Am Nil-Ufer blühen Neurosen

10. Juni 2010, 07:34
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Die Festwochen-Premiere von Euripides' "Helena" geriet in der Wiener Burg zur Enttäuschung: Die Modernität des Textes wurde an Aufsagetheater verschenkt

Wien - Es gibt schwer wiegende Gründe, die Tragödie Helena des Euripides (uraufgeführt 412 vor Christi Geburt) nicht zu spielen. Das Stück erzählt den Troja-Krieg neu: Helena (Birgit Minichmayr), deretwegen die Griechen Troja zerstört haben, ist an den Ufern des Nils gestrandet. Paris, der sie verführt haben soll, saß einer List der Göttin Hera auf.

Diese entführte die antike Schönheit nach Ägypten, während sie den unmittelbar Betroffenen, voran Paris und Menelaos, ein Luft- und Trugbild vorgaukelte. Die Pointe des Euripides ist nicht so sehr augenzwinkernd als niederschmetternd: Die Blüte der hellenischen Jugend fiel einem Jux der Götter zum Opfer. Hingegen fragt sich der Festwochen-Gast des Wiener Burgtheaters mit wachsender Verzweiflung, welchen Narren Luc Bondy an dem Stück gefressen haben könnte.

Den Meisterregisseur dürfte die Titelheldin interessiert haben: Wiederum zeigt Birgit Minichmayr - an deren Verklärung als einschmeichelndem Raubtier so etwas wie ein nationales Interesse besteht -, warum man mit ihr besser nicht die Klinge kreuzen sollte. Minichmayr gibt die Jahrgangsbeste eines feministischen Studierzirkels: Die Bühne (Karl-Ernst Herrmann) wird von einem nach vorn kippenden Blechkanal in zwei Sphären getrennt.

Auf der linken Hand wachsen die Waben eines Bibliotheksregals in die Höhe: Die charmanten Mitglieder des Chors studieren mit heißem Bemühen die Schriften der Alten. Immerhin sind seit Trojas beklagenswertem Fall sieben Jahre verstrichen.

Auf der rechten Seite sieht man kahlen Wüstenboden, dessen Tristesse von Granulatkörnern gelindert wird. Helena (Minichmayr) selbst hockt die meiste Zeit über einem Zisternenloch, in dem beide Landschaften zusammenfinden. Die Spartanerkönigin, die sich aufgrund ihrer unverbrüchlichen Treue zu Menelaos (Ernst Stötzner) ehehygienisch auf der sicheren Seite weiß, genießt Asylrecht: Zu ihren oft und gerne entblößten Füßen befindet sich das Grabmal des Königs Proteus.

Ihn muss man sich, klassisch gesprochen, als einen fernen Verwandten des Königs Thoas vorstellen: Er fungiert noch posthum als nobler Quartiergeber für ein hochrangiges weibliches Mitglied der spartanischen Königsfamilie. Helena aber, die an die Ufer des Nils Gespülte, wälzt den Jammer dieser Welt: Ein Bote (Dietmar König) berichtet vom Desaster der heimreisenden Griechen und gibt den Gemahl als tot aus.

Bondy verlässt sich, um eine Plattitüde zu bemühen, auf seine Schauspieler. Peter Handkes zuweilen pfiffige Neuübersetzung einer alten Scharteke hält sich den redseligen Text mit einiger Ironie vom Leib. Mit wachsender Ernüchterung gewahrt man ein Aufsagetheater, das des Euripides skandalös moderne Psychologie (dieser Autor ist ein genialer Parteigänger der Frauen!) zur geschwätzigen Konversationstragödie herabwürdigt.

Es gibt Momente einer viel zu selten aufblitzenden Ingeniosität. Der Prachtgemahl (Ernst Stötzner) landet als Schiffbrüchiger auf dem ägyptischen Kliff: ein müder, versehrter, viel zu rechtschaffener Krieger, rostig und geheimnislos. Minichmayr dominiert das Geschehen: Sie spielt mit den Behauptungen des Textes und bringt damit die armen Ägypter, voran den schmierigen, nach ihrem Leib gierenden König Theoklymenos (eine Karikatur: Johann Adam Oest), schier um den Verstand.

In Helena klopft die alte Tragödie bereits an die Tapetentür der bürgerlichen Ehekomödie. Ihr wurde leider nicht aufgetan. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2010)

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    Der angetraute Mann taucht auf (Ernst Stötzner, li.), Helena (Birgit Minichmayr) muss sich aber ihres Quartiergebers erwehren (Johann Adam Oest).

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