Gemeinsame Wurzeln in der Levante

9. Juni 2010, 19:01
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Umfassende genetische Untersuchung zeigt überraschende Ähnlichkeiten jüdischer Populationen auf

London/Haifa - Sie leben auf allen Kontinenten, rund um den Globus verstreut: Weltweit sind mehr als 13 Millionen Menschen mehr oder weniger aktive Anhänger des jüdischen Glaubens und der damit verbundenen Kultur. Die meisten von ihnen fühlen sich zusammengehörig, über nationale Grenzen hinweg, geeint durch eine dreitausend Jahre alte Tradition. Doch gibt es tatsächlich auch genetisch so etwas wie ein "jüdisches Volk" ?

Laut der neuesten Studie zu dem Thema könnte die Antwort "ja" lauten. Ein internationales Forscherteam hat die DNA-Struktur von insgesamt 121 Angehörigen 14 jüdischer Diaspora-Gemeinden und 1166 Menschen aus nichtjüdischen Volksgruppen analysiert und verglichen. Dabei kamen mehrere interessante Unterschiede, aber auch einige überraschende Ähnlichkeiten ans Licht.

So entdeckten die Wissenschafter unter anderem, dass die DNA-Proben der allermeisten jüdischen Studienteilnehmer fast identisch waren mit denen von Zyprioten und Drusen, einer 1000 Jahre alte, aus dem Islam hervorgegangene Glaubensgruppe, die im Nahen Osten beheimatet ist. "Sie und die Juden haben offenbar eine gemeinsame Abstammung im östlichen Mittelmeerraum" , erklärt Doron Behar, Genetiker am Rambam Health Care Campus im israelischen Haifa und Erstautor der neuen Studie.

Zwischen Juden und Palästinensern sowie anderen arabischen Volksgruppen wiederum sind die Ähnlichkeiten meist nicht so groß. Erwartungsgemäß zeigten sich hier Hinweise auf eine gemeinsame Verwandtschaft am ehesten bei Vertretern jüdischer Gemeinschaften, die traditionell schon seit vielen Jahrhunderten im Mittleren Osten heimisch sind, aber auch bei solchen, die im Kaukasus-Gebiet leben.

Insgesamt jedoch erweist sich das Genom von Juden aus vielerlei Ländern als verblüffend homogen - egal, ob es sich bei ihnen um osteuropäische Aschkenasim, türkische Sephardim oder marokkanische Juden handelt. Sie alle haben dieselben Wurzeln, und die liegen an der östlichen Mittelmeerküste, also an der Levante.

Es gibt allerdings auch ein paar deutliche Ausnahmen, wie die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature" schreiben. Jemenitische Juden zum Beispiel sind genetisch eng verwandt mit Arabern, nicht so sehr aber mit ihren Glaubensbrüdern in der Levante und Europa. Praktisch dasselbe gilt für äthiopische Juden. Sie weisen viel mehr Ähnlichkeit mit ihren nichtjüdischen Nachbarn auf.

Besonders faszinierend ist der Fall der jüdischen Bene-Israel-Gemeinschaft in der indischen Metropole Mumbai. Auch ihre Angehörigen sind genetisch sehr stark "indisch" geprägt. Bestimmte Merkmale auf dem Y-Chromosom der dortigen jüdischen Männer stammen allerdings aus dem östlichen Mittelmeerraum.

Der deutliche genetische Einfluss der ursprünglichen Bevölkerungsgruppen in den jemenitischen, äthiopischen und indischen jüdischen Gemeinden geht wahrscheinlich auf eine relativ hohe Zahl an Menschen, die in diesen Regionen zum Judentum konvertierten, zurück, meint Doron Behar. "Das ist Kulturfluss, kein Genfluss." (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 6. 2010) 

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    Trotz Diaspora weisen jüdische Menschen rund um den Globus viele genetische Gemeinsamkeiten auf.

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