"Ölkatastrophe ist Tschernobyl von BP"

9. Juni 2010, 20:24
8 Postings

Kommunikationsprofi: Die beste Krisen-PR ist zum Scheitern verurteilt - Greenpeace fordert Tiefseebohrungen ganz zu verbieten

 Wien/Washington - Sieben Wochen nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon und Millionen Tonnen ausgetretenen Rohöls rutscht der verantwortliche Ölkonzern BP immer tiefer ins Schlamassel. Nach Angaben von US-Regierungsstellen saugt BP inzwischen mittels einer über dem Leck angebrachten Glocke mehr Öl auf, als in dem dafür abgestellten Schiff Platz hat - ein weiteres Glied in einer langen Pannenserie.

Image-Super-GAU

Die Folgen des Vorgehens von BP und der zur Eindämmung des Imageschadens beigezogenen Agenturen zeigen nun auch auf, wo Krisenkommunikation an ihre Grenzen stößt. "Das ist kein GAU (größter anzunehmender Unfall; Anm.), das ist ein Super-GAU. So etwas lässt sich nicht mehr einfangen", sagte Kommunikationsprofi Christoph Bruckner im Gespräch mit dem Standard.

Kommunikation sei schon egal

Neben dem Faktum, dass die von BP geleaste Ölplattform explodiert ist und Unmengen an Öl ausgetreten sind, seien noch eine Reihe anderer Pannen passiert - etwa, dass nicht offen kommuniziert wurde und dass BP offenbar wider besseres Wissen falsche oder zumindest irreführende Angaben gemacht hat. Im Grunde sei das aber auch schon egal. Bruckner: "Selbst wenn kommunikationstechnisch alles hundertprozentig richtig gemacht worden wäre, es hätte kaum etwas genützt."

Dimension von Bhopal oder Tschernobyl

Bruckner, früher Präsident des Public-Relations-Verbands Österreich und jetzt Geschäftsführer der Agentur Milestones in Communication, vergleicht die aktuelle Katastrophe mit Ereignissen, die - obwohl vor Jahrzehnten geschehen - bei vielen Menschen noch immer Erinnerungen wachrufen: "Die Katastrophe im Golf von Mexiko liegt in der Dimension von Bhopal (am 3. Dezember 1984 traten in einem Werk des US-Chemiekonzerns Union Carbide im indischen Bhopal mehrere Tonnen giftiger Stoffe aus; Anm.) oder Tschernobyl (Kernschmelze im AKW Tschernobyl 1986; Anm.)."

Ölkatastrophe färbt auf gesamte Mineralölbranche ab

Die Ölkatastrophe färbe nicht nur auf BP negativ ab, sondern auf die gesamte Mineralölbranche. BP habe null Spielraum. Bruckner: "Die müssen zuerst das Problem lösen und dann ganz neu beginnen." Nachsatz: "Sofern sie das finanziell überleben."

USA will Bohr-Auflagen verschärfen

Die US-Regierung will aufgrund des Vorfalls die Auflagen für Offshore Drilling (Tiefseebohrungen) nun deutlich verschärfen. Präsident Barack Obama will Anfang nächster Woche erneut die Krisenregion besuchen.

Greenpeace will Tiefseebohrungen ganz verbieten

Für die Umweltorganisation Greenpeace reicht das nicht. "Tiefseebohrungen müssen verboten werden", sagte Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace Österreich. "Mineralölfirmen müssen außerdem für Schäden, die sie anrichten, unlimitiert haften. Nur so ist gewährleistet, dass sich ein Umweltdesaster in ähnlicher Form nicht wiederholt."

Geldzusagen sei nicht zu trauen

Greenpeace schlägt vor, dass BP noch zu definierende Geldbeträge auf ein treuhändisch verwaltetes Konto legt. Den verbalen Zusagen, für alle Kosten aufzukommen, sei nämlich nicht recht zu trauen. "Andernfalls sollen Konsumenten weltweit eine Antwort darauf geben", sagte Egit, ohne das Wort Boykott in den Mund zu nehmen. (Günther Strobl, DER STANDARD Printausgabe 10.6.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Zorn der Bevölkerung auf BP steigt. Allenthalben wird, wie im konkreten Fall bei einer Tankstelle in Los Angeles, zu einem Boykott des Mineralölkonzerns aufgerufen

Share if you care.