Gastbeitrag

Der Werberat als öffentliches Ärgernis

9. Juni 2010, 14:38

Werbung muss sich an Gesetze halten, nicht an Gremien: Niko Alm von Super-Fi über den Zidaneschen Werbekopfstoß von bet-at-home

Der Zidanesche Werbekopfstoß von bet-at-home, im Replay ausgeführt von gantnerundenzi spült den Werberat wieder einmal, in halbjährlicher Regelmäßigkeit, an die Oberfläche der Fachmedien.

Der folgende Beitrag ist keine Verteidigungsrede für diese Kampagne, sondern Anlassfall um die Notwendigkeit, Legitimation bzw. die öffentliche Rolle eines Werberates zu hinterfragen.

Der Werberat agiert als Schiedsgericht (Selbstdefinition): Eingebrachte Beschwerden werden behandelt, dann erfolgt eine Entscheidung über die ethische Zulässigkeit und der Werberat spricht als Ethikkommission gegebenenfalls eine Empfehlung aus, z. B. eine "Aufforderung zum sofortigen Stopp", wie im Fall von gantnerundenzi/bet-at-home. Für orientierungslose Werber und Medien wird ein Leuchtfeuer abgebrannt auf dass ein gedeihliches Zusammenleben weiterhin möglich ist.

Das klingt doch alles sehr vernünftig.

Aber trotz bester Absichten trägt der Werberat durch seine Existenz und sein Wirken zur "Infantilisierung einer demokratischen Öffentlichkeit" bei, wie es Frank Berberich einem in einem Interview (brand eins 05/2010) in Bezug auf die Zensurpraktiken politischer Korrektheit formuliert hat.

Der Kern dieser Kritik liegt in der Verlagerung für die Verantwortung ethischen Handelns weg von den Akteuren zu einer primär unbeteiligten Instanz. Dieses denkbequeme Abschieben der Verantwortung ist gleichermaßen nachvollziehbar wie problematisch, was ich anhand folgender Punkte aufzeigen will:

1. Die Hauptverantwortung liegt bei Kunden und Agenturen

Wie weit darf Werbung provozieren bzw. wie darf ich erwarten, dass Satire als Provokation empfunden wird? Diese Frage haben im Verlauf der Kreation einige Personen zu stellen. Zunächst einmal dürfen wir davon ausgehen, dass Kunden und beratende Agentur hier selbst einen großen Teil gewagter Ideen ausfiltern. Dennoch werden immer wieder Arbeitsergebnisse publiziert, die entweder infolge euphorischer Scheuklappen, Schlamperei, vorsätzlicher Provokation (nicht per se abzulehnen) oder schlichter Dummheit auf den Markt kommen.

2. Medien können diese Werbemittel ablehnen

An diesem Punkt versagt die freiwillige Selbstkontrolle in der Regel am öftesten. Der (legitimerweise) provisionsgetriebene Anzeigenverkauf kontrolliert die einlangenden Sujets nicht, sondern freut sich über den Umsatz. Wenn etwas heikel sein sollte, meldet sich ja der Werberat. Aber dann ist die Kampagne längst in freier Wildbahn und die Rechnung gestellt. Sollten Medien schon aus eigenem Interesse nicht auch selbst dafür Sorge tragen mit welchen werblichen Inhalten sie billigend in Zusammenhang gebracht werden wollen? (Anm. d. A. Ich habe noch kein FPÖ-Inserat im Standard gesehen.)

3. Die Rolle der Konsumenten

Müssen Konsumenten (mittels Werberat) vor bedenklicher Werbung geschützt werden? Bei erwachsenen Menschen stellt sich diese Frage hoffentlich nicht. Das weiß auch der Werberat, weshalb dann immer wieder Kinder als Schutzschild in der Argumentation hochgefahren werden. (Übrigens hängt die Gewista, als unterstützendes Medium des Werberats, in Wien gerade flächendeckend Plakate für ein Bordell in der Juchgasse aus.) Wenn es hier um Kinder geht, dann sollten eher flächendeckende Mechanismen zur kindgerechten Zensur von Werbung eingezogen werden. Dann reichen punktuelle Beschwerden nicht aus.

4. Der Werberat kratzt an der Oberfläche

Denn der größte Teil der werblichen Kommunikation wird in absehbarer Zeit vollkommen am Radar der kritischen Beschwerdeführer vorbeilaufen. Moderne Methoden (Word of Mouth, Buzz Marketing, Social Media) passieren sowohl klassische Medien als auch Werberat ungesehen. Ist es nicht kontraproduktiv an der Spitze des Eisbergs zu streiten, wenn damit der Löwenteil der Kommunikation zugedeckt wird?

Abgesehen davon fühlt sich der Werberat für manche Formen der Werbung ganz einfach nicht zuständig. Wer auch immer Beschwerde beim Werberat gegen politische oder religiöse Werbung beim Werberat einlegt, wird mit Nichtzuständigkeit abgeschmettert. Das steht im Widerspruch zur behaupteten Schutzfunktion.

5. Ausschluss der Öffentlichkeit

Nach eigener Aussage arbeitet der Werberat auf informellem Wege Beschwerden "professionell und ohne Aufsehen" auf (Peter Drössler in einem Kommentar auf super-fi.eu). Das mag in der Praxis gut funktionieren, doch einem demokratischen Diskurs ist das nicht zuträglich. Dieser hat öffentlich stattzufinden, denn nur so kann es zu einem breiten Konsens über ethisch richtiges Werbeverhalten kommen. 

6. Ist der Werberat besser befähigt ethische Urteile zu fällen, als das eine kritische, aufgeklärte Öffentlichkeit tun kann?

Nein.

Werbung muss im Rahmen bestehender Gesetze agieren. Werden diese Gesetze nicht übertreten (Ehrabschneidung, Verhetzung, usw.) darf die Zulässigkeit der Kommunikation, die Meinungsfreiheit durch kein Gremium beschnitten werden. Die ethische Vertretbarkeit ist unter den Akteuren am Markt (Konsumenten, Werbetreibende, Agenturen, Medien) auszuhandeln.
Die mediale Positionierung des Werberats als Weisenrat ist 1.0 und überholt. Der Kodex des Werberats ist kein heiliges Buch und sein ehrliches Bemühen faire Empfehlungen auszusprechen in letzter Konsequenz leider auch nur geschmäcklerisch. Seine Entscheidungen sind Urteile einer nicht-repräsentativen Elite.

Uns stehen alle Möglichkeiten offen, Diskussion über die Grenzen der Werbung mit allen Marktteilnehmern zu führen.

Eine kleine weiterführende Diskussion zwischen Peter Drössler und mir auf unserem Blog. (Niko Alm/derStandard.at, 9.6.2010)

Zur Person:

Niko Alm (1975) studierte Kommunikationswissenschaften und gründete 2001 die Agentur Super-Fi, wo er als Geschäftsführer fungiert. Die Schwerpunkte der Agentur liegen in den Bereichen Social Media, Mobilfunk und Jugendmarketing.

Links
www.alm.at
www.super-fi.eu

Zum Thema
Werberat pfeift ein Kopffoul

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
ich aber aber
00
12.7.2010, 22:53
und täglich grüßt der almelydoodelywhat???

postypostman
00
30.6.2010, 22:34
wie lange lungert dieser spatzenpostartikel noch hier herum

TonyPolar
00
23.6.2010, 22:53
sind die blauen augerln gephotoshopt?

..weil das wär wirklich ein bisschen peinlich.

Linek Karl
 
00
27.6.2010, 15:51

Nein. Ich kenne ihn persönlich.

Aber die grau melierten Haare wurden außerhalb des Bildes versteckt.

postypostman
00
16.6.2010, 20:52
23 skidoo
02
15.6.2010, 08:16
hallo nico, ich bin's, GOTT...

und ich hab den werberat installiert, damit meine kleinen schäflein durch euch gierigen reissbrettwölfe nicht noch mehr zugemüllt werden, wie ich es dem alten sternenteufel huriel eh schon erlaubt habe zu tun, indem er euch ein sprechzentrum sowie einen griffel zwischen daumen, zeige- und kitzlerfinger eingepflanzt hat, um eure entwicklung gemäß euren vorstellungen ein wenig in schwung zu bringen, was aber wie du weißt meist gründlich danebengeht, wobei ich aber kein werturteil abgeben will und hier auf diesem level sowieso jeder machen kann, was er will, cityboy.

postypostman
00
16.6.2010, 20:51
wirklich schön!!

Das wichtigste Posting das Sie je lesen werden
00
15.6.2010, 07:21

Ein Werber beklagt sich über den Werberat - na was für eine Überraschung. Und tschüss.

Empfindlich
00
11.6.2010, 13:20
nicht der Werberat ist ein Ärgernis

der Präsident ist das größte öffentliche Ärgernis. Straberger sieht da halt eine Chance, sich mal wieder wichtig zu machen.

Schneedle Woods
21
10.6.2010, 17:57
Wie schön wären unsere Städte

ohne die vielen ästhetisch wertlos, beliebig in die Landschaft geklebten Plakate?
Wie angenehm wäre der OnLine-Standard ohne Banner, die während man mit der Maus drüberfährt, Geräusche von sich geben?

Wir leben im 21. Jahrhundert. Wer Werbung will, soll sie - meinetwegen nach Keywords - elektronisch oder in Papierform abonnieren können.

Werbung ist heutzutage in erster Linie eines: Lästig.

michel kapfer-giuliani
00
15.6.2010, 17:01
wie öde geht's denn noch?

1. Werbung ist so öd, bäh, deshalb fühlen Sie sich bemüßigt, in diesem Forum ihre eigene Meinung zum besten zu geben?
2. Werbung ist ein Wirtschaftszweig der Mehrwert schafft und schlussendlich verantwortlich dafür ist, dass Sie sich eine Zeitung leisten können/wollen, oder würden Sie gerne 100 euro pro Ausgabe einer Tageszeitung hinblättern?
Diese dumpfe, unreflektierte Kritik an der bösen, faden, Werbung sollte in diesem Medium ein wenig differenzierter geführt werden, was meinen Sie?

adversario
01
10.6.2010, 16:45
Der Werberat

Was bringt eine Beschwerde des Werberats: Mehr Aufsehen für die Kampagne, mehr Zugriffe auf Youtube, mehr Talk of Town. Also eigentlich ein geeignetes PR-Tool, um Aufmerksamkeit für per se nicht überzeugende Kampagnen zu generieren.

Rudi Cerlimek
11
10.6.2010, 15:31
Muss man das wirklich alles gelesen haben

oder reicht es wenn man in die blauen Augen des wirklich feschen Niko the new Nespressoman Alm schaut

erwin meier
00
10.6.2010, 13:01
Also darf man alles was laut Gesetz nicht verboten ist?

Das ist das Problem mit den Freiheiten - sie funktionieren so lange, wie sich alle trotz Freiheit an ein paar ungeschriebene Spielregeln halten. Wenn nicht, beginnen die Einschränkungen.

Wie ist das zB mit den Paparazzi? Sind doch auch nur "Journalisten" die im Sinne der Pressefreiheit agieren. Und wenn sie's übertreiben, gibts plötzlich ein Gesetz, und vorbei ist es mit der Pressefreiheit. Und weil Gesetze immer schwammig formuliert sind, weiss dann keiner mehr, was erlaubt ist, und was nicht.
Da ist mir eine brancheninterne FREIWILLIGE SELBSTBESCHRÄNKUNG tausendmal lieber.

Wer immer nach Gesetzen ruft, runiert sich die Freiheiten, für die er vorgeblich kämpft.

besson
00
10.6.2010, 11:51

werbung ist nunmal mehr als produkt verkaufen. es dringt in die seele der menschen ein durch seinen massenmedialen charakter. und wenn die vorgeschaltenen filter - auftraggeber, agentur, medien - als solcher versagen ist ein letzter branchenfilter durchaus sinnvoll. allerdings war der hier viel zu spät.

Lieutenant Uhura
02
10.6.2010, 10:36
des is doch alles sowas von wurscht. meine güte!

erwin meier
00
10.6.2010, 12:40

aber selber anklicken, lesen und kommentieren...

jubilee.
00
10.6.2010, 10:20

wenn mand as konsequent weiterdenkt muss man mit den moralischen und ethischen fragen aber schon beim beworbenen produkt ansetzen und is dann bei so wettsachen sowieso schnell in einer grauzone (grad was das kinder/jugendliche argument angeht)

momodeluxe
00
10.6.2010, 08:58

in einer idealen gesellschaft bräuchte man keine gesetze, keine gerichte, und auch keine werberäte, denn jeder wüßte wie man sich "richtig" verhält.

es findet sich aber immer jemand, der aus egoismus und kurzsichtigkeit ungeschriebene gesetze bricht, zb indem man darstellt, daß es ursuperlustig ist, nach erhalt eines strafmandats den "gegner" niederzustrecken.

und immer dann, wenn eine besonders "breite" und "öffentliche" diskussion gefordert wird, weiß man sofort, daß die nie stattfinden wird.

mit der entscheidung des werberates hat herr alm aber anscheinend kein problem.

ridley scotty
00
10.6.2010, 00:21
Werberat - eine kath. Vorfeld Organisation

der Laun als Ehrenpräsident ist für das Image eher kontraproduktiv.

Ashdod
00
der autor will wohl sagen:

hätte es den werberat nicht gegeben, so wäre diese unsägliche werbung niemals auf sendung gegangen.
nette aussage!!!!

Matthias Stoecher
02
7) ungewünschte PR für fragwürdige Sujets

Meines Erachtens ist es vom Wettanbieter ja Strategie mit dem Sujet beim Werberat an zu ecken um damit noch mehr Aufmerksamkeit auf die Kampagne zu lenken. Und damit führt sich der Werberat für mich komplett ad absurdum, da er für die Sujets die er ablenkt ordentlich PR macht.

Für die aktuelle Kampagne, hatte ich auch keine passende Erklärung für den 5jährigen Junior, der mich fragt warum der Polizist hier gehaut wird.

Niko Alm
 
00
Erklärungsnotstand

Ich räume ein, dass es ein gewisses Vermittlungsproblem bei Kindern gibt. Doch ist der Werberat da die richtige Instanz? Ich glaube nicht. Die vom Werberat gebilligte Bordell-Werbung ist sich er auch erklärungsbedürftig. Hier rührt der Werberat aber keinen Finger.

Wenn Agenturen ihre Kampagnen selbst beim Werberat melden, um derartige Reaktionen zu provozieren, ist ja das fast schon subversiv. Aber nicht einmal da würde ich mir eine Bewertung nach ethischer Vertretbarkeit anmaßen.

Belze Bub
01
naja..

wir wollen mal nicht das kind mit dem bade ausschütten. nur in ihrer welt entfällt auf buzz marketing und social media der "löwenanteil der kommunikation".
selbsternannte info-eliten...

jubilee.
00
10.6.2010, 10:12

dasselbe hat in den 40er jahren sicher auch jemand über fernsehwerbung gesagt...

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