Ein Hauch von Lehman umweht die Bankenwelt

9. Juni 2010, 17:29
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Die Zinsen an den Geldmärkten steigen ebenso rapide wie Einlagen bei der Zentralbank. Deutsche Bundesanleihen und Franken sind gefragt wie nie

Die Euro-Schuldenkrise zerrüttet das Vertrauen der Banken, die Zinsen an den Geldmärkten steigen ebenso rapide wie Einlagen bei der Zentralbank. Deutsche Bundesanleihen und Franken sind gefragt wie nie.

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Frankfurt/Wien - Wer glaubte, die EU würde mit Griechenland- und Euro-Schutzschild die Turbulenzen an den Märkten mindern, der irrte. Das Gegenteil ist der Fall:Gleich mehrere Indikatoren zeigen, dass die Verunsicherung groß ist und Banken und Anleger einen großen Bogen um potenzielle Risiken machen. Ein Hauch von Lehman umweht die Banken.

Die Banken bunkern liquide Mittel lieber bei der Europäischen Zentralbank, anstatt es via Geldmarkt zu verleihen. In Frankfurt lagerten daher am Mittwoch 364,6 Mrd. Euro - ein absoluter Rekordwert. Die Spannungen lassen sich auch an den Geldmarktzinsen für kurzfristige Ausleihungen ablesen. Mit 0,715 Prozent erreicht der Satz für Dreimonatsgeld in Euro den höchsten Wert seit Dezember. Die Situation ist de facto aber noch kritischer als das Zinsniveau vermuten lässt, weil es sich dabei um Durchschnittswerte handelt. Viele Banken müssen weit tiefer in die Tasche greifen.

Andere werden am Markt gänzlich gemieden. Laut einem Bericht von Cinco Días werden spanische Sparkassen geschnitten. Der Sektor leidet unter wackelnden Immobilienkrediten, die Cajasur musste bereits aufgefangen werden. Auch die Sparkasse Madrid hat Staatshilfe beantragt und drängt auf eine Konsolidierung des Sektors. Das Unterfangen wird die öffentliche Hand laut Analystenschätzungen rund 50Mrd. Euro kosten und trägt nicht gerade zur Stärkung des Vertrauens in den Staat bei.

In diesem Umfeld wird mit Spannung die für Donnersta, angekündigte Emission spanischer Staatsanleihen erwartet. Madrid wagt sich erstmals seit der Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Fitch an den Kapitalmarkt. Die Zinsen für die Geldaufnahme des angeschlagenen Landes sind trotz des Euro-Fangnetzes und des Kaufs von Staatsanleihen durch die EZBzuletzt wieder deutlich gestiegen und liegen sogar über dem Niveau vor Ankündigung der Maßnahmen. Auch Italien, Portugal und Griechenland sind mit steigenden Zinsen konfrontiert. Investoren wüssten nicht, ob und in welchem Umfang die europäischen Institutionen Anleihen welcher Länder stützten, sagte ein Marktteilnehmer.

Die Situation dürfte sich nicht so rasch entspannen:Am 1. Juli läuft die vor einem Jahr von der EZBgewährte Krisenfinanzierung aus, die Banken müssen dann 440 Mrd. Euro zurückzahlen. Dabei bekommen sie auch "tonnenweise Sicherheiten zurück" , wie HypoVereinsbank-Stratege Kornelius Purps dem Handelsblatt sagte. Diese Sicherheiten - insbesondere Staatsanleihen angeschlagener Länder - haben zwischenzeitlich deutlich an Wert verloren.

Die Kehrseite diese Entwicklung:Die Investoren legen in sicheren Häfen an, was sich ebenfalls in der Marktentwicklung niederschlägt. Die Kurse deutscher Bundesanleihen steigen stetig, die Zinsen sind im Gegenzug auf ein Rekordtief gefallen. Damit hat sich auch der Renditeabstand zu österreichischen Staatsanleihen wieder deutlich erhöht.

Die Schweizer Währung erreichte mit 1,38 Franken zum Euro ein Allzeithoch. Gold - ebenfalls eine "Fluchtwährung" - hatte erst am Dienstag einen neuen Rekordwert erreicht. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2010)

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