delmi. „Außerdem müssen orthopädische Chirurgen neue technische Entwicklungen ebenso zur Kenntnis nehmen wie die Besonderheiten, die bei einem Eingriff an Diabetikern im Gegensatz zu einem ähnlichen Eingriff etwa bei einem nicht-diabetischen Unfallopfer zu beachten sind." Moderne Implantate würden es heute erlauben, auch Füße zu erhalten, die früher hätten amputiert werden müssen. Delmi: „Dazu nötig sind jedoch spezielle Produkte, die wesentlich fester konstruiert sind als jene für Nicht-Diabetiker. Überdies muss beachtet werden, dass die Einheilung des Implantats und die Wundheilung bei Zuckerkranken wesentlich länger dauern und die Infektionsgefahr um ein Vielfaches höher ist. Diabetische Patienten müssen postoperativ daher bis zu 12 Monate beobachtet werden". 

Zu Operationen müsste es vielfach aber gar nicht kommen, wenn jede Verletzung bemerkt und behandelt werden würde. Marino Delmi: „Ich appelliere an die Diabetiker selbst, ihre Füße täglich zu kontrollieren und jeden kleinsten Riss in der Haut, jede Schwellung oder Rötung behandeln zu lassen. Und ich appelliere an alle involvierten Ärzte, die Füße ihrer diabetischen Patienten bei jeder Konsultation von sich aus zu begutachten. Nur so kann Amputationen und dauernder Invalidität optimal vorgebeugt werden."

Integrierter Versorgungsansatz

Die Ausgaben für derartige Vorsorgemaßnahmen, die eine Behandlung schon im Frühstadium etwa einer Geschwürbildung ermöglichen, machen sich volkswirtschaftlich in jedem Fall bezahlt, so Jan Apelqvist. „Ein zu spät erkanntes Geschwür verursacht enorme Behandlungs- und Betreuungskosten. Die Rückfallwahrscheinlichkeit innerhalb von drei Jahren nach dem Erstgeschwür liegt bei 50 Prozent. Ein integrierter Versorgungsansatz mit häufigen Screenings und Schulungen für Risiko-Patienten kostet hingegen wenig und eröffnet ein beträchtliches Sparpotenzial für das Gesundheitssystem." (red)

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    Die tägliche Fußkontrolle ist für Diabetiker ein Muss.

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