Spekulationen um Bischofsmord

9. Juni 2010, 19:11
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Zweifel an der These vom geisteskranken Einzeltäter

Wenige Tage nach der Ermordung des katholischen Bischofs Luigi Padovanese in der Türkei häufen sich Indizien, die an der Version von der Tat eines Geisteskranken zweifeln lassen. Angesichts neuer Fakten hat die katholische Agentur Asianews den Vatikan aufgefordert, seine These zu revidieren, der Mord habe keinen religiösen Hintergrund - zudem steht infrage, ob es sich tatsächlich um den Akt eines Einzeltäters handelt.

Der Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz soll am 3. Juni von seinem Fahrer Murat A. mit 20 Messerstichen getötet worden sein. Der Geistliche sei vor seinem Haus zusammengebrochen, wo der Täter weiter auf ihn eingestochen habe und versucht haben soll, ihm den Kopf abzutrennen. Dann sei der 26-Jährige aufs Hausdach gestiegen und habe gerufen: "Allah ist groß. Ich habe soeben den großen Satan umgebracht." Asianews sieht in der Bluttat Züge eines Ritualmords nach dem Vorbild islamischer Fundamentalisten. Der Auftrag dazu könne von ultranationalistischen oder anderen radikalen Gruppen stammen.

Der Erzbischof von Izmir, Ruggero Franceschini, erklärte zudem der Zeitung La Stampa, die Polizei gehe inzwischen davon aus, dass Padovanese von "mindestens zwei Personen" ermordet wurde.

Rätselhaft bleibt, warum der Bischof eine Stunde vor seiner Ermordung den Flug nach Zypern stornierte, wohin der Papst mehrere Bischöfe eingeladen hatte. A., seit vier Jahren Padonaveses Bediensteter, hatte auch ein Ticket.

Gefahr womöglich geahnt

Vatikan-Kenner Filippo di Giacomo meint, der Bischof sei sich der Gefahr bewusst gewesen, die von A. ausgehe. Padovanese habe riskiert, "selbst zum Opfer zu werden, um eine größere Tragödie, also ein Attentat auf den Papst, zu verhindern".

Vatikan-Experte Andrea Tornielli forderte die Kirchenführung auf, von der Verharmlosung des Mordes abzurücken. Für die These, wonach der Täter psychisch gestört sei, gebe es keine Belege. Er habe sich nach der Verhaftung als "depressiv" bezeichnet, um Strafminderung zu erlangen. Für Torniellis These spreche auch die jüngste Version des Verdächtigen, er habe "aus Notwehr gehandelt" - Bischof Padovanese sei homosexuell gewesen und habe versucht, ihn zu missbrauchen. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2010)

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