Schnellnahrung statt Trullala

9. Juni 2010, 19:13
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Zum Start des Nova-Rock-Festivals

Nickelsdorf - Wann genau die Sache mit der Wiederkehr des Immergleichen angefangen hat, kann 2010 niemand mehr genau datieren. Als sicher gilt, dass das Festival Nova Rock im burgenländischen Nickelsdorf irgendwann eines beschloss: Sein 100.000-köpfiges Publikum sollte zwischen drei Bühnen, ungezählten Schnellnahrungsständen, Spontan-Tattoo-Studios, Band-T-Shirt-Buden voller Textilien mit fotorealistisch airgebrushten Frauen in durch Testosteronüberschüsse verursachten Notsituationen darauf sowie überheblicher Alkoholaufnahme nicht länger durch überraschende Beschallungsattraktionen verunsichert werden.

Erkennen meint in der gut 40 Jahre alten Philosophie der Freiluft-Festivals Wiedererkennen. Dies bedeutet kognitive Kunsterfassung selbst weit jenseits der fahrtüchtigen Promillegrenze. Siehe auch: Heast, die Rammstein spielen Bück dich, a Wahnsinn, Oida! Damit positioniert man sich also in einer steinalten Kultur freizeitlicher Rezeption, die nur selten durch das möglicherweise für Überforderung und damit Frustration sorgende Element der Neuigkeit durchbrochen und infrage gestellt wird, traditionell spektakulär unspektakulär.

Und es gilt für heimische Konzertagenten in einer Zeit der Marktverengung längst nicht mehr als verpflichtend, die zur Stammkundschaft gereifte Zielgruppe für immer Mitte 20 bleibender Tunichtgute mit Affinität zum Campen, kurzen Hosen und ebensolchem Gedächtnis mit modischem Trullala zu verstören.

Wer dank eventueller Überraschungs- oder Aha-Effekte nachdenkt, konsumiert möglicherweise nicht - oder zu wenig. Der Schock des Neuen ist ein schlechter Mundschenk. Besser ist es doch, mögliche Störelemente von vornherein zu vermeiden und darauf zu setzen, dass in diesem Kulturbereich auf Open-Air-Feldern bestens bewährte Kräfte der wertkonservativen Aufsässigkeit darum bemüht sind, mit routiniert heruntergespulten Best-of-Gigs für Konsumfreude zu sorgen.

Demgemäß gibt es auch heuer kein Zögern, wenn es darum geht, sich während weniger geliebter Hits von die europäischen Rockfestivals seit Jahr und Tag abgrasenden Bands wie Rammstein, Green Day, Deichkind, Sportfreunde Stiller, Slayer, Beatsteaks oder The Prodigy mit einst dringlicher und heute verbindlicher Schonkost versorgen zu lassen. Speziell beim Nova-Rock-Festival herrscht längst eine Routine, die mitunter erschreckend wirkt.

Neben den genannten Bands werden drei Tage lang wieder andere, bezüglich ihrer Relevanz längst ausgemusterte Großraum-Rocker wie die wieder trockenen Stone Temple Pilots, Whiskey-Fass Slash von den Guns N' Roses, The Hives oder die deutschen Cowboys The Bosshoss, Dillinger Escape Plan oder Danko Jones für Einfalt im Überangebot sorgen. Für ein derart lieb- und lustlos programmiertes Festival wie Nova Rock muss man in Europa weit fahren. Der Vergleich im Internet macht uns sicher. Siehe etwa die ungleich interessanteren und oft billigeren Großveranstaltungen Sziget in Budapest, Roskilde in Dänemark oder das eine Woche nach Nova Rock in Süddeutschland ablaufende Southside.

Zwei Fremdkörper des am Freitag startenden Nova Rock geben dennoch Anlass zur Hoffnung: die burschikosen Acts Kate Nash und Joan Jett. Das sind aber auch Frauen. Vor der Bühne stehen schließlich auch welche. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2010)

 

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    Hoffnungsträgerin für Freitagabend: Kate Nash, hier im März in Berlin

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