Lesungen gegen Law-and-Order-Spießertum

9. Juni 2010, 14:43
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Ilija Trojanow und Martin Balluch sorgten für großes Besucherinteresse

Wien - Beträchtlich war der Besucherandrang am Dienstagabend im Literaturhaus Wien, wo der Schriftsteller Ilija Trojanow und der Tierschutzaktivist Martin Balluch über die von ihnen konstatierte Zunahme staatlicher Überwachung und Repression sprachen.

Zunächst las Marius Gabriel Passagen aus den Büchern von Trojanow ("Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte", gemeinsam mit Juli Zeh) und Balluch ("Widerstand in der Demokratie. Ziviler Ungehorsam und konfrontative Kampagnen"). "Jeden Morgen rufen Sie Ihre privaten E-Mails ab. Die sind schon überprüft worden", heißt es bei Trojanow, der ein Sophokles-Zitat als Motto gewählt hat ("Wenn wir Angst haben, raschelt es überall").

Und einem fiktiven Vertreter der Staatsmacht legt er die Worte in den Mund: "Das Grundgesetz sagt schon, alle Gewalt geht vom Volke aus. Und Gewalt gilt es einzudämmen." Auch Balluchs Diagnose sieht die Gesellschaft am Scheideweg und Orwells "1984"-Visionen in vielerlei Hinsicht verwirklicht.

Im Gespräch wurden beide konkreter. Der in Wien lebende gebürtige Bulgare Trojanow ("Ich hatte das dubiose Vergnügen, die in der verwanzten Wohnung meiner Eltern abgehörten Gespräche nachzulesen") ortet einen Trend zur postdemokratischen Gesellschaft: "Der Staat will - gleichsam als Kompensation - wieder die Kontrolle gewinnen, die er auf wirtschaftlichem Gebiet verloren hat."

Law-and-Order-Spießertum greife um sich, und die Nachkriegslosung "Nie wieder" sei seit 9/11 nichts mehr wert: "Wir hätten darauf vorbereitet sein müssen". Die da meinten, gar so schlimm sei es doch noch nicht, seien "Idioten oder Arschlecker", so Trojanow drastisch.

Balluch steht derzeit in Wiener Neustadt im sogenannten Tierschützer-Prozess als Hauptangeklagter vor Gericht. Der Obmann des Vereins gegen Tierfabriken bezeichnete den Prozess als "absurdes Theater", das Verfahren sei mit Skurrilitäten gespickt. Der ursprünglich gegen organisierte Mafia-Kriminalität geschaffene Paragraf werde nun gegen Tier- und Menschenrechtsaktivisten angewandt. In 90 Prozent der Ermittlungsakten werde ihm die Einsicht verweigert, so Balluch, konkrete Vorwürfe und Beweise lägen nicht vor, doch die Unschuldsvermutung erscheine abgeschafft.

2008 wurden laut Balluch 267 Personen aus der Tierschutzszene staatspolizeilich überwacht, allein zwischen Oktober und Dezember 2009 sei er 35 Mal von der Polizei aufgesucht worden ("Die wollten nur wissen, ob ich da bin"), Mails wurden gespeichert, Telefonate abgehört. Empörte Zuhörerstimme aus dem Auditorium: "Das hat Bananenstaat-Methode". (APA)

 

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