Oscar Wilde für die Generation Britney Spears

9. Juni 2010, 19:24

"Das Bildnis des Dorian Gray" ist ein schöner Anblick und dennoch zum Gruseln

Wien - "Ist das aber zeitgemäß!", sollen die Kinobesucher wohl denken, wenn sie aus Oliver Parkers Verfilmung von "Das Bildnis des Dorian Gray", dem einzigen Roman Oscar Wildes, taumeln. Tatsächlich ist die Geschichte des immerschönen Jünglings, auf dessen Antlitz das sündenpralle Leben keinerlei Spuren hinterlässt, wohingegen sein Bildnis stellvertretend altert, derart zeitlos, dass jede Generation die Adaption bekommt, die sie verdient. Während beispielsweise in Albert Lewins Verfilmung von 1945 auch die Kriegsgräuel Dorians Porträt zeichneten, spielte Helmut Berger 1970 in Massimo Dallamanos Version einen grausamen Jetsetter der später 60er-Jahre.

Anno 2010 will man offensichtlich die jugendlichen Fans der "Twilight"-Vampirschnulzen ansprechen. Gruselige Nebelschwaden durchziehen das London der Jahrhundertwende, während das noch unschuldige Landei Dorian durch das kürzlich geerbte Haus seines Großvaters geistert. Später wird ihm der ihn verehrende Maler Basil sein berühmtes Porträt überreichen; und er wird auf seinen künftigen Mentor Lord Henry Wotton treffen, der ihn mit Zigaretten und mit immer saubereren Prostituierten für einen zügellosen Lebensstil gewinnt. Viele Jahre und zwei Teenie-Romanzen (dem ewig Jungen sind diese praktischerweise auch im höheren Alter möglich) später kommt aber freilich das grausame Ende.

Den aktuellen Dorian, Ben Barnes, kennt man eventuell als Prinz Caspian aus den "Chroniken von Narnia" - und auch hier wirkt er wie frisch von der Prinzenrolle gecastet. Schön ist er freilich, nur mit dem Schauspielen tut er sich leider etwas schwer, sodass seine Darstellung ebenso konturlos bleibt wie der ganze Film. Colin Firth hat da als diabolischer Lord Wotton schon mehr Präsenz, und auch Ben Chaplin fällt in der Rolle des mahnenden Basil nicht weiter negativ auf.

Was hingegen auf Unverständnis stoßen muss, sind die Änderungen, die Oliver Parker, der Wilde-erfahrene Regisseur ("Ein perfekter Ehemann", "Ernst sein ist alles"), gegenüber dem Roman vorgenommen hat. So erlischt Dorians Liebe zu der Schauspielerin Sibyl in der Buchvorlage, als er erkennen muss, dass sie mit den glamourösen Frauen, die sie auf der Bühne darstellt, nicht ident ist. In Parkers Film ist es Sibyls Kinderwunsch, der die Beziehung scheitern lässt.

So wurde aus Wildes bissigem Werk eine angedeutete Läuterungsgeschichte, garniert mit softer Erotik und - wenn das verhängte Gemälde plötzlich stöhnt und Maden absondert - eher peinlichen Gruseleinlagen. Aalglatt und tief konservativ präsentiert sich Dorian Gray 2010 und passt damit perfekt in die Nachmittagsschiene von MTV und Konsorten. Ein spannender Film sieht leider anders aus. Und die Frage, ob die Ähnlichkeit des heutigen Dorian Gray mit Karl-Heinz Grasser Zufall sind, wird auch nur österreichische Kinogeher beschäftigen. (Dorian Waller / DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2010)

 

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21 Postings
CatEyeTGA
00
10.6.2010, 11:01

Ich oute mich jetzt einmal. Ich habe den Film bei meinem Besuch in England gesehen (Originalton wirkt viel besser als die Synchronisation) und muss zugeben, dass ich den Film nicht so schlecht fand, wie es die Kritik hier darstellt. Am meisten verwirrt hat mich nur die offensichtlich hier nicht erwähnte Abänderung Basil und Dorian betreffend, aber das kann ja jeder für sich ansehen. ;)
Den Vergleich mit unserem netten Karl-Heinz finde ich sogar ziemlich fehl am Platz. ;)

Jo eh, aber...
00
10.6.2010, 20:26
Dem kann ich nur zustimmen.

Hab den Film im April 2009 in London gesehen (und kann mich einem Vorposter von weiter unten nur anschließen: "Was, der kommt jetzt erst ins Kino?" In England gibt's die DVD schon um ein paar Pfund zu kaufen).

Der Film ist keine Offenbarung, aber sooo schlecht isser auch nicht. Colin Firth liefert eine sehr gute Leistung ab, und alles in allem wirkt er für jemanden wie mich, der das Buch genau einmal (und das vor 15 Jahren) gelesen hat, halbwegs nah an der Vorlage. Genauere Vergleiche kann ich natürlich nicht anstellen, dafür ist es schon zu lange her, seit ich es gelesen habe.

Und wenn's in den Teenies etwas Neugierde für ein berühmtes Werk der Weltliteratur weckt, was soll's.

Aber: der KHG-Vergleich ist wirklich gruslig ;)

Fritz Meyer
11
10.6.2010, 10:39
Britney... wer?


Generation Bushido wäre treffender. ;)

Fritz Meyer.

Fritz Meyer
02
10.6.2010, 12:21
Für den Bushido gibt's ein "unnötig"?


Darfst ihn gern hören. Geistig passt ihr bestimmt perfekt zusammen.

Nur zum Zugeben bist halt noch zu feige...

Fritz Meyer.

Kendall Von Tharn
00
10.6.2010, 07:37

dem rezensenten sei empfohlen, zuerst das buch zu lesen und erst dann den film zu rezensieren.

Martin Major
 
40
10.6.2010, 08:07

rofl.

man braucht das buch wirklich nicht lesen. es ist die zeit, die man dafür benötigt, nicht wert. so sehr mir viele andere werke von wilde gefallen (insbesondere seine märchen), so grausam schlecht ist dorian gray. wilde hat die potentiell gruselige geschichte in (zugegebenermaßen gekonnter aber dennoch für die geschichte unpassender) blumig-adjektivgeschwängerter kitschsprache niedergekleistert und dem leser so jeden wohligen grusel unmöglich gemacht.

und dass ein kleiner prinz kaspian, der praktisch null schauspielerfahrung hat, einen dorian gray nicht spielen kann, ist auch klar. auch für diese erkenntnis braucht man das buch nicht lesen.

Wurzelloser Kosmopolit
00
10.6.2010, 16:14

Du übertreibst, denn das Buch ist schon ein Meisterwerk, hast aber in deiner Kritik auch nicht ganz unrecht.
Dorian Gray ist zig seitenweise unglaublich langweilig, vollgestopft mit einfachen Aufzählungen und Adjektiven. Auch bei den Märchen ist das ähnlich, ich finde sie können nicht mit denen Andersens oder der Grimms mithalten.
Was ich an Dorian Gray aber klasse finde, ist der Handlungsstrang, den hat der Wilde wirklich gut durchkomponiert und das macht es auch unbedingt lesenswert.
Am gelungensten finde ich ihn aber als Aphoristiker und seine Gedichte, besonders die Ballade von Reading. Naja, jeder liest eben anders.

Martin Major
 
00
10.6.2010, 17:50

nun, wahrscheinlich bin ich mit falschen vorstellungen an das buch herangegangen. glücklicherweise habe ich es bisher nur in deutsch gelesen, also eine gute ausrede, es nochmal auf englisch zu lesen :)

James Cole
 
01
10.6.2010, 14:10
du hast es echt verstanden

einen roman in dem es um gesellschaftskritik, dandytum, hedonismus, jugendwahn, egoismus und verantwortungslosigkeit geht als langweiliges gruselheftchen zu bezeichnen.... das zeugt richtig von MUT

eleon
00
11.6.2010, 10:05

*autsch*

;)

aunty
00
10.6.2010, 13:01

ich liebe das buch.....

zum glück sind geschmäcker verschieden.

Dandyleone
01
10.6.2010, 11:43

So, wie Sie es nicht verstanden haben, hätten Sie es tatsächlich nicht zu lesen brauchen.
Das Buch ist ziemlich sicher nicht dazu gedacht, die Art von Grusel zu erzeugen, die Sie und wohl die Mehrheit der Leute davon erwarten...

hugo93850
03
10.6.2010, 08:40

na aber bitte. das bildnis des dorian gray als grausam schlecht zu bezeichnen zeugt nicht gerade davon das buch - wenn überhaupt - aufmerksam gelesen zu haben. und dann auch noch dieses gruselthema hineinzubringen...ich hab das buch bis jetzt so an die zehn mal gelesen aber das wär mir noch nicht aufgefallen. wilde ging es mit dem bildnis des dorian gray doch eher darum die englische gesellschaft zu kritisieren, sicher auch zu provozieren, seine sicht zum thema schönheit (wohlgemerkt in einem hellenistischen sinn) und natürlich seinen verspielten ästhetizismus zu pflegen.
vermutlich wollen sie jetzt irgenwelche belege für das eben geschriebene doch dafür ist mir die zeit zu schade.

Martin Major
 
00
10.6.2010, 11:32

belege sind nicht notwendig. grundsätzlich sind deine einwände ja richtig, für ein "vollständiges" "leseerlebnis" reicht mir das aber ehrlich gesagt nicht. ich finde, es ist um die verschenkte handlung mehr schade als wildes schöngeistige sticheleien wettmachen. aber thats just me, bin ja auch nur ein trivialliteraturverseuchter prolet :)

Kendall Von Tharn
00
10.6.2010, 09:46

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_... orian_Gray -> trifft es recht gut und es finden sich viele weiterführende links und literaturtipps

Violynne
03
10.6.2010, 07:01
Generation Britney Spears?

Der Autor hat sich da um gut 10 Jahre vertan.

Was den Film angeht, ich habe die Qualität schon stark bezweifelt, als die ersten Bücher mit den Filmcharakteren auf dem Cover erschienen sind. Offenbar zu Recht.

Die Nebelschwaden erinnern mich aber eher an den neuesten Sherlock Holmes film und Tim Burton. Ich weiß ja nicht, ob der Autor Twilight gesehen hat, aber düster war daran absolut gar nichts. Wir reden hier von Vampiren, die am Wochenende Baseball spielen gehen und unter der Woche grundlos in der Schule herumsitzen. Der Kleine Vampir ist düsterer.

Andreas Schmidt
10
10.6.2010, 00:49
Das Bildnis der hübschen Nina

Eine bodenlose frechheit diese geschmacklose Person mit meiner generation gleizusetzen!

Das_Essentielle
01
der kommt erst jetzt?

http://tiny.cc/t3c92

DVD Release Date: 18 Jan 2010

Jim Kirk
00
10.6.2010, 14:45

Der hätt auch gar nicht kommen brauchen. Hab ihn vor ein paar wochen im apollo in der sneak gesehen und war ob der zielgruppe des films verwundert. Mit dem Buch und der schon angesprochenen gesellschaftskritik wildes hat der film ziemlich gar nichts zu tun und das schröckliche bild hätte aus einem barbie film sein können.

Wurzelloser Kosmopolit
03
@Foto; sowie "...Aalglatt und tief konservativ..."


Das Bildnis von sich selbst, das Karl Heinz Grasser auf seinem Speicher aufbewahrt, würde ich auch mal gern sehen wollen.

Da ist möglicherweise auch schon der eine oder andere unschöne Gesichtszug darauf zu sehen.

divis
 
012
10.6.2010, 09:17
Das ist nicht auf seinem Speicher.

Das hat er geheiratet.

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